Kürzlich unterhielt ich mich mit einem Freund und dieser erwähnte auffällig oft den Begriff «Glaubensgehorsam». Seine Erklärung dazu blieb letztlich unklar.
Gerade habe ich bei einer Bildagentur nach dem Stichwort «Gehorsam» gesucht. Auf der Suche nach Bildern für die Beiträge dieser Seite lizenziere ich diese meist über eine Agentur. Dann stockte mir kurz der Atem. Als Suchresultate für «Gehorsam» wurden ausschliesslich Bilder von Kirchen und Kirchgängern gezeigt. Wie seltsam und verschroben kommt mir das vor. Keine Bilder von Familien, Parkbussen, Gerichtssälen und Schulen. Offenbar wird heute mancherorts der Begriff «Gehorsam» nur mit religiösen Institutionen und deren Anhängern gleichgeschaltet. So betrachten es offenbar einige Menschen, die Suchbegriffe zu Bildern erfassen. Ich vermute, dass diese Einschätzung eine gewisse Relevanz hat. Bestimmt war es keine lobende Erwähnung.
Paulus spricht von «Glaubensgehorsam» (Röm 1,5). Man könnte also eine Idee über diesen Begriff in der Bibel zurückfinden. Umgeht man den Kontext für seine Aussage und löst den Begriff «Glaubensgehorsam» aus dem biblischen Kontext, kann man damit Unfug treiben. Der Begriff lebt dann ein Eigenleben und wird, mit anderem Inhalt gefüllt, zu einem Folterwerkzeug für manche Gläubige. Wie kann das passieren?
Wo liegt die Betonung?
Der Begriff «Glaubensgehorsam» ist ein Konstrukt aus zwei Wörtern: Glauben und Gehorsam. Man könnte auch von einem «Gehorsam des Glaubens» reden. Wo liegt jetzt die Betonung? Geht es um Glauben oder um Gehorsam? Wo der Schwerpunkt empfunden wird, findet man in der Lehre, den Ansichten und Erwartungen zurück.
- Gehorsam steht zentral
Bei diesem Glaubensgehorsam ist «Glaube» die Art, wie man «Gehorsam» ausdrückt. Gehorsamkeit ist der Hammer, womit der Glaube eingehämmert wird. Der Massstab aller Dinge ist hier ein «Gehorsam» gegenüber Glaubensvorstellungen. Man wird hier aufgefordert, etwas als «Akt des Glaubens» zu tun oder zu lassen. Richtig zu glauben, wird überlebenswichtig, wenn man gehorsam sein möchte. Ist dieser Akt erfolgreich, ist man «gehorsam». Ist sie dagegen nicht erfolgreich, hat man diese Erfolgsstufe nicht erreicht. Gehorsam scheint hier der Ausdruck gesetzlicher Glaubensvorstellungen zu sein, worin der Mensch und sein Tun zentral gesetzt werden. - Glauben steht zentral
Bei dieser Fokussierung liegt die Betonung auf Glauben, nicht auf Gehorsamkeit. Das funktioniert gerade umgekehrt zur vorherigen Variante. Es geht nicht um Gehorsamkeit, sondern um Glauben. Wozu wurde etwa Paulus berufen? Er spricht von «Jesus Christus, unseres Herrn, (durch welchen wir Gnade und Apostelamt empfangen haben für seinen Namen zum Glaubensgehorsam unter allen Nationen)». Das war die umwerfende Aussage, dass es nicht um Werken ging, nicht um Leistung oder Erfolg, sondern um Glauben.
Gehorsam gibt es in beiden Vorstellungen. Im ersten Fall ist es ein Gehorsam gegenüber Regeln, wodurch es gesetzlich erscheint. Die Regeln sind dann häufig die Vorstellungen der Glaubensgemeinschaft und Lehrvorstellungen, denen man nachfolgt. Im zweiten Fall ist es befreiend, weil es nicht um das Halten von Regeln und Vorstellungen geht. Was das Evangelium der Gnade bewirkt, ist «Glauben». Es ist ein «Glaubensgehorsam», weil Glaube den Gehorsam identifiziert. Als «Gehorsam des Glaubens» ist es die Gehorsamkeit, die durch Glauben entsteht, nicht eine Gehorsamkeit, die durch Befolgen von Regeln gefordert und erzwungen wird.
Gnade zentral
Wenn Paulus schreibt, «Gnade und Apostelamt empfangen zu haben für seinen Namen zum Glaubensgehorsam unter allen Nationen», dann ist Gnade der Anfang. Glaubensgehorsam steht unter der Gnade, die der Apostel selbst zuerst empfangen hat (Röm 1,5; Röm 1,11). Jeden Brief, den der Apostel schreibt, beginnt mit Gnade. So spricht er zur Gemeinde, zu seinen Mitarbeitern und Freunden.
Diese Gnade steht in Kontrast zur Eigenleistung. Gnade ist unverdiente Gunst Gottes. Wer dagegen «Gehorsam sein will», sucht eine Rechtfertigung durch Eigenleistung.
«Dem aber, der wirkt, wird der Lohn nicht nach Gnade zugerechnet, sondern nach Schuldigkeit.»
Röm 4,4
Gnade dagegen wird auf Basis von Gottes Leistung in Christus geschenkt. Glaube und Gnade gehören zusammen, weil der Mensch nicht mehr im Zentrum steht, nicht alles von meiner Leistung abhängig ist.
«Darum ist es aus Glauben, auf daß es nach Gnade sei.»
Röm 4,16
«Wenn aber durch Gnade, so nicht mehr aus Werken; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade.»
Röm 11,6
Verführung durch Religiosität
Wer glaubt, der vertraut auf einen anderen. Ultimativ spricht dies von Gottvertrauen. Wer religiös ist, der vertraut auf sich selbst, auf eigene Leistung und das Befolgen von Regeln und Vorstellungen.
Religiöse Pflichten und fromme Handlungen haben zwar einen «Schein von Weisheit, in eigenwilligem Gottesdienst und in Demut und im Nichtverschonen des Leibes», aber dienen nur «zur Befriedigung des Fleisches» (Kol 2,23). Schein oder Sein, das ist hier die Frage. Denken wir an die Gretchenfrage aus Goethes Faust: «Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?», dann kann man das Glaubensverständnis in zwei Richtungen verstehen.
- Wenn der Gehorsam zentral steht, scheint es eher um Religiosität und eigene Leistung zu gehen.
- Geht es dagegen um Glauben, kann dies nur aus einem Vertrauen wachsen, als Antwort auf eine gute Nachricht.
Die erste Interpretation ist eher gesetzlich und von der eigenen Leistung begrenzt. Die zweite Variante hat den Glauben zentral. Damit ist sie von der Verkündigung und in letzter Instanz von Gott abhängig. Religion schaut auf eigene Leistung. Glauben schaut auf Gottes Leistung. Dies ist ein radikaler Unterschied zwischen beiden Sichtweisen.
Die Verführung durch Religiosität kann verschiedene Ausprägungen annehmen. Auch stillschweigende Erwartungen, sich so und nicht anders zu verhalten, dieses und nichts anderes zu glauben, äussere Merkmale anzunehmen und dergleichen mehr, zeigen auf gelebte Religiosität. Bestenfalls ist es ein Ausdruck des persönlichen Glaubens. Nicht aber ist es Gehorsam an Gott, der nicht mit Regeln, sondern mit Gnade auf Dich zukommt (Eph 2,8-10).
Reverse Engineering
Kennst Du den englischen Ausdruck «Reverse Engineering»? Auf Deutsch heisst das so viel wie «umgekehrt entwickeln». Dabei geht man von einem fertigen Produkt, einer fertigen Lösung oder einer fertigen Software aus, und versucht, die Lösung vom Endergebnis her zu verstehen. Welche Schritte sind dann erforderlich, um vom Endresultat zum Ursprung zu kommen? Und: wie kann man etwas Ähnliches nachbauen?
Ein «Reverse Engineering» versucht, die Mechanismen zu verstehen, wie etwas entstanden ist. Der Ansatz ist interessant, wenn man biblische Lehren auf dieselbe Art untersucht. Woher kommen diese oder jene biblische Lehren? Was bezwecken sie? Hier einige Beispiele:
- Heiligungslehren
Es gibt verschiedene Heiligungslehren. Sie besagen, dass Gläubige «heilig» leben müssen, um Gott wohlgefällig zu sein. Zweifellos kann man auf verschiedene Bibelstellen hinweisen, um genau diese Aussage zu machen. Worauf bauen jedoch solche Lehren? Hier kann ein «Reverse Engineering» Beweggründe und Mechanismen zutage fordern, die zur Einschätzung der Ansichten nützlich sind. Was benötigt etwa eine Heiligungslehre, damit sie entstehen kann? Wo liegt die letzte Verantwortung? Deutlich wird die letzte Verantwortung beim Menschen gelegt. Der Mensch wird mehr von eigener Leistung (den Forderungen der Gemeinschaft oder der Lehre) als von Gottes Gnade abhängig. Wer von 100 % Gnade ausgeht, kann nicht bei einer Heiligungslehre landen. Es geht nicht. Gnade und Eigenleistung widersprechen sich. Notiz: Dies ist natürlich kein Freibrief für ein liederliches Leben (Röm 6,15). Hier ist der Unterschied: Wenn ich aus Gnade lebe, bewirkt das ein Gott wohlgefälliger Lebenswandel. Gnade erzieht (Tit 2,11-12). Christus sollte Gestalt in uns gewinnen (Gal 4,19). - Rettung verlieren
Einige Lehren beharren darauf, dass man die Rettung wieder verlieren kann. Wer trägt hier die Endverantwortung? Unabhängig einer Begründung kann man durch «Reverse Engineering» rasch verstehen, was die Ursprünge solcher Lehrvorstellungen sind. Was benötigt es, damit man zu solchen Aussagen kommt? Wenn man Gott alles zutraut und weiss, dass man von allem von Ihm abhängig ist, kann es dann zu einem Verlust der Rettung kommen? Notiz: Am besten gedeihen solche Vorstellungen in einem Umfeld von Hölle-Lehren. Das wirkt richtig bedrohlich. Es gibt diese Lehren jedoch an vielen Orten. Gemeinsam haben sie alle, dass nicht Gott, sondern der Mensch in letzter Konsequenz zuständig ist. Das ist problematisch, wenn man die Gnade einmal kennengelernt hat. Natürlich können Menschen «vom Glauben abfallen», aber zu Beginn war bereits klar, dass keiner gerecht ist, auch nicht einer (Römer 3,10). Das war der Ausganspunkt. Nur die Gnade Gottes war und wird grösser (Röm 5,18).
Glauben oder gehorsam?
Wer hier noch auf Gehorsamkeit pocht, möchte ich gerne von Gottes Gnade erzählen. Es ist die Gnade, die transformativ im Leben eingreift. Die Transformation ist keine Errungenschaft von mir, sondern in Konsequenz von der Gnade. So wie es der Apostel Paulus schreibt:
«Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war. Sei ich es nun, seien es jene, also predigen wir, und also habt ihr geglaubt.»
1Kor 15,10-11

