Wer sich ändert, von neuen Ideen begeistert ist, trifft in der eigenen Gemeinschaft manchmal auf Unverständnis und Ablehnung. Das kann ernüchternd wirken, ist aber Teil der Realität. Was kann man machen, wenn Deine Umgebung nicht mit Deiner Begeisterung mitzieht?

Austausch mit Gleichgesinnten

Immer wieder schreiben mir Menschen, dass sie mit ihren Fragen und der eigenen Entwicklung allein dastehen. Sie fragen mich nach anderen Kontakten und nicht selten höre ich: «Ich wünsche mir Kontakt mit Gleichgesinnten.» Das erscheint mir ein gutes Anliegen. Weshalb ist das so schwer zu erreichen?

Hier ein Erklärungsversuch: Gemeinschaften haben eine gemeinsame Mitte. Diese Mitte ist der Inhalt des Glaubens, mit der Zeit auch die Kultur und Ideen darüber, wie die Welt funktioniert. Weicht nun jemand von diesen Ideen ab, oder stellt die Kultur infrage, antworten andere nicht automatisch mit Zustimmung. Das ist verständlich, weil Menschen unterschiedliche Lebenswege haben, Fragen zu unterschiedlichen Zeiten auftauchen und die Fragen vielleicht auch nicht dieselben sind.

In dieser Situation wäre es schön, wenn man die eigenen Fragen mit anderen teilen könnte. Das wären dann die «Gleichgesinnten», die Du sehnlichst vermisst. Austausch und Gemeinschaft brechen auseinander, wenn man nicht mehr dieselbe Mitte teilt. Wer schlicht «Fragen» hat, muss nicht anders denken. Für die anderen dagegen kann das bereits bedrohlich sein. Das kann dazu führen, dass Du die eigenen Fragen nicht stellst, weil sie ignoriert oder abgelehnt werden. Erfahrung bewirkt das. Man wird mit den eigenen Fragen zunehmend isoliert.

Deine Geschichte gehört Dir

Dies ist die Realität: Menschen sind verschieden und entwickeln sich unterschiedlich. Manche werden durch ihre Lebensumstände, durch besondere Herausforderungen, durch Ausbildung, Bibelstudium oder durch viele Gespräche mit anderen Menschen zu einem Umdenken eingeladen. Gelegentlich müsste man vielleicht feststellen, dass ein Umdenken unausweichlich ist, weil alles zu einer Änderung drängt. Jeder hat eine einmalige Geschichte, die es verdient, gehört zu werden. Das ist Deine Geschichte, die ganz Dir gehört, inklusive aller bisherigen Stationen oder einem grosszügigen Umbau der verinnerlichten Vorstellungen.

Gleichzeitig siehst Du, dass andere Menschen gerne in der alten Situation bleiben, die Du gerade für Dich selbst umkrempelst. Sie scheinen für Deine Fragen, für Deine Vision unerreichbar. Da entsteht eine Dissonanz. Logisch, dass Du nach «Gleichgesinnten» fragst. Zwei Dinge helfen bei der Bewältigung dieses Umbruchs:

  1. Umarme alle bisherigen Erfahrungen. Sie gehören zu Dir. Sei dankbar dafür.
  2. Bejahe Deine eigenen Fragen. Sie gehören ebenfalls zu Dir. Sei dankbar dafür.

Was heisst das? Es heisst etwa nicht, dass schlechte bisherige Erfahrungen wider alle Vernunft plötzlich als «gut» eingeschätzt werden müssten. Es gibt eingreifende Erlebnisse, gravierende Missstände und traumatischen Missbrauch. Diese Erfahrungen sollten weder verneint noch ausgeblendet werden. Sie zu umarmen heisst, sie als Teil der eigenen Geschichte zu akzeptieren. Sie haben Dich zu dem gemacht, was Du heute bist. Das betrifft auch Dein Glaubensverständnis, das auf einmalige Weise geprägt wurde. Deine Geschichte gehört nur Dir, und was Du daraus machst, ist Deine Entscheidung.

Umbruch ist immer eine persönliche Erfahrung. Deine Gefühle oder Erfahrungen, Deine Überlegungen und Beweggründe müssen nicht von anderen geteilt werden. Viele werden die Erfahrung nicht verstehen, weil jeder nur an einem eigenen Ort stehen kann. Hat man einen Umbruch noch nie erlebt, fällt es schwer, sich einzuleben. Und das ist nicht etwa falsch. Es ist das, was gerade ist. Bedenke, dass Dein Erleben nicht das Erleben der anderen ist. Für jemand anderen kann die bisherige Situation perfekt passen, während Du bereits weiterziehst.

Gemeinschaften erscheinen gegenüber Änderungen manchmal «resistent». Das kann viele Gründe haben. Niemand muss Deine Fragen haben, auch wenn es schön wäre, Gesprächspartner zu finden. Die Resistenz ist kein Unwille. Es ist der Ist-Zustand der Gemeinschaft, die Deine Fragen nicht kennt, vielleicht nicht einmal sehen möchte oder niemals dazu kommt. Jeder steht für sich. Akzeptiere die Unterschiedlichkeit.

Zwei Richtungen

Einige schauen rückwärts, andere schauen vorwärts. Einige sehen die Zukunft als Teil der Vergangenheit, andere sehen eine Zukunft, die von der Vergangenheit unterschiedlich sein sollte. «Neu» tönt für einige «gefährlich» und für andere «notwendig». Diese Unterschiede bleiben. Was dies für Dich persönlich bedeutet, kannst nur Du bestimmen.

Wenn Menschen mit Fragen aus der Gemeinschaft verschwinden, kann man sie nur segnen (gr. eulogeo, wohl-sagen) und ziehen lassen. Und wer geht, kann die Gemeinschaft ebenfalls nur segnen und sein lassen. Das wäre die respektvolle Art, mit Unterschieden umzugehen. Ausgrenzung, Abgrenzung, Beschimpfungen und dergleichen bestätigen lediglich, dass man sich mit sich selbst noch nicht genügend auseinandergesetzt hat.

Mut zur Differenzierung

Jeder sucht Gleichgesinnte. Was häufig damit gemeint wird, ist dies: Man darf etwas mehr sich selbst sein, ohne für eine Frage oder einen Zweifel kritisiert zu werden. Es wäre ausserdem attraktiv, wenn man ähnlich über dieselben Themen denkt. Das vereinfacht Gespräche, denn man muss nicht zanken (1 Mo 13,8). Ausserdem macht es das Gefühl von «Zugehörigkeit» leichter. Der Psalmdichter schreibt: «Siehe, wie gut und wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!» (Psalm 133,1).

Hier ist das Problem damit: Zu viel «gleich» war am alten Ort das Problem. Wie sollte ein neues «gleich» mehr als Symptombekämpfung sein? Es fühlt sich gut an und ist bequem, weil man nicht ständig gegen den Strom schwimmen muss. Solche Orte sind wichtig. Jeder benötigt auch mal eine Verschnaufpause. Gesunde Fische aber, so das Sprichwort, schwimmen gegen den Strom. Oder anders gesagt: Etwas Widerstand schadet nicht, sondern hält gesund.

Überträgt man diese Idee auf eine Gemeinschaft, ist es durchaus von Nutzen, wenn man Andersdenkende in der Mitte hat, Leute, die sich nicht aufregen, aber anregen können, die Gewohntes infrage stellen und die Tür in neue Richtungen aufzustossen verstehen. Dazu benötigt es eine gleiche Gesinnung oder Haltung, aber weder eine identische Meinung, noch vergleichbare Absichten.

Die gleiche Gesinnung

Wer Gleiches im Sinn hat, muss nicht dieselben Ansichten teilen. Sagt man etwa, dass man «Gleichgesinnte sucht», wonach fragt man dann? Ist es die Möglichkeit, einmal entspannt über «abgewiesene Ideen» zu sprechen? Das wäre verständlich, aber wäre das nicht so etwas wie eine Selbsthilfegruppe? Authentische christliche Gemeinschaft zielt in eine andere Richtung. Jeder will gehört werden, aber nicht alle müssen mit mir einstimmen oder ähnlich denken, wie ich selbst.

Paulus spricht regelmässig über solche Herausforderungen:

«Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle dasselbe redet und nicht Spaltungen unter euch seien, sondern dass ihr in demselben Sinne und in derselben Meinung völlig zusammengefügt seid.»
1Kor 1,10

Was meint Paulus hier mit «Meinung»? Das Wort ist heute, zumindest in religiösen Diskussionen, oft negativ geprägt. Eine «Meinung» ist zwar persönlich, aber auch grundsätzlich «unzuverlässig» und «subjektiv». Das war aber nicht die Bedeutung in der Zeit des Neuen Testaments. Das griechische Wort (gr. gnome) wird auch als «Entschluss» (Apg 20,3) oder als «Einschätzung/Willen» (Phlm 1,14) gesehen. Es ist die persönliche Überlegung, das eigene Anliegen, die eigene Einschätzung und so die «Meinung», zu der Du gekommen bist. Man kann jede Meinung als persönlichen Ausdruck ernst nehmen, ohne dieselbe Einschätzung zu teilen. Eine solche Meinung kann «nach reiflicher Überlegung» entstanden sein. Das ist nicht negativ, sondern persönlich.

Wenn Paulus demnach schreibt, «dass ihr in demselben Sinne und in derselben Meinung völlig zusammengefügt seid», meint er damit keine «Gleichschaltung» lehrmässiger oder dogmatischer Vorstellungen, sondern lediglich, dass jeder sich über sein eigenes Denken und die eigene Haltung im Klaren ist. In Kombination mit Gesinnung beschreibt es eher die Ausrichtung des Denkens als Zustimmung zu bestimmten festgelegten Erkenntnissen.

Die Betonung im Abschnitt liegt jedoch nicht so sehr auf diesen Wörtern, sondern auf «dasselbe, demselben, derselben». Das sollte Spaltungen ausweichen. Keine Gleichschaltung, sondern gleiche Anliegen, damit es nicht zu Spaltungen kommt. Später im Brief betont der Apostel für die Gemeinde, dass «keine Spaltung in dem Leibe sei, sondern die Glieder dieselbe Sorge für einander haben möchten» (1Kor 12,25).

Die persönliche Ausrichtung

Wenn ich mit anderen Menschen über diese Dinge spreche, erkläre ich meine Position am ehesten mit zwei Dingen. Das Erste ist die Beschreibung der Einheit aller Gläubigen, das Zweite ist die praktische Gestaltung von Gemeinschaft, die oft in mehreren Ebenen verläuft.

Mein persönliches Anliegen für eine christliche Gemeinschaft ist zweierlei:

  1. Gemeinschaft
    Ich suche bewusst Gemeinschaft mit anderen Gläubigen, wobei ich dasselbe Anliegen suche. Es geht weniger um Kirchenzugehörigkeit oder darum, ob jemand dieselben Ideen hat wie ich selbst, sondern darum, dass man dieselbe Berufung und Ausrichtung teilt. Die Berufung ist von Christus her und, ebenso wie in jeder Familie, sucht man sich die Familienmitglieder nicht aus, sondern lebt mit ihnen. Das, schätze ich, ist auch die Essenz christlicher Gemeinschaft. Wer Gemeinschaft in dieser Weise sieht, spaltet sich nicht ab, sondern sucht gemeinsam Christus (Eph 4,13-16).
  2. Austausch
    Mein zweites Anliegen ist nicht die Gemeinschaft, sondern mein persönliches Anliegen: Ich möchte aufgebaut werden, und zwar erwarte ich dazu eine kritische und selbstkritische Anregung aus der Bibel. Das möchte ich. Dort stehe ich.

Konkret heisst das, dass ich Gemeinschaft suche, wo man eine gleiche Gesinnung pflegt. Diese Menschen müssen jedoch keineswegs so glauben, wie ich das mache. Ausserdem wünsche ich mir einen differenzierten Umgang mit der Bibel. Findet eine solche Auseinandersetzung nicht statt, oder bevorzugt man dogmatische Standpunkte, kann ich auf Dauer nicht gedeihen. Es hat einige Jahrzehnte gebraucht, bis ich mir dessen bewusst wurde. Heute stehe ich dazu.

Zusätzlich trenne ich heute die Gemeinschaft vom Austausch. Es ist einfacher, Gemeinschaft zu finden, als ernsthaften Austausch zu pflegen. Deswegen findet der Austausch zunehmend persönlich statt. Auch habe ich festgestellt, dass viele Menschen, egal welcher Couleur und Überzeugung, sich ernsthaft mit ihrem Leben und mit ihren Vorstellungen auseinandersetzen. Das bedeutet, dass man sich an vielen Orten und mit vielen Menschen intensiv auseinandersetzen kann, ohne dabei auf Schritt und Tritt in religiösen Vorstellungen bleiben zu müssen.

Einst habe ich mich selbst nur über theologische und biblische Ideen ausgetauscht. Ich war für nichts anderes zugänglich. Meine Absicht dabei war gut, aber es hat mich von vielen authentischen Begegnungen abgeschnitten. Es hat lange gedauert, bis ich differenzierte, meine Abwehr senkte und mich auf gute menschliche Begegnungen einliess. In jener Zeit waren Gleichgesinnte die Menschen, die ähnliche Vorstellungen hatten. Heute habe ich ein anderes Verständnis. Heute sind es Menschen, die eine ähnliche Ausrichtung teilen.

Fragen

  • Ergeben diese Gedanken einen Sinn für Dich? Reflektiere.
  • Weshalb ist Gesinnung wichtig?
  • Bespreche Philipper 2,5: «Denn diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus ist.» Wie prägt das Gemeinschaft?
  • Was zeichnet die «Gesinnung des Geistes» (Röm 8,6) aus?
  • Wodurch entsteht Gemeinschaft?
  • Was prägt für Dich eine «gesunde» Gemeinschaft?
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