Es mag verwundern, aber die Bibel spricht nicht von einer Hölle. Wer von einer Hölle fest überzeugt ist, mag bei diesen Worten mit dem Stirn runzeln. Dem halte ich entgegen, dass man die Bibel ernsthaft auf eine Hölle prüfen sollte. Dann kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Die Selbstverständlichkeit, womit manche Christen von einer Hölle ausgehen, mag überzeugend wirken. Glaubst Du etwa daran? Dann möchte ich Dich ernstnehmen. Reden wir darüber. Gehen wir einmal davon aus, dass es eine Hölle gibt. Dann aber möchte ich das auch prüfen können. Worüber stolpere ich bei einer Prüfung?
Das Wort Hölle
Wo findet man das Wort «Hölle»? Nur in manchen und nicht in allen Übersetzungen. Je näher eine Übersetzung am Grundtext bleiben möchte, desto schneller verschwindet die Übersetzung «Hölle» aus dieser Übersetzung.
Man sollte hier jedoch auch bedenken, dass Jesus und die Apostel kein heutiges Deutsch, Englisch, Niederländisch sprachen, und in der ursprünglichen Sprache des Neuen Testaments kein Wort für Hölle besteht. Das Wort «Hölle» steht im Verständnis vieler Menschen für eine Reihe von Interpretationen, für eine bestimmte Idee. Das ist jedoch weniger klar, wenn wir die jeweilige Übersetzung mit dem griechischen Grundtext des Neuen Testaments vergleichen.
Bei einem Vergleich zeigt sich, dass das Wort «Hölle» im griechischen Grundtext keine eindeutige Entsprechung kennt. Die Ideen, die wir heute mit einer Hölle verknüpfen stammen nicht aus der Zeit des Neuen Testaments. Dort nämlich, wo in manchen Übersetzungen noch Hölle erwähnt wird, stehen im Grundtext unterschiedliche Wörter. Einmal wird das griechische Wort «Hades» mit Hölle übersetzt, ein anderes mal gilt das für «Gehenna» oder «Tartaroo». Es ist recht chaotisch, nicht konsistent und unzusammenhängend. Werden unterschiedliche Wörter alle mit «Hölle» übersetzt, mutet das seltsam an, weil die ursprünglichen verschiedenen Wörter im Neuen Testament ganz unterschiedlich genutzt wurden. Wer mit «Hölle» übersetzt, der tut das aus bestimmten theologischen Traditionen heraus, nicht auf Basis des Grundtextes.
Kein einziges Wort im Grundtext kann konsequent mit «Hölle» übersetzt werden. Es gibt kein Wort im Grundtext, welches mit dieser Hölle-Tradition übereinstimmt. Die Bibel kennt im Grundtext kein Wort für «Hölle». Nur manche Übersetzungen sprechen deshalb von einer Hölle. Die Differenzen müssen auffallen und stutzig machen.
Noch seltsamer wird es, wenn man verschiedene Bibelübersetzungen miteinander vergleicht. Je näher eine Bibelübersetzung zum Grundtext halten will, umso schneller verschwindet der Begriff der «Hölle» aus der Schrift. Man liest weniger oder gar nicht mehr über eine Hölle, sondern es wird eher direkt auf die Grundtext Bezug genommen. Statt «Hölle» erscheint dann oft ein direkter Verweis an den Grundtext. Hier einige Beispiele aus deutschen Übersetzungen:
- Offenbarung 20,14, im Kontext vom letzten Gericht vor dem grossen weissen Thron
Elberfelder schreibt: Hades (dieses Wort steht im Grundtext)
Luther 2017 schreibt: Hölle (weshalb?)
Schlachter 2000 schreibt: Totenreich (in Anlehnung an griechische Vorstellungen?). - Lukas 16,23, im Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus
Elberfelder schreibt: Hades (dieses Wort steht im Grundtext)
Luther 2017 schreibt: Hölle (weshalb?)
Schlachter 2000 schreibt: Totenreich (in Anlehnung an griechische Vorstellungen?).
Der Punkt ist dieser: Wer bestimmt die Übersetzung und weshalb diese unterschiedliche Wortwahl? Liest man im Grundtext von «Hades», «Gehenna» oder «in den Tartarus werfen», dann sind das in der Bibel nicht dieselben Dinge. Sie sind unterschiedlich, weshalb sie mit unterschiedlichen Wörtern benannt werden. Warum sollte man sie zusammenwürfeln und einheitlich übersetzen? Dieselben griechischen Wörtern werden nicht immer mit denselben Deutschen Wörtern übersetzt. Die Übersetzung geht selektiv vor. Das ist willkür. Ein Beispiel:
- Apg 2,27 (das griechische Wort «Hades»)
Elberfelder schreibt: Hades
Luther 2017 schreibt: Reich des Todes
Schlachter 2000 schreibt: Todesreich - Luk 10,15 (das griechische Wort «Hades»)
Elberfelder schreibt: Hades
Luther 2017 schreibt: Hölle
Schlachter 2000 schreibt: Totenreich.
Die Luther-Übersetzung schreibt für dasselbe Wort «Hades» also einmal «Reich des Todes» und ein andermal «Hölle». Weshalb ist das so? Es wird deutlich, dass die Übersetzungen nicht übereinstimmen. Auf Basis einer Übersetzung lässt sich keine Hölle erklären. Auf Basis des Grundtextes findet man gar kein Wort, was mit der traditionellen Hölle übereinstimmt. Spannend wird es auch, wenn man die drei ursprünglichen Begriffe für sich betrachtet und einmal alle Bibelstellen nachgeht, worin sie genannt werden. Keines dieser Begriffe zeigt das Bild der Hölle-Tradition vieler christlicher Gemeinschaften. Das soll aufhorchen lassen.
Wenn ich als Christ meine, dass meine Glaubensvorstellungen auf die Bibel abgestützt werden sollten, kann ich diese Befunde nicht einfach abschütteln, ohne mein Christsein in Frage zu stellen. Vielleicht entdeckt man, dass man eher von der Tradition als von der Bibel ausgeht. Diese Entdeckung kann einem Erdbeben für die eigenen Glaubensvorstellungen gleichkommen. Respekt, wenn du dich damit auseinandersetzen wagst!
Wer lehrt eine Hölle?
Die Idee einer Hölle finden wir nicht im Alten Testament. Dort wird keine Hölle erwähnt, auch in wenigen Bibelübersetzungen ein oder zwei Referenzen auftauchen. Schaut man die beliebtesten Bibelstellen von Hölle-Liebhabern an, landet man in den Evangelien. Jesus nämlich soll die Hölle introduziert haben. Vor ihm spricht niemand darüber. Nach ihm spricht niemand darüber. Auch die Apostel reden nicht von einer Hölle und schon gar nicht von den Höllenvorstellungen heutiger Gläubige.
Jesus spricht jedoch auch nicht über eine mittelalterliche Hölle. Das Mittelalter kam erst viel später. Jesus sprach von der Gehenna und verwies ausdrücklich auf einen bestimmten Zusammenhang der von Jesaja geprägt war (Luk 9,43-48; Jes 66,24). Jesaja lehrte jedoch keine Hölle.
Zusammenfassend:
- Vor Jesus sprach niemand von einer Hölle.
- Jesus sprach nicht von einer Hölle, sondern von der Gehenna.
- Nach Jesus sprach niemand von einer Hölle.
Die Hölle der Tradition
In der Bibel spricht niemand von einer Hölle. Die Hölle als Idee und Ort der Strafe und Gerechtigkeit Gottes entsteht viel später. Sie wird dann als Sammelsurium von Ideen mit Bibeltexten verknüpft, obwohl die Texte selbst von etwas anderem sprechen. Die Hölle wird also auf die Bibel projiziert und wer daran gewöhnt ist, liest es auch wieder heraus. Es gibt zwar keine Begründung für eine Hölle in der Bibel, aber die Gewohnheit und Tradition erwähnt immer dieselben Texten, bis Menschen glauben, dass dort eine Hölle gelehrt wird.
Die Hölle wird heute also durch Zirkelschlüsse aufrechterhalten: Zuerst wird die Idee einer Hölle auf die Bibel projiziert, um danach auf die vordefinierte Erklärungen zu verweisen und zu sagen, «sieh doch, da steht es!». Aber nein, es steht nicht dort, wenn man diese Texte im jeweils eigenen Kontext deutet. Das ist das Problem.
Die Hölle der Tradition wird ausserdem durch viele stützende Gedanken begründet. Da gibt es die Idee, dass Gottes Gerechtigkeit die Hölle geradezu fordert, weil Gerechtigkeit sonst nie erreicht wird. Kritisch: Die Gerechtigkeit Gottes wird bei einer «ewigen» Hölle per definitionem nicht erreicht. Die Ewigkeit der Hölle macht das Erreichen einer Gerechtigkeit Gottes unmöglich. Die Hölle ist also nie eine Lösung für die Gerechtigkeit Gottes. Hölle-Liebhaber kennen die Gerechtigkeit Gottes offenbar nicht, die Er bereits am Kreuz erreicht hat. Es wird «Gottes Gerechtigkeit» genannt, die in der frohen Botschaft verkündet wird (Röm 1,16-17; Röm 3,21 ff). Die Hölle der Tradition ist die Verballhornung der Gnade Gottes.
Die Hölle der Tradition ist Teil eines grösseren Kartenhauses an Annahmen, die nicht in der Bibel zurückzufinden sind, aber unbedingt dort geortet werden müssen. Man denke etwa an Ideen wie: ein «absolut freier Wille des Menschen» und «Glauben müssen, um gerettet zu werden». Diese Ideen sind Folgerungen aus der Tradition, mehr nicht. Es handelt sich nicht um biblische Prinzipien, noch weniger um in der Bibel erklärte Zusammenhänge. Es sind fantasiereiche Formulierungen aus den Traditionen, womit viele aufwachsen.
Wer die Hölle überwinden will und dafür die Bibel selbst befragen möchte, der kann das. Was aber hinterfragt wird ist nicht nur die Idee einer Hölle selbst, sondern auch damit zusammenhängende Lehren, wie die eines absolut freien Willens des Menschen, wozu die Bibel nichts sagt. Deshalb kann es dazu kommen, dass ein Kartenhaus zusammenbricht, und nicht nur eine einzelne Karte ausgewechselt wird.
Die Hölle der Selbstgerechten
Unbequem aber häufig nachvollziehbar: Hölle-Liebhaber treten nicht selten überheblich, selbstgerecht und verurteilend auf. Die Hölle-Liebhaber selbst kommen natürlich nie in die Hölle, sind aber überzeugt, dass andere, die das anders sehen, gar nicht gläubig sein können. Hölle-Glaube wird zum Gradmesser der Rechtgläubigkeit, zum Abgrenzungsmechanismus und Ausschlusskriterium.
Es mag absurd tönen, aber wer auf Basis der Gnade Gottes über die Hölle zweifel hegt, kann von der eigenen Gemeinschaft ein Ultimatum gesetzt bekommen. Man muss entweder auf diesen Lehrpunkt einlenken oder aus der Gemeinschaft ausscheiden. Hölle-Gläubigkeit wird hier zum Zeichen der «richtigen Lehre». Dort erscheint, was die Glaubenshaltung der Gemeinschaft prägt: Überheblichkeit, Selbstgerechtigkeit und Verurteilung anderer. Es ist mit der Gnade Gottes in Christus Jesus nicht vereinbar.
Wenn die Hölle kein Zeichen der Rechtgläubigkeit ist, weil es in der Bibel keinen Platz hat, weshalb sollte man sich dann nicht über diesen neuen Einblick und Ausblick freuen? Wäre das nicht viel mehr der Gnade entsprechend?
Selbstgerechte wehren sich gegen Gnade, weil Gnade keinen Eigenverdienst kennt. Selbstgerechte stützen sich auf eigene Leistung und fordern das ebenso von anderen. Die Gnade muss vor der Tür bleiben. Das ist jedoch Religion, kein Glaube. Wer glaubt, freut sich an der Gerechtigkeit, die Gott aufgerichtet hat und sagt mit Paulus:
«Alles aber von dem Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch [Jesum] Christum und hat uns den Dienst der Versöhnung gegeben: nämlich daß Gott in Christo war, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend, und hat in uns das Wort der Versöhnung niedergelegt.»
2Kor 5,18-19
Keine Hölle
Die Bibel kennt keine Hölle. Wer auf eine Hölle besteht, der besteht auf eine Tradition und verschliesst sich vor dem Zeugnis der Bibel. Selbstgerechte Höllenprediger können zwar verführen, aber auf Dauer keine Menschen überzeugen. Gnade spricht anders. Frohbotschaft oder Drohbotschaft ist hier der Unterschied. Was wählst du?

