Erschaffung aus dem «Nichts»?

Hat Gott die Welt aus «nichts» erschaffen?


19. November 2021In KurzgedankenBy Karsten Risseeuw8 Minutes

Stephen Hawking, der berühmte Physiker, berichtet in einem seiner Bücher («Eine kurze Geschichte der Zeit») darüber, wie er beim Vatikan eingeladen war, über den Ursprung der Welt zu berichten. Er gab seine Vorlesung und als er den Vorlesungssaal verliess, traf er den Papst. Dieser nun gab an, dass es ganz in Ordnung sei, wenn er über den Urknall referierte. Er solle aber nicht über Dinge sprechen, die möglich vor dem Urknall abspielten. Stephen Hawking beschreibt diese Episode und fügte dann hinzu, dass er gerade in der letzten Lesung über die Zeit vor dem Urknall gesprochen hatte.

Sagt die Bibel etwas zum Urknall?

Nein, die Bibel sagt nichts zum Urknall. Mancher ist versucht, die Bibel auf Knall und Fall mit der Naturwissenschaft in Übereinstimmung bringen zu müssen. Da geht es dann um Gegenüberstellungen von Schöpfung und Evolution und dergleichen mehr. Bereits in einem anderen Beitrag habe ich ausgeführt, dass die Bibel nicht über den Ursprung der Welt spricht, sondern vielmehr über die Beziehung zwischen der Welt und Gott «von Anfang an». Es war nie die Aufgabe der Bibel, diese Welt naturwissenschaftlich zu erklären. Wir finden dort keinen Urknall, was aber nicht heisst, dass es sie nicht gegeben hat. Das Anliegen der Bibel ist schlicht ein anderes.

Erschaffung aus dem Nichts

Ein populärer Gedanke ist, dass Gott die Welt «aus dem Nichts» erschaffen hat. Ich habe das immer wieder gehört. Schaut man jedoch in der Bibel nach, findet man keine solche Aussage. Allerdings gibt es einen Vers im Hebräerbrief, der dies suggeriert:

«Durch Glauben begreifen wir, dass die Äonen durch einen Ausspruch Gottes zubereitet wurden, so dass, was man erblickt, nicht aus etwas offenbar Gewesenem geworden ist.»
Heb 11,3

Liest man diesen Vers sorgfältig, steht hier etwas anderes. Was man erblickt, ist nicht aus etwas entstanden, was es bereits vorher gegeben hat. Mit anderen Worten: Diese Welt gab es nicht zuvor in anderer Form. Es ist nicht so, dass es diese Welt schon einmal leicht anders gab und nur etwas neu modelliert wurde. Die Welt ist einmalig. Was sie jedoch einmalig macht, ist die Art wie sie entstand. Sie wurde «durch einen Ausspruch Gottes zubereitet».

Woraus die Welt jedoch erschaffen war, wird hier nicht gesagt. Es wird nur danach verwiesen, wodurch sie entstand. Man kann aus diesem Vers nicht ableiten, dass die Welt «aus dem Nichts» erschaffen wurde, weil dazu nichts gesagt wird.

Alles ist aus Gott

Die Bibel beschreibt Beziehung vor allem anderen. Diese Welt worauf wir stehen steht in einer direkten Beziehung zu Gott. Deswegen ist es logisch, dass die Welt «aus Ihm» entstand.

«So ist jedoch für uns nur Einer Gott, der Vater, aus dem das All ist.»
1Kor 8,6

«Denn aus Ihm und durch Ihn und zu Ihm hin ist das All!»
Röm 11,36

Nicht also entstand die Welt «aus Nichts», sondern sie entstand «aus Ihm». Das ist ein grosser Unterschied. Es ist keine naturwissenschaftliche Erklärung, aber muss das auch nicht sein. Das Thema ist ein anderes. Das All ist nämlich nicht nur aus Ihm, sondern ebenfalls durch Ihn und zu Ihm hin. Ursprung, Lauf und Ziel sind da in direkter Verbindung mit Ihm gebracht. Umfassender kann man das nicht darstellen. Es geht um weit mehr als den Anfang, als um den Urknall. Woher wir kommen, was uns trägt und wohin wir gehen ist damit kurz und knapp beschrieben.

Wir, die wir auf dieser Welt laufen, stehen in Beziehung zu einem Gott, der alles in Händen hält. Das ist nicht nur sehr trostreich, sondern es schenkt auch einen gewaltigen Ausblick für unser Leben und darüber hinaus.

Sichtbares und Unsichtbares

Während ein Urknall sich mit der physischen vorwiegend sichtbaren Welt auseinandersetzt, beschreibt die Bibel ein Weltverständnis, worin es Platz hat für Sichtbares und Unsichtbares.

«Denn in Ihm (dem «Sohn Seiner Liebe», Kol 1,13) ist das All erschaffen: das in den Himmeln und das auf der Erde, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften, Fürstlichkeiten oder Obrigkeiten. Das All ist durch Ihn und zu Ihm hin erschaffen, und Er ist vor allem, und das All besteht zusammen in Ihm.»
Kol 1,16-17

Der Zusammenhang lässt sehen, dass Paulus von einer umfassenden Weltsicht ausgeht. Er beschreibt, dass diese Welt in dem Sohn von Gottes Liebe erschaffen wurde. Ebenso, dass die Welt durch diesen Sohn Seiner Liebe und auch zu diesem Sohn Seiner Liebe hin erschaffen wurde. Schliesslich, dass alles in diesem Sohn Seiner Liebe besteht. Recht umfassend, nicht wahr?

Ein Ausdruck wie «das Sichtbare und das Unsichtbare» soll alles zusammenfassen, was es gibt. Dabei geht es Paulus nicht nur um die physikalische Welt, sondern auch um «Throne oder Herrschaften, Fürstlichkeiten oder Obrigkeiten». Damit sind Ordnungen und Hierarchien gemeint. Paulus spricht an mehreren Stellen darüber (z.B. Eph 1,21-23). Es scheint, dass es im Weltverständnis von Paulus nicht nur um Moleküle und physikalische Ereignisse geht, nicht nur um den Urknall, sondern darum, dass diese Welt einen weit höheren Zusammenhang kennt. Die bildhafte Sprache in der Bibel spiegelt dieses erweiterte Verständnis.

Die Zeit ist inbegriffen

Gehen wir noch einmal zurück zu dem vorher erwähnten Vers im Hebräer-Brief, dann lesen wir:

«Durch Glauben begreifen wir, dass die Äonen durch einen Ausspruch Gottes zubereitet wurden, so dass, was man erblickt, nicht aus etwas offenbar Gewesenem geworden ist.»
Heb 11,3

Was wurde genau durch einen Ausspruch Gottes zubereitet? Es sind die Äonen. Äonen sind Zeitalter und jede äussere Erscheinung dieser Welt entspricht einem Zeitalter mit einer bestimmten Prägung (Eph 2,2 «dem Äon dieser Welt»). Der Schreiber vom Hebräer-Brief muss sich hier mit dem Wort Äon nicht auf die Definition «Zeit» begrenzen. Wörter haben oft eine symbolische Bedeutung, die viel mehr einschliesst. Bestimmt referiert er hier an «Äonen», nämlich Zeitalter, jedoch offenbar auch so, dass es das Sichtbare mit einschliesst.

Hier ist der Zuspruch: Der Gott dieser Welt ist nicht nur Ursprung und Ziel dieser Welt, sondern trägt die Welt auch durch die Zeit hindurch. Wir sind dort inbegriffen. Verstehen können wir das durch Glauben.