Mit dem vierten Kapitel des Epheserbriefes beginnt der zweite Teil von diesem Brief. Der Fokus ändert sich. Einerseits knüpft Paulus an die vorherigen Kapitel an. Aufgrund dieser Ausführungen geht es jetzt weiter. Die Lehre der ersten Kapitel sollte zu etwas führen.
Im ersten Vers des neuen Kapitels steht dies:
«Ich spreche euch nun zu – ich, der Gebundene im Herrn, würdig der Berufung zu wandeln, zu der ihr berufen wurdet.»
Eph 4,1
Das Wort «nun» führt von den vorherigen Kapiteln hinüber in diese Zeile. Es schliesst auch dabei an. Es ist, als würde der Apostel jetzt die logische Folge seiner bisherigen Ausführungen einführen. Das will geprüft und allenfalls entdeckt werden.
Der Gebundene im Herrn
Paulus beginnt dieses Kapitel mit einem Hinweis auf sich selbst. Es geht nicht um die Gemeinden, nicht um mich und auch nicht um dich. Zuerst sagt er etwas über sich selbst aus. Während er das erste Kapitel damit begann, sich als Apostel Christi Jesu durch Gottes Willen vorzustellen (Eph 1,1), spricht er hier von sich selbst als «Gebundener im Herrn». Es geht hier nicht direkt um die Autorität, die ihm von Gott für seine Aufgabe verliehen wurde, sondern um seine aktuelle Position, wie er die sieht, und in welcher Haltung er hier den Gläubigen zuspricht.
Es gibt weitere Unterschiede zwischen dem Anfang vom ersten und vom vierten Kapitel. Hier einige Differenzen im direkten Vergleich:
Kapitel 1
1:1
Paulus: Apostel Christi Jesu
1:3-10
Wiederholte Betonung von «in Christus», «in Ihm» usw.
1:3…3:21
Lehre zentral. Paulus erklärt seine Botschaft, enthüllt mehrere «Geheimnisse» und baut damit die Gemeinden auf.
Kapitel 4
4:1
Paulus: Gebundene im Herrn
4:1
Neue Einschätzung mit den Worten «im Herrn».
4:1…6:24
Lebenswandel zentral. Paulus beschreibt, wohin die Lehre führen darf und wie sich das im Alltag auswirkt.
Positionsänderung
Nachdem Paulus sich in den ersten Versen des Briefes introduziert hat, geht es im vierten Kapitel nicht länger um diese Einführung. Er ist nach drei Kapiteln den Lesern bekannt. Was im vierten Kapitel beginnt, hat einen anderen Klang. Paulus stellt hier keine Autorität voran, sondern spricht den Gemeinden zu:
«Ich spreche euch nun zu, … würdig der Berufung zu wandeln.»
Eph 4,1
Dieses Zusprechen ist kein Befehl, sondern eher eine Einladung, sich selbst zu entscheiden, «würdig der Berufung zu wandeln». Die Berufung hatte er in den ersten drei Kapiteln ausführlich dargelegt. Er hat erstmals die nichtjüdischen Gläubigen gleichwertig neben den jüdischen Gläubigen gestellt und geklärt, dass wir nun alle «in einem Geist Zugang zum Vater» haben (Eph 2,18). Jetzt geht es um die logische Folge dieser Lehre. Paulus hat die Berufung betont (Eph 1,18) und lehrt jetzt, dass man entsprechend dieser Berufung wandeln sollte.
Der Lebenswandel soll Abbild der Berufung sein. So kann man «würdig der Berufung wandeln». Innerhalb des Briefes gibt es demnach eine Positionsänderung für Paulus. Zuerst verkündet er, gemäss seines Auftrages, was die Berufung beinhaltet. Jetzt spricht er jedoch von einer anderen Warte aus. Als «Gebundener im Herrn» richtet er sich an die Gemeinden mit einem Anliegen, nämlich «würdig … zu wandeln». Diese Positionsänderung wird die nächsten Kapitel prägen.
Vereinfacht könnte man deshalb sagen, dass Kapitel 1 bis 3 «Lehre» zum Thema haben, während Kapitel 4 bis 6 den darauf aufbauenden «Praxis» betreffen. Beides gehört in einen Brief und beides gehört zusammen. Das ist beachtenswert, weil es nicht wenige Gemeinschaften gibt, die eine klare Betonung auf «Lehre» legen, während andere eine fast ausschliessliche Fokussierung auf «Lebenswandel» haben. Die Einseitigkeit ist problematisch. Lehre ohne Lebenswandel ist «Leere». Ebenso hat, wer Praxis ohne Grundlage anstrebt, eher eine Betonung auf religiöse Erwartungen ohne freimachenden Botschaft dahinter.
Lebenshaltung
Der Apostel lädt dazu ein, diesen Lebenswandel mit einer bestimmten Grundhaltung anzustreben. Er schreibt:
«Ich spreche euch nun zu – ich, der Gebundene im Herrn, würdig der Berufung zu wandeln, zu der ihr berufen wurdet, mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld einander in Liebe ertragend.»
Eph 4,1-2
Paulus schreibt dies an Gemeinden, und meint diese Gläubigen in ihren Gemeinschaften. Ihnen sagt er, sie sollten den Lebenswandel mit Demut, Sanftmut und Geduld prägen. Das heisst nicht nur, dass keiner über dem anderen steht, sondern dass alle sich gegenseitig mit Demut und Sanftmut begegnen. Anderen gegenüber sollte man sich mit Geduld widmen, «einander in Liebe ertragend». Geduld ist nicht automatisch da. Deshalb nennt Paulus das hier. Die Notwendigkeit, sich mit Geduld «in Liebe» zu ertragen, scheint aus seinen Erfahrungen zu stammen. Jahrelang hat er in Gemeinschaften gelebt. Geduld ist unerlässlich, wenn man den Nächsten ertragen möchte.
Vielleicht kann man das so sehen: Eine Gruppe von Menschen benötigt Zeit, damit man sich aufeinander oder auf neue Ideen einlassen kann. Ich habe das vor vielen Jahren von einem Pastor umsichtig einsetzen gelernt. Ich war eher resolut in Aussagen und konnte, wenn ich den Sinn dahinter erkannte, sofortige Kurswechsel realisieren. Gleichzeitig sah ich, dass andere sich direkt auflehnten. Ich lernte, wie wichtig es sei, einander Raum für Wachstum und Anpassung einzuräumen.
Diskutiere
- Wie verhalten sich Lehre und Lebenswandel?
- Was kommt von beiden zuerst? Weshalb?
- Wozu sollte Lehre führen?
- Christsein besteht in Wissen oder Wandel?
- Lebensraum und Glaubensraum – wie verhalten sich diese Begriffe zueinander?
- Beschreibe authentisches Christsein.

