Er hat meine Seele zum Frieden erlöst

David in einer schwierigen Situation


7. Januar 2022In KurzgedankenBy Karsten Risseeuw10 Minutes

David hat viele Lieder geschrieben. Wir finden Sie im Buch der Psalmen. Oft erhalten die Psalmen Gebete, worin er sein eigenes Erleben in einen Dialog mit Gott setzt. Sein Erleben in dieser Welt, seine Fragen und Klagen an Gott und seine Erfahrung in der Zeit.

In Psalm 55 schreibt er:

«Er hat meine Seele zum Frieden erlöst, dass sie mir nicht nahen können, denn mit vielen sind sie gegen mich gewesen.»
Ps 55,19

Was könnte das heissen? Was können wir daraus lernen? Der Hintergrund zu diesem Psalm ist vermutlich in 2. Samuel 15 zu finden. Dort flüchtet David vor seinem Sohn Absalom aus Jerusalem heraus. David war immer noch König, aber Absalom hat einen Coup geplant und kurz nachdem David Jerusalem verlassen hat, hat Absalom die Stadt übernommen.

Hier ist ein Vater auf der Flucht vor dem eigenen Sohn. Nicht nur das. Davids Berater, Ahitofel, hat sich zu Absalom gesellt. 2. Samuel 15 gibt einen bewegten Einblick in diese Entwicklung. David war jedoch nicht allein, sondern es gab über 600 Menschen, die mit ihm aus Jerusalem hinauszogen. Das waren dreimal so viele Menschen als Absalom mitführte. Absalom hatte jedoch ganz Israel gegen David aufgewiegelt. David wollte ein Blutbad vermeiden und hat die Stadt verlassen.

Intrigen und Machtspiele

Verschiedene Hinweise im Text deuten auf diese Situation ein. David floh nicht wegen Feinden, sondern wegen Vertrauten.

«Denn nicht ein Feind höhnt mich, sonst würde ich es ertragen; nicht mein Hasser hat grossgetan gegen mich, sonst würde ich mich vor ihm verbergen; sondern du, ein Mensch meinesgleichen, mein Freund und mein Vertrauter, die wir die Süsse der Gemeinschaft miteinander erlebten, ins Haus Gottes gingen in festlicher Unruhe!»
2Sam 15,13-15

Intrigen und Machtspiele von Absalom. David, der sich damit auseinandersetzen muss. Verunglimpfungen und Menschen, die sich zu dieser oder jener Seite schlagen. Wer den Text aufmerksam liest, findet diese und viele weitere Hinweise auf das ganze Spektrum menschlicher Irrungen und Wirrungen.

Davids Gottvertrauen

Mitten da drin steht aber auch David mit seinem Gottvertrauen.

«Ich aber, ich rufe zu Gott, und der Herr rettet mich!»
Ps 55,17

Der König vergisst aber nicht die raue Realität, sondern ergänzt gleich:

«Abends und morgens und mittags klage und stöhne ich.»
Ps 55,18

Das war kein Pappenstiel. Sein eigener Sohn hat hinter seinem Rücken den Thron beansprucht, das Volk gegen ihn aufgewiegelt und Stadt und Tempel eingenommen. Da spielen sich ganz reale Dramen ab. David stellt aber diese Erfahrung in einem grösseren Kontext:

«Und er [Gott] hat meine Stimme gehört. Er hat meine Seele zum Frieden erlöst, dass sie mir nicht nahen können. denn mit vielen sind sie gegen mich gewesen.»
Ps 55,18-19

David wurde gehört

Gott hat ihn gehört. Das bezeugt er König hier. Gott hat seine Stimme gehört und seine Seele zum Frieden erlöst. Das war nicht einfach ein frommer Spruch. Hier sprach David aus eigenem schmerzhaftem Erleben. Gott hat seine Seele zum Frieden erlöst, obwohl die äusserliche Situation sich noch nicht geändert hat. Er war vorläufig mit allen Gefolgsleuten in Sicherheit, aber die Stadt, den Thron, den Tempel hat er hinter sich gelassen. David war in keiner komfortablen Situation, sondern von Betrug und Verrat zur Flucht gezwungen. Seine Seele jedoch hatte Frieden.

David vertraut Gott

Das Wort «Seele» steht für den ganzen Menschen, für das Leben, das wir haben, für die Empfindung. Seele ist hier kein «höheres Prinzip», sondern die Zusammenfassung von dem, was uns als Mensch ausmacht. David war in «seelischer Not», aus den Herausforderungen seiner Situation heraus. Hier hat er sich seinem Gott zugewandt und bezeugt jetzt:

«Er hat meine Seele zum Frieden erlöst.»

Frieden! Aber nicht äusserlich. Äusserlich waren Chaos und Unsicherheit. Das Wort «erlöst» (hb. padah) wird für einen Freikauf genutzt. So beispielsweise bei der ersten Erwähnung dieses Wortes in 2Mo 13,13. Da wurde real etwas getan, um etwas freizukaufen. So erfährt es David. Gott hat sich für ihn eingesetzt, und seine Seele nun zum Frieden freigemacht. Aktiv! Genauso lesen wir das bereits in einer früheren Aussage von David:

«So wahr der HERR lebt, der meine Seele aus jeder Not errettet (hb. padah) hat.»
2Sam 4,9

Erstaunlich ist das allemal, denn es sind viele gegen David. Der König jedoch beschreibt das wie folgt:

«…dass sie mir nicht nahen können, denn mit vielen sind sie gegen mich gewesen. Hören wird Gott und sie unterdrücken – er thront ja von alters her, weil es keine Zuverlässigkeit bei ihnen gibt und sie Gott nicht fürchten.»
2Sam 15,19-20

David vertraut auf Gott. Das ist eine ganz andere Nummerngrösse, als die sich gegen David verbündet haben. Bei seinen Feinden gibt es keine Zuverlässigkeit und sie fürchten Gott nicht. So schätzt David seine Situation ein. Diese Beschreibung ist nur eine Ergänzung. Keineswegs steigert sich David hier in Feindbilder hinein. Er skizziert einfach das ganze Umfeld, wie er das versteht.

Zentral jedoch steht die Aussage «Er hat meine Seele zum Frieden erlöst». Das ist das Licht, wovon dieser Psalm spricht. Der Hintergrund dafür ist leider stockdunkel. Gerade deshalb ist das Zeugnis in diesem Psalm so stark.

Loslassen

Ich wünsche uns, dass wir in unserem Leben wie David erkennen können. David hatte den Mut alles hinter sich zu lassen, den Thron, den Tempel. Er wollte kein Blutbad in Jerusalem. Er ist gegangen, voller Anerkennung für alle, die mit ihm zogen, wie wir es in 2Sam 15 nachlesen können. Priester hatten die Bundeslade aus dem Heiligen der Heiligen ebenfalls aus die Stadt hinausziehen lassen, aber David schickt sie mit der Bundeslade zurück:

«Bring die Lade Gottes in die Stadt zurück! Wenn ich Gunst finde in den Augen des HERRN, dann wird er mich zurückbringen und mich ihn und seine Stätte wiedersehen lassen.»
2Sam 15,25

David übt das Loslassen. Und Loslassen im Glauben geschieht dadurch, nicht nur die Kontrolle abzugeben, sondern auch bewusst alles Gott zu überlassen. David vertraut Gott. Er wird es richtig machen, so oder anders. David vertraut darauf, dass Gott es klären wird. Was immer kommt, will David aus Gottes Hand nehmen.

Wo man sich vor Gott niederwirft

Dann lesen wir, wie David aus der Stadt hinauszog und auf den Ölberg kommt. Die Situation ist fast identisch wie später Jesus aus Jerusalem hinauszieht und in Gethsemane weint und im Gebet mit Gott ringt.

«David aber ging die Anhöhe der Olivenbäume hinauf und weinte im Gehen; und sein Haupt war verhüllt, und er ging barfuss. Und alles Volk, das bei ihm war, sie hatten jeder sein Haupt verhüllt und gingen unter ständigem Weinen hinauf.»
2Sam 15,30

Der Ölberg wird einige Verse weiter mit diesen Worten beschrieben: «Als David auf den Gipfel gekommen war, wo man sich vor Gott niederwirft (hb. shachah (2Sam 15,32). Das war die Abgeschiedenheit von der Stadt, und doch gleich gegenüber vom Tempelberg. Es war ein geeigneter Ort, sein Herz vor Gott auszuschütten.

Wer Dich erhalten wird

Frieden ist ein wichtiges Wort in der Bibel und ein wichtiges Thema. Es ist wichtig, weil es in dieser Welt oft nicht friedlich ist. Der Begriff erhält seine Kraft gerade aus dem Widerspruch, aus der anderen Erfahrung. Friede, oder «Schalom» im Hebräischen, ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Es ist Wohlbefinden, die Bestätigung des Lebens.

«Er hat meine Seele zum Frieden erlöst» besagt also mehr als nur ein Waffenstillstand. David ist zur Ruhe gekommen, er ist in Sicherheit, er erlebt Wohlbefinden. All das nur, weil Er auf Gott vertraut. Der Frieden, den David spürt, ist in Seinem Gott gegründet.

«Wirf auf den HERRN deine Last, und Er wird dich erhalten; er wird für ewig nicht zulassen, dass der Gerechte wankt.»
Ps 55,23