Muss man glauben und getauft werden, um gerettet zu werden? Und wer das nicht genau so tut, wird dieser verdammt werden? Das nämlich scheint im Markusevangelium so erwähnt zu sein. Zitiert man nur diesen einen Vers, bleibt unklar, was mit «glauben», «taufen», «retten» und «verdammen» gemeint wird. Es wird dort nicht erklärt.
Im letzten Kapitel vom Markusevangelium kann man dies lesen:
«Wer glaubt und sich taufen lässt, der wird gerettet werden. Wer aber nicht glaubt, der wird verurteilt werden.»
Mk 16,16
Alles klar? Die Selbstverständlichkeit, womit dieser Vers in eine bestimmte Richtung interpretiert wird, lässt Zweifel aufkommen. Zweifel ist dort angebracht, weil im Text nicht erklärt wird, was mit diesen Worten gemeint ist. Einige wird das nicht stören, weil sie nicht den Anspruch haben, alles erklären zu müssen. Andere jedoch fürchten sich vor einer Verurteilung und sind verunsichert, ob sie selbst «gut genug» sind oder «richtig genug» glauben, um zu den Geretteten zu gehören. Statt Verurteilung sprechen andere Übersetzungen von «Verdammung», einem stark belasteten Wort.
Zur Interpretation dieses Verses gibt es keine schnelle Antwort. Es gibt eine gute Auslegung, aber die stützt sich auf ein Verständnis für den Text im eigenen Kontext. Damit ist einerseits der direkte Kontext vom Text gemeint, andererseits jedoch auch ein allgemeines Verständnis von den Evangelien. Deswegen ist dieser Beitrag etwas länger.
In diesem Beitrag
In diesem Beitrag wird ein oft zitierter Bibelvers aus dem Markusevangelium näher angeschaut. Es geht, wie bei jeder Bibelbetrachtung, um eine Interpretation. Es gibt bessere und weniger gute Interpretationen. Das ist auch von den Vorannahmen abhängig, mit denen man an den Text herantritt. Es ist anspruchsvoll, so etwas wie «vorurteilsfrei» zu denken. Hier trotzdem ein Versuch. Diese Betrachtung hat deswegen mehrere Ebenen: Es geht um die genannte Bibelstelle, aber ebenfalls geht es um das Verständnis vom Neuen Testament und darum, wie man dem Text auf die Spur kommen kann.
- Text im Kontext lesen
- Text im grösseren Zusammenhang lesen
- Unterscheiden zwischen dem, was explizit genannt und erklärt wird, und was nicht
- Eigene Vorannahmen sind wichtig, aber immer begrenzt.
Wie man zu einem Schluss kommt, ist genauso wichtig wie das, was man liest. Für eine bessere Zugänglichkeit wird dieser längere Beitrag nach einer allgemeinen Einführung in drei Abschnitten unterteilt: Kontext, Einordnung und Deutung.
Schwerpunkt in den Evangelien
Dieser Text steht in den Evangelien. Er ist deshalb eng mit der dort verkündeten Botschaft des Reiches Gottes verknüpft (Mk 1,15), die von frommen Juden erwartet wurde.
«Und siehe, es war in Jerusalem ein Mensch, mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels; und der Heilige Geist war auf ihm. Und es war ihm vom Heiligen Geist ein göttlicher Ausspruch geworden, dass er den Tod nicht sehen solle, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe.»
Lk 2,25-26
Niemand wusste von einer heutigen Kirche oder Gemeinde. Simeon wartete «auf den Trost Israels». Er sollte den Christus des Herrn sehen, bevor er sterben würde. Der Text spricht also von einer Erwartung für Israel, die Simeon vor seinen Augen erfüllt sah. Das Wort «Christus» im Hebräischen ist «Messias». Es erscheint logisch, dass dieses Wort und dessen Bedeutung hier mitschwingen. Paulus erklärt im Römerbrief:
«Denn ich sage, dass [Jesus] Christus ein Diener der Beschneidung geworden ist um der Wahrheit Gottes willen, um die Verheissungen der Väter zu bestätigen.»
Römer 15,8
Der Kontext der Evangelien befasst sich demnach mit den Verheissungen der Väter (von Israel), weshalb Jesus ein «Diener der Beschneidung» geworden ist. Darüber hat Jesus gesprochen.
Betrachtungsweisen
Liest man den Vers aus Markus 16,16 losgelöst vom Kontext, wird noch nichts erklärt. Es wird eine Bedeutung vorausgesetzt, die mit den Wörtern «glauben», «taufen», «retten» und «verurteilen/verdammen» verknüpft wird. Wer möchte diese Begriffe mit 100‑%iger Gewissheit deuten? Es fällt im Text zuerst auf, dass die Begriffe zwar genutzt, aber keineswegs erklärt werden. Woher kommt also eine angenommene Bedeutung? Kommt sie aus der eigenen Tradition, dann liest man den Text durch die Brille der eigenen Tradition. Könnte man diesen Text durch die Brille der damaligen Zuhörer lesen, entsteht vielleicht ein anderes Bild. Die Zuhörer waren ausschliesslich Juden. Sie erwarteten ein Königreich für Israel und die Erfüllung der Verheissungen an die Propheten von Israel. Besonders bedeutsam: Anderes war unbekannt.
Nun kann man ab diesem Punkt verschieden interpretieren:
- Einige kapern alles im Neuen Testament für sich selbst und schauen grosszügig über jede Angabe im Text hinweg. So kommt man dazu, die Evangelien, die Bergpredigt und anderes auf die heutige Kirche oder Gemeinde zu beziehen. Auf andere Art formuliert: «Überall, wo Jesus draufsteht, steckt heutige Gemeinde drin.» Das ist die erste mögliche Deutung.
- Eine zweite Deutung anerkennt, dass diese Texte ursprünglich Israel galten, aber man deutet sie heute für die Gemeinde. Eine Interpretationslinie, die zu solchen Schlüssen kommt, ist die Ersatztheologie. Diese Ideen sind etwas älter, aber man findet sie bereits in der Bezeichnung «Altes Testament» und «Neues Testament», wobei das Wort «Testament» eigentlich «Bund» heissen sollte. Der alte Bund galt Israel, der neue Bund gilt der heutigen Gemeinde. Deshalb soll das Alte Testament von Israel sprechen und in den Geschichten vom Neuen Testament «hat Israel es verbockt», wonach alles der heutigen Gemeinde gegeben wird. Im Klartext: Die heutige Gemeinde hätte Israel abgelöst, bzw. ersetzt. Israel liest man als Umschreibung für die heutige Gemeinde. Ebenso spricht man etwa von der heutigen Gemeinde als vom «Volk Gottes». Während bei der ersten Sichtweise die Hinweise aus dem Text übergangen werden, werden bei dieser zweiten Sichtweise die Hinweise umgedeutet.
- Die dritte Deutung versucht, den Text aus den eigenen Angaben zu verstehen. Steht irgendwo Israel geschrieben, dann ist Israel gemeint. Das erscheint nüchtern und respektiert den Text. Sagt Jesus in Matthäus 15,24 etwa, dass er «nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels geschickt» wurde, dann sollte man diese Aussage ernst nehmen und nicht darüber hinaus folgern, dass «also die heutige Gemeinde gemeint» ist. Die Herausforderung liegt hier beim Ernstnehmen des Textes. Das Problem, dem man hier begegnet, sind Folgerungen, die über die Aussage des Textes hinausgehen.
In diesem Beitrag werde ich von der 3. Betrachtungsweise ausgehen. Die Betrachtungsweise mag hilfreich sein, garantiert aber keine «korrekte» Sicht. Ich selbst tendiere nicht zu «absoluten Aussagen», sondern finde «Deutungsrichtungen» als Ausdruck hilfreicher. Sie lässt den Horizont für weitere Entdeckungen offen, ohne sich in rigiden Standpunkten zu verheddern.
Wie könnte man versuchen, den Text im eigenen Kontext zu verstehen? Eine Hilfe dabei ist es, alles wegzulassen, was nach diesem Text passiert, etwa den grössten Teil der Apostelgeschichte, die Briefe im Neuen Testament oder auch die gesamte spätere Kirchengeschichte. Diese haben alle eine Aufgabe und schenken viel Einblick, aber die Zuhörer in Markus 16 wussten davon noch nichts. Das hat Bedeutung. Kann man also spätere Entwicklungen ausblenden, geht es darum, die Entwicklung bis zum beschriebenen Zeitpunkt zu berücksichtigen. Was haben die ersten Zuhörer verstehen können?
Kontext
Welcher Auftrag?
Beginnt man etwas früher im Kapitel zu lesen, findet man dies:
«Nachher, als sie zu Tische lagen, offenbarte er (der auferstandene Jesus) sich den Elfen und schalt ihren Unglauben und ihre Herzenshärtigkeit, dass sie denen, die ihn auferweckt gesehen, nicht geglaubt hatten. Und er sprach zu ihnen: Geht hin in die ganze Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung. Wer da glaubt und getauft wird, wird errettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.»
Mk 16,14-16
Dies spielt sich alles nach der Auferstehung ab. Jesus liegt mit den 11 Jüngern zu Tisch, nachdem Judas Iskariot nicht mehr dazu gehört. Jesus schalt ihren Unglauben, weil sie denen, die Jesus bereits als Auferweckten gesehen hatten, nicht sofort geglaubt hatten.
Nach dieser Rüge gibt es einen Auftrag: «Geht hin in die ganze Welt und predigt …» Das ist eine bemerkenswerte Änderung, weil er die Jünger früher anwies, nicht zu den Nationen zu gehen (Mt 10,5). Da war also die «ganze Welt» noch kein Thema. Im Griechischen steht für «Welt» das Wort «kosmos», was «geordnetes System» bedeutet.
Was bedeutet das hier? Es können viele Fragen zum Ausdruck «ganze Welt» gestellt werden. Wird damit die bekannte menschliche Zivilisation gemeint, oder auch die Urwälder des Amazonas oder gar das Universum? Richtet sich diese Aussage nur an eine menschliche Gesellschaft oder werden auch etwa die Tiere gemeint? Der anschliessende Hinweis auf die ganze Schöpfung scheint alle Geschöpfe einzuschliessen. Ergibt das jedoch einen Sinn?
In diesen Beispielen gibt es genügend Platz für wilde Interpretationen. Naheliegender scheint es, wenn mit dieser Welt die bekannte menschliche Gesellschaft gemeint wird. Die anschliessend erwähnte Schöpfung ist nicht plötzlich etwas anderes, sondern schliesst bei der genannten Welt an. Es geht um Menschen. Wem sonst will oder soll man etwas verkündigen? Das ist keine Begrenzung, sondern eher die Freigabe für eine grosse Welt. Bedeutend ist die Aussage also wegen der Verbreiterung der Zuhörerschaft und Zielgruppe gegenüber der ersten Sendung der Jünger.
Damit ist jedoch nicht alles gesagt. Heute wird eine solche Aussage oft gedankenlos als «Mission» interpretiert. Das ist es jedoch nachweislich nicht, weil es die nicht gab. Es ist ein Auftrag von Jesus, aber nichts Neues, sondern ein Anknüpfen an die Verheissungen der Propheten. Paulus erwähnte das im Römerbrief:
«Denn ich sage, dass [Jesus] Christus ein Diener der Beschneidung geworden ist um der Wahrheit Gottes willen, um die Verheissungen der Väter zu bestätigen; auf dass die Nationen aber Gott verherrlichen möchten um der Begnadigung willen, wie geschrieben steht: ‹Darum werde ich dich bekennen unter den Nationen und deinem Namen lobsingen› (Ps 18,49). Und wiederum sagt er: ‹Seid fröhlich, ihr Nationen, mit seinem Volke!› (5Mo 32,43; Ps 67,3-4). Und wiederum: ‹Lobt den Herrn, alle Nationen, und alle Völker sollen ihn preisen!› (Ps 117,1). Und wiederum sagt Jesaja: ‹Es wird sein die Wurzel Isais und der da aufsteht, über die Nationen zu herrschen – auf den werden die Nationen hoffen.› (Jes 11,1-10).»
Röm 15,8-12
Es gibt demnach eine berechtigte Hoffnung für die Nationen, die jedoch via Israel gedacht war, entsprechend messianischer Verheissungen und Erwartungen (Jes 2,2). Paulus erwähnte eine Hoffnung für die Nationen, aber eher in losem Sinne. Was Paulus verkündete, war nicht die Erfüllung des Auftrages am Schluss vom Markusevangelium. Paulus lag dort nicht am Tisch. Was haben die elf Apostel verstehen können?
Es gab klare Verheissungen an die Propheten. Von Zion aus wird das Gesetz (die Thora) ausgehen (Jes 2,3). Ähnlich schreibt auch der Prophet Micha (Mi 4,1-3). Diese Situation hat nichts mit einer Mission im heutigen Sinne zu tun, sondern damit, dass Israel ein Zeichen/Banner/Panier für die Völker sein wird (Jes 11,10). Anderswo heisst es: «Nicht weichen wird das Zepter von Juda, noch der Herrscherstab zwischen seinen Füssen hinweg, bis Schilo kommt, und ihm werden die Völker gehorchen.» (1Mo 49,10, oft interpretiert mithilfe von Jes 9,6; Jes 11,1-5; Lk 1,32-33.)
Aus dieser Vorgeschichte und dem Wissensstand zur Zeit der Evangelien kann man schliessen, dass es hier nicht um einen neuen, sondern eher um einen alten Auftrag geht, der von Jesus aufgegriffen wird:
«Geht hin und macht alle Nationen zu Jüngern, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters.»
Mt 28,19-20
Jetzt geht es darum, diesen Text ernstzunehmen. Was steht hier genannt und was wird mit keinem Wort erwähnt? Hier geht es nicht um eine Botschaft wie «Glaube an Jesus, damit du gerettet wirst», sondern um den Auftrag, «Nationen zu Jüngern» zu machen und diese zu lehren, «alles zu bewahren, was ich euch geboten habe». Kein persönliches Heil, sondern ganze Völker sollten lernen, Gebote zu befolgen. Anderes war da nicht bekannt. Was Jesus jedoch gebot, war der Auftakt zum kommenden Zeitalter, in dem das messianische Reich aufgerichtet wird. Das war das kommende Königreich.
Einordnung
Die Vollendung des Zeitalters
Wohin gehört jetzt der Auftrag aus Markus 16,16? Ein Vergleich mit Matthäus 28 ist hilfreich. Die Zusage von Jesus, «Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters», ergibt einen Sinn, denn den Abschluss dieses Zeitalters und den Umbruch hin zum neuen Zeitalter hat er zuvor genannt (Mt 12,32). Besser noch: Jesus predigte das Evangelium des Königreichs (Mt 4,23; Mt 9,35; Mt 24,14) oder das Wort vom Reich (Mt 13,19) und sprach davon, dass dieses Königreich eine neue Zeit einläuten würde, ein neues Zeitalter. Er stellt es vor als ein Reich, das «nahe gekommen» sei (Mt 4,17; Mt 10,7), und in das man «hineingehen» muss (Mk 10,15).
Bevor jedoch das neue Zeitalter anbricht, muss die aktuelle Zeit abgeschlossen werden. Dazu vergleiche man die Frage der Jünger in Mt 24,3 («Sage uns, wann wird dieses sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?») und die ausführliche Endzeitrede Jesu in Matthäus 24 und 25 als Antwort auf diese Frage. Es handelt dort alles vom «Abschluss dieses Zeitalters» als Zusammenfassung und Berichtigung aller Dinge, bevor das Königreich aufgerichtet wird (Mt 13,40; Mt 13,49).
Man könnte zu dieser Erwartung auch bemerken, dass Israel hier eine Rolle zu erfüllen hat und Rettung und Gerechtigkeit von Israel aus beginnen. Israel ist dann eine priesterliche Nation (2Mo 19,6), wie auch Petrus davon schreibt (1Pet 2,9), als Merkmal seines Evangeliums «der Beschneidung» (Gal 2,7-9).
Dieser Fokus ist ganz anders als bei Paulus. Paulus sieht die Einbindung der Nationen nicht via Israel. Ganz im Gegenteil. Er schreibt von Israel: «Durch ihren Fall ist den Nationen das Heil geworden.» Beachte: Er schreibt das nicht ohne Zuversicht für Israel (Röm 11,11-12). Der Apostel hat demnach eine ganz andere Sicht als die Propheten. Das ist kein Widerspruch, wenn Unterschiede je einen eigenen Platz erhalten.
Es gibt demnach zwei Konzepte, durch die Nationen «Heil» erlangen:
a. via Israel (alle, ausser Paulus)
b. ohne Israel (nur Paulus).
Was nun, ist das Heil oder wozu ist die Rettung in den Evangelien? Im Rahmen der bisherigen Ausführungen über das bevorstehende Königreich, wie Jesus darüber sprach, sollte man dabei vielleicht an eine Teilhabe an diesem Königreich denken. Das Gleichnis von Jesus über die 10 Jungfrauen spricht über den Zugang zu diesem Königreich (Mt 25,1-13). Anderes wird nicht erwähnt. Wer also glaubt und getauft wird, wie das in Markus 16 genannt wird, folgt der messianischen Erwartung. Das ist die Rahmenerzählung. Dagegen ist es keine Geschichte von Himmel und Hölle oder «ewiger Verdammnis». Was Paulus sagt, ist dann noch einmal ganz anders.
Selbstverständlich ist dies eine Interpretation. Ich nutze sie, weil sie vieles in den Evangelien und im Rest des Neuen Testaments erklärt. Die Interpretation ist ein Werkzeug, um aus dem Text Sinnvolles zu entnehmen. Wenn jemand also ein Verständnis für den Text entwickelt, folgt sofort die nächste Frage: Wozu dient diese Sicht und was kann ich damit besser erreichen?
Deutung
Welches Evangelium?
In Markus 16,15 heisst es: «Geht hin in die ganze Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung.» Das Evangelium? Welches Evangelium wird hier gemeint? Jesus verkündete das Evangelium des Reiches (Mt 4,23; Mk 1,14 u. a.). Das hat mit Kreuz und Auferstehung, mit der Gnade Gottes, wie man heute darüber spricht, nichts zu tun. Es war eine frohe Botschaft, aber der Inhalt war klar: Das Königreich der Himmel ist ganz nahe gekommen. Dies war weder ein Evangelium der Gnade (Apg 20,24), noch ein Evangelium der Unbeschnittenheit (Gal 2,7-9), noch ein ewiges Evangelium (Offb 14,6).
Es ist üblich, alles in einen Topf zu werfen und so zu tun, als gäbe es nur eine einzige Frohbotschaft. Das ist jedoch ein Kurzschluss. Man muss die Botschaft definieren. Als Beispiel: In Lukas 1,19 kommt ein Engel zu Zacharias und verkündet die frohe Botschaft (Evangelium verkündigen), dass er und seine Frau einen Sohn (Johannes der Täufer) bekommen würden. Es war tatsächlich eine frohe Botschaft, jedoch kein «Evangelium» im heutigen Sinne.
Das Wort «Evangelium» und was davon abgeleitet wird, ist neutral. Erst der Kontext bestimmt die Ausprägung. Wenn Jesus also den Auftrag gibt, «das Evangelium» in der ganzen Welt zu verkündigen, muss aus dem Kontext der Evangelien definiert werden, um welche frohe Botschaft es sich handelt.
Der Abschnitt aus Markus 16 spielt nach der Auferstehung. Im ersten Kapitel der Apostelgeschichte handelt es sich um dieselbe Zeit. In Apostelgeschichte 1,6 fragen die Jünger: «Herr, richtest Du in dieser Zeit das Königreich für Israel wieder her?» Es ist, als fasse das die Erwartung der Jünger zusammen, die drei Jahre von Jesus gelehrt wurden. Mit einer heutigen Gemeinde hat das nichts zu tun. Die Erwartung war auf die Erfüllung messianischer Verheissungen gerichtet. Davon sprach Jesus und davon berichten die Evangelien. Von der heutigen Gemeinde aus allen Nationen ist noch weit und breit nichts zu sehen.
Wie sollte man jetzt den ursprünglichen Text interpretieren?
«Dann sagte Er zu ihnen: ‹Geht hin in alle Welt und heroldet das Evangelium aller Schöpfung! Wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden.›»
Mk 16,15-16
Verstehen wir diese Aussage als Teil des «Evangeliums des Königreiches», liest sich hier ein Hinweis und Auftrag analog alttestamentlicher Verheissungen. Via Israel sollte der Segen zu den Nationen gelangen. Deswegen mussten «Nationen zu Jüngern» gemacht und getauft werden und sprach Jesus davon, Gebote zu lehren (Mt 28,19-20). Eine Anwendung auf die heutige Gemeinde muss ausgeschlossen werden.
Jesus spricht ebenfalls nicht über Himmel oder Hölle und erwähnt keine Entscheidungslehre. Rettung und Verurteilung passen dagegen gut in den Rahmen seiner Endzeitrede (Mt 24 und 25), etwa beim Gericht vor dem Herrlichkeitsthron, wie Matthäus darüber schreibt. Dort werden Nationen getrennt, wie man Schafe und Böcke trennt (Mt 25,31-46).
Man beachte, dass Markus 16 nicht sagt, dass es um einen individuellen Glauben geht, wie das meist interpretiert wird. Die Verheissungen an die Väter (Röm 15,8), von denen Jesus sprach, betrafen ganze Nationen. Im Rahmen des Missionsbefehls, der Parallelstelle aus dem Matthäusevangelium, ging es dort ebenfalls um Nationen, wie beim Gericht vor dem Herrlichkeitsthron (Mt 25,31) in der Endzeitrede. Könnte es also auch hier in Markus 16 um diese Sicht handeln? Rettung und Verurteilung werden beide genannt, allerdings nicht als «Endgericht», sondern als «Zwischengericht» beim Abschluss dieses Zeitalters, damit geklärt werden kann, wer in dem Königreich eine Zukunft hat.
Ergibt das einen Sinn? Wenn ja, wo ermutigt Dich diese Sicht, wo hilft sie Dir? Wo siehst Du es anders und weshalb? Kannst Du für Dich konkrete Fragen herausschälen, mit denen Du weiterkommst?

