Nachfolgen oder Nachahmen?


Ein Wortstudium im Neuen Testament über die griechische Wörter akoloutheo (nachfolgen) und mimeomai (nachahmen). Sollten wir heute «Jesus nachfolgen» oder vielmehr «Christus nachahmen»? Diesen Fragen sollen hier nachgegangen werden. Zwischen beiden Ausdrücken gibt es bemerkenswerte Unterschiede.


Zur Einführung

Nachfolgen, wie macht man das?

Es gibt ein berühmtes christliches Buch mit dem Titel «Die Nachfolge Christi» von Thomas von Kempen, aus dem Jahr 1418. Es ist eine Abhandlung wie das Christenleben auszusehen hat und was dies prägt. Das Leben von Jesus, wie in den Evangelien beschrieben, wird als Muster dargestellt. Wohl ist dieses Wort bereits aus den Evangelien entlehnt und es dient bis heute als Beschreibung für das christliche Leben, was auch immer darunter verstanden wird. Denn das sollte man ruhig einmal als konkrete Frage stellen. Klar ist nämlich wenig, wenn man sich auf diesen Begriff «nachfolgen» abstützen möchte. Aber dazu kommen wir gleich.

Wenn Gott unser Herz berührt, Sich Selbst und Seine Rettung im Evangelium von Jesus Christus offenbart, ändert das unser Leben. Das Herz ist wie ein Kompass, womit unser Leben neu ausgerichtet wird, wie Salomo einmal schrieb:

«Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz!
Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens.»


Spr 4,24

Mit dem Herzen glauben wir (Rö 10,8 Eph 3,17), was Gottes Geist über Gottes Wirken deutlich macht (1Kor 2,1-16). Das ruft uns zu einer Antwort mit unserem ganzen Menschsein auf (Rö 12,1-2).

Oft wird dann gesagt, dass wir in die «Nachfolge Jesu» treten können. Damit drücken wir aus, dass wir unser Leben ganz mit Ihm leben wollen. Wir wollen unser Leben von Gott und Seinem Wort, von Seinen Verheissungen prägen lassen. Wir sind eine Neue Schöpfung in Christus Jesus. Und jetzt wollen wir Ihm nachfolgen. Diese Absicht ist richtig. Ich verstehe, was man mit einer solchen Aussage ausdrücken möchte.

In diesem Studium gehen wir jedoch nicht diesem allgemeinen Verständnis von «Nachfolge» nach, sondern wir schauen, was und wie in der Bibel dazu etwas gesagt wird. Das ist weitaus differenzierter und kann eine Bereicherung und Vertiefung für unser Glauben bedeuten. Es wird entdeckt, dass die Situation vor dem Kreuz anders ist als nach dem Kreuz. Nur vor dem Kreuz wird davon gesprochen, dass Menschen «Jesus nachfolgen». Nach dem Kreuz heisst das anders und wird besonders durch das Wort «nachahmen» bei Paulus geprägt. Was Paulus aussagt, ist wiederum eine Hilfe, die Evangelien zu würdigen und zu verstehen, wie wir heute «Christus nachahmen» können. Wenn wir die Begriffe «nachfolgen» und «nachahmen» im Neuen Testament nachlesen, ist das lebendige Glaubensgeschichte mit Bedeutung für unseren Alltag.


Die Herausforderung bei der Interpretation

Jesus nachfolgen – alles klar?

Was Nachfolge genau ist, scheint jeder zu wissen, aber doch ist es nicht so klar. Zwar wird landauf landab in Kirchen und Gemeinden von «Nachfolge» geredet, aber begründet wird es selten. Zugegeben – es ist auch schwierig zu erklären. Denn überall dort, wo im Neuen Testament das Wort «nachfolgen» auftaucht, können wir es buchstäblich nicht umsetzen.

Da heisst es zum Beispiel:

«Als er [Jesus] aber am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder: Simon, genannt Petrus, und Andreas, seinen Bruder, die ein Netz in den See warfen, denn sie waren Fischer. Und er spricht zu ihnen: Kommt, mir nach! Und ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sie aber verließen sogleich die Netze und folgten ihm nach.»
Mt 4,20

Mehrmals hatte ich Gespräche, in denen mein Gegenüber sagte: «Ich will Jesus nachfolgen, aber wie mache ich das? Die Jünger haben alles stehen und liegen gelassen und sind hinter ihm her gelaufen. Das würde ich genauso tun, aber ich kann es nicht. Jesus wandelt nicht mehr auf der Erde. Ich kann also nicht mehr hinter ihm her laufen. Genauso lese ich es aber in der Bibel. Ganz buchstäblich. Wie ist das nun gemeint?».

Nicht selten wird das dann in guter Absicht so beantwortet, dass man sagt: «Das ist halt nicht mehr buchstäblich so, aber wir sollten es «geistlich» machen.» Geistlich? Ernsthaft? Das macht die Verwirrung komplett, denn wie soll ich «geistlich» hinter Jesus herlaufen? Es beantwortet die Frage nicht und erklärt auch den Text nicht. Es wird zwar alles «irgendwie» gelöst, aber es bleibt schwammig. Es wird weder exegetisch verankert noch biblisch klar dargelegt, wie nun der Sachverhalt tatsächlich ist. Dem wollen wir nun nachgehen.

Das Wort «nachfolgen» verschwindet

In diesem Wortstudium gehen wir die Frage nach, was denn in der Bibel selbst mit «nachfolgen» gemeint wird. Wir lesen die Bibelstellen, sehen, was dazu gesagt wird und was nicht. Wir fangen dabei in den Evangelien an, lernen, wie die Jünger von Jesus dieses «nachfolgen» praktizierten. Danach wechseln wir zu den Briefen, die erst nach Tod und Auferstehung und nach der Himmelfahrt von Jesus geschrieben wurden. Ein buchstäbliches «nachfolgen» von Jesus war da nicht mehr möglich – Er wandelte nicht mehr auf der Erde.

So verschwindet das Wort «nachfolgen» nach den Evangelien schlagartig aus der Bibel. Ersetzt wird es durch das Wort «nachahmen». Jesus selbst hat bereits auf eine Veränderung hingewiesen. Er hatte einen «Beistand» versprochen, den «Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht und von mir [Jesus] Zeugnis ablegt» (Joh 15,26). Gottes Geist passte die neu entstehende Gemeinde an die neue Situation an. Davon berichten die Briefe.


Die Nachfolge Jesu im Kontext verstehen

Vor und nach dem Kreuz

Was vor und nach dem Kreuz geschieht ist von Bedeutung. Durch den Gehorsam von Jesus, durch Seinen Tod und Seine Auferstehung wurde das Werk Gottes vollbracht (Joh 19,30). Seitdem wird die Gerechtigkeit Gottes im Evangelium verkündigt (Rö 1,16-17). Jesus wurde um unserer Kränkungen willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt (Rö 4,25). Das Kreuz ist die Achse der Heilsgeschichte, um die sich die Welt dreht. Dort ändert sich alles, und darauf will unser Leben gebaut sein. Auch das «nachfolgen» von Jesus, diesen Begriff, der in den Evangelien eine so grosse Bedeutung hat, wird durch diese neue Situation umgeformt. Das Wort wird von den Aposteln nicht mehr verwendet. Stattdessen erhält u.a. das Wort «nachahmen» Einzug, damit der neuen Situation Rechnung getragen werden kann.

Wenn wir nun nach dem Kreuz leben, dürfen wir erkennen, dass sich alle diese Tatsachen zu unserem Vorteil geändert haben. Gott ist für uns, wer wird noch gegen uns sein? (Rö 8,31-32). Das glaubend, dürfen wir «in Christus» geborgen sein, in Seinem Wirken und Werk, und Gott sieht uns in Ihm an:

«Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist da eine neue Schöpfung: das Ehemalige verging, siehe, es ist neu geworden. Das alles aber ist aus Gott, der uns durch Christus mit Sich Selbst versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat. Denn Gott war in Christus, die Welt mit sich versöhnend: Er rechnet ihnen ihre Kränkungen nicht an und hat in uns das Wort der Versöhnung niedergelegt. Daher sind wir Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns zuspräche: Wir flehen für Christus: Lasst euch mit Gott versöhnen! Denn den, der Sünde nicht kannte, hat Er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit in Ihm würden.»
 2Ko 5,17–21

Das ist die Ausgangslage für uns heute. Keiner der Apostel spricht nach dem Kreuz noch von «nachfolgen» weil Jesus nicht mehr auf der Erde ist. Christus nachzuahmen – darauf wird aber grosser Wert gelegt. Was das bedeutet und wie das geht, erfahren wir in den späteren Briefen. Die Briefe zeigen ausserdem, wie wir, rückblickend auf die Evangelien, die Gesinnung von Christus Jesus in uns haben sollten.

Nachfolgen

Nachfolgen bedeutet einfach «hinterher laufen» (Mt 8,1). Das mag verwundern. Denn meist werden alle möglichen Ideen damit verknüpft, nur nicht etwas so Triviales wie jemand hinterher laufen. Das ist zum Verständnis des Wortes aber von wesentlicher Bedeutung.

Vergleichen wir noch einmal die ersten Verse im Neuen Testament, die von einem «nachfolgen» sprechen (Mt 4,20-25). Oft sind die ersten Male, das ein Wort in der Bibel verwendet wird, von besonderer Bedeutung. So auch hier. Das Wort «nachfolgen» (gr. akoloutheuo) lässt sich etymologisch näher betrachten und es besteht dann aus 3 Wortelementen, nämlich:

  • a (Verneinung: un-),
  • kol (zusammenfügen, wie gr. kollao, z.B. 1Kor 6,17) und
  • outheo (vom gr. Wortstamm the, platzieren, z.B. 1Tim 2,7).

Wenn etwas «un-zusammengefügt» wird, dann wird eine Verbindung «aufgelöst». Darauf folgt das «platzieren». Die Etymologie des Wortes zeigt auf etwas, wovon die alte Situation aufgelöst wird, wonach eine neue Situation den Platz einnimmt. Das ist stimmig mit dem Wortgebrauch im Neuen Testament. Denn «nachfolgen» heisst immer etwas hinter sich zu lassen, und sich dafür zu entscheiden, in eine neue Richtung zu gehen – zum Beispiel Jesus nachzufolgen. Im vorgenannten Beispiel der Berufung der ersten Jünger sehen wir diesen Ablauf, nachdem Jesus die Männer rief:

  1. Die Männer entschieden sich, ihre bisherige Tätigkeit zu verlassen
  2. Die Männer folgten Jesus hinterher.

Die «alte Situation» (Fischer) wurde aufgelöst. Sie entschieden sich, in eine «neue Situation» einzusteigen (mit der Folge: «Ich werde euch zu Menschenfischern machen»). Sie folgten Ihm nach. Es war eine persönliche Entscheidung, die auf eine Einladung hin folgte. Aus dem Zusammenhang und dem weiteren Verlauf der Geschichte wird aber klar, dass es sich hier nicht um eine «Lauf-Veranstaltung» handelt, sondern um etwas Grösseres. Was bedeutete es nun, Jesus «nachzufolgen»?

Jünger und Lehrer

Was geschah nun, als Simon und Andreas Jesus nachfolgten? Tatsächlich blieben die beiden Brüder als Fischer in ihrem Beruf und haben auch weiter so gearbeitet. Das wird an vielen Stellen bezeugt. Sie wurden durch ihre Entscheidung jedoch zu «Jünger» (gr. mathètes oder Lernender), die einem «Lehrer» (gr. didaskalos) nachfolgten (vgl. Mt 9,11 Mt 10,25). Konkret heisst das, wie wir es in den Evangelien lesen, dass sie mit Jesus umhergezogen sind, während sie von Ihm gelehrt wurden.

Es sind diese Jünger, die später zu Apostel (gr. apostolos oder Beauftragter, Gesandter mit einem Auftrag) wurden (Mt 10,1-2). Selbstverständlich gab es noch weitere Menschen, die in einem erweiterten Sinn «Jünger» genannt wurden, weil sie sich zu Jesus bekannten, und ihn ebenfalls folgten, nicht jedoch zum engsten Jüngerkreis gehörten.

Ein Jünger ist jemand, der einem Lehrer nachfolgt, von ihm lernt und mit ihm – ganz buchstäblich – durch die Gegend zieht. Aus Jünger können später Gesandter und Beauftragter werden. Das Verhältnis Lehrer–Jünger gab es auch bei anderen Lehrern. In diesem Sinne hatte zum Beispiel auch Johannes der Täufer eigene Jünger (Mk 2,18 u.a.). Es war kein Alleinstellungsmerkmal von Jesus und Seinen Jüngern, sondern es entsprach den Gepflogenheiten damaliger Lehrer in Israel.

Verkaufe alles, was du hast und folge mir nach

Können wir nun dieses Bild der Nachfolge einfach auf unser Leben übertragen? Mal fragte mich jemand, ob er denn sein ganzes Hab und Gut verkaufen sollte, damit er Jesus nachfolgen kann? Das nämlich hat er aus diesem Bericht entnommen:

«Und es fragte ihn ein Oberster und sprach: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Da sprach Jesus zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein! Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht falsches Zeugnis reden! Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!« Er aber sprach: Das alles habe ich gehalten von meiner Jugend an. Als Jesus dies hörte, sprach er zu ihm: Eins fehlt dir noch: Verkaufe alles, was du hast, und verteile es an die Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!»
Lk 18,18-22

Im Kontext von Jesu Verkündigung ist Reichtum kaum etwas, was ins messianische Reich hinüber gerettet werden kann. Halbherzig kann man Jesus nicht nachfolgen (Mk 10,28-31). Die Frage stellt sich nur, ob diese Begegnung auch ein Muster für uns heute ist? Ist dies nun eine generelle Aufforderung, für jeden gültig? Und können wir das überhaupt so? Wir können zwar unser Hab und Gut verkaufen, aber wir können Jesus nicht so nachfolgen, wie es dort beschrieben steht. Jesus nachfolgen heisst an jeder Stelle, in der das erwähnt wird, dass man Jesus hinterher läuft. Buchstäblich. Auf Erden. Hinter ihm her. Und das geht heute nicht. So fragt sich nun: Wie ist das heute – nach dem Kreuz – möglich?

«Jesus nachfolgen» nur in den Evangelien

Es ist erstaunlich, aber das Wort «nachfolgen» verschwindet plötzlich aus der Berichterstattung. Wann ist das und warum ist das so? Es mag zuerst seltsam erscheinen, dass das Wort «nachfolgen» im Laufe des Neuen Testaments verschwindet. Wir haben uns so sehr an dieses Wort gewöhnt, dass wir es vielleicht überall erwarten. Das ist aber nicht der Fall.

Vergleichen wir noch einmal die Vorkommen von diesem griechischen Wort für «nachfolgen» (gr. akoloutheo, am Schluss des Beitrages ist eine Konkordanz mit allen Stellen). Prüfen wir sämtliche Bibelstellen, dann fällt auf, dass Jesus nachzufolgen ausschliesslich in den Evangelien vorkommt. Nachher wird das nicht mehr so erwähnt. In dem Moment, da Jesus nicht mehr auf Erden wandelt, spricht keiner mehr davon, Ihm nachzufolgen – weil es nicht mehr möglich ist. Wir können heute nicht mehr buchstäblich hinter Ihm her laufen.

Bereits in der Apostelgeschichte wird mit keinem Wort mehr von einem «nachfolgen» gesprochen. Auch in den Briefen finden wir keine direkte Nennung dieses Wortes womit etwa unsere aktuelle Situation (nach dem Kreuz) beschrieben wird. Das ist bemerkenswert. Zwar lesen wir in der Apostelgeschichte noch häufig von «Jüngern», aber damit scheint eher die Kontinuität der Glaubensgemeinschaft bezeichnet zu sein. Beispielsweise ist die Rede von «Mnason aus Zypern, einem Jünger des Anfangs, bei dem wir zu Gast sein sollten» (Apg 21,16). Dass Menschen aber «Jesus nachfolgen» hören wir nicht mehr, nachdem Er in den Himmel gefahren ist.

Das ursprüngliche Verständnis von «Jesus nachfolgen» scheint sich auf die Situation zu begrenzen, worin ein Jünger sich ganz praktisch einem Lehrer anschliesst und mit ihm hier auf Erden unterwegs ist.

Nach dem Kreuz

Die Einteilung in «vor dem Kreuz» und «nach dem Kreuz» ist vielleicht etwas grob, hilft aber dabei, das Wesentliche zu erfassen. Wie steht es nun um uns? Wir leben nach dem Kreuz, nach Auferstehung und Himmelfahrt. Wir können Jesus nicht mehr nachfolgen wie es in den Evangelien beschrieben ist. Die Zeit ist vorbei. Wenn Paulus sich auf Tod und Auferstehung von Jesus besinnt und auf die gewaltige Bedeutung dieses Ereignisses, sagt er:

«… Wenn wir aber auch Christus nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir ihn doch nicht mehr so.»
2Ko 5,14-21

Paulus, der Jesus nie «im Fleisch» gekannt hat, also Jesus nie «nachgefolgt» ist in den Evangelien, holt damit alle Gläubigen ab, die Jesus vielleicht noch vor dem Kreuz gekannt hat. Er will, dass sie nicht in der Vergangenheit leben, sondern ihr Leben nach der Auferstehung Jesu ausrichten. Stellen wir uns einmal vor, was diese Aussage von Paulus für eine Tragweite hat. Er spricht ausdrücklich Menschen an, die Jesus «nach dem Fleisch» gekannt haben, also Jesus kannten aus der Zeit, wo Er noch auf Erden wandelte. Sollte also jemand unter den Zuhörern sein, der dies erlebt hat, dann macht Paulus hier eine unmissverständliche Trennung zwischen der damaligen und der aktuellen Situation. «Wenn wir Christus nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir ihn doch nicht mehr so!». Dazu können wir nun in den Briefen Weiteres lesen.


Nachahmung ersetzt die Nachfolge

Christus nachahmen

«Seid meine Nachahmer, gleichwie auch ich [Nachahmer] des Christus bin!»
1Kor 11,1

Diese Aufforderung von Paulus zeigt in einem Satz, worauf es ihm ankommt: Es geht darum, Christus nachzuahmen! Er benutzt andere Worte und drückt damit einen tiefgreifenden Wandel der Realität aus. Statt «Jesus nachfolgen» heisst es hier «Nachahmer von Christus» zu werden. Das ist keine Wortspiel oder gar Wortklauberei. Es geht um eine neue Realität. Dazu wurde der geeignete Ausdruck genutzt. Dabei stellt der Apostel sich selbst als Vorbild dar.

Sowie Jesus der Name ist, den Er bei der Geburt erhielt und der Ihn während Seines Erdenlebens begleitete, ist Christus der Titel, der auf Würde und Hoheit hinweist, bei Paulus stets auch ein Hinweis auf den erhöhten Christus, der gestorben und auferstanden ist, und von Gott erhöht wurde. Paulus spricht nach dem Kreuz und nach der Auferstehung.

Der Titel Christus entspricht dem hebräischen Messias (maschiach), welcher im Alten Testament auf gesalbte Könige, Priester und Propheten angewandt wurde. All das fliesst zusammen in Jesus, dem verheissenen Christus. Dieser Würdetitel wird in den Evangelien für Jesus erkannt, aber die volle Bedeutung im Sinne der Propheten wartet noch auf ihre Realisierung. Er ist zwar der Messias, aber Israel hat ihn so nicht empfangen. Er kam als König, aber das Königreich wurde noch nicht mit Macht und Herrlichkeit auf Erden realisiert. Das sind noch zukünftige Ereignisse. Christus wird jedoch auch als Ausdruck benutzt, der Jesus besonders als der erhöhte Herr kennzeichnet. Das ist, was wir glaubend erkennen und bezeugen. Wenn Paulus davon spricht, «Christus nachzufolgen», liegt darin nicht nur eine theoretische Würde, sondern es liegt darin auch eingeschlossen, was es zu dieser Würde benötigte: Tod und Auferstehung, und dass Gott der Vater Ihn zu Seiner Rechten (Hand) erhob (vgl. 1Ko 15,3-4 Eph 1,20-23 u.a.).

Paulus als Beispiel

Bemerkenswert ist, dass Paulus sich selbst als Vorbild hinstellt. Jesus wandelt nicht mehr auf Erden und Menschen brauchen Vorbilder. Wie können wir unser Leben ganz praktisch einrichten? Was kann uns als Vorbild dienen? Paulus nimmt keinen Platz anstelle von Jesus ein, sondern ahmt selber Christus nach. An Paulus können wir erkennen, was es bedeutet, Christus nachzuahmen.


In folgender Grafik wird dargestellt, wie die Wörter «nachfolgen» und «nachahmen» im Neuen Testament verwendet werden.


Mitnachahmer

Wenn Paulus dazu aufruft, ihn nachzuahmen, so ist das ein ganz praktischer Hinweis. Paulus sieht sich in dieser Aufgabe keinesfalls allein. An mehreren Stellen zeigt er, wie in der Gemeinde auf all die Menschen geachtet werden soll, die im Glauben vorangehen. Paulus beschreibt das wie folgt:

«Werdet meine Mitnachahmer, ihr Brüder, und seht auf diejenigen, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt»
.
Phil 3,17

Leider ist in manchen Übersetzungen nicht klar, dass es hier wörtlich «Mit-Nachahmer» (gr. summimètès) heisst. Denn Paulus ahmt Christus nach und lädt uns ein «mit ihm» Christus nachzuahmen. Paulus hat also keine Profilierungsneurose – er macht nicht sich selbst gross, sondern will nur eines: Dass die Gemeinde Christus nachahmt. Dafür setzt er sich ein. Gleichzeitig betont er, dass die Brüder auf diejenigen schauen sollten, «die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt».

Die persönliche Haltung von Paulus geht aufs Ganze. Das beschreibt er in den vorangehenden Versen mit eindrücklichen Worten:

«Nicht dass ich es schon erlangt hätte oder schon vollendet wäre; ich jage aber danach, dass ich das auch ergreife, wofür ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich halte mich selbst nicht dafür, dass ich es ergriffen habe; eines aber [tue ich]: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt, und jage auf das Ziel zu, den Kampfpreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. Lasst uns alle, die wir gereift sind, so gesinnt sein; und wenn ihr über etwas anders denkt, so wird euch Gott auch das offenbaren. Doch wozu wir auch gelangt sein mögen, lasst uns nach derselben Richtschnur wandeln und dasselbe erstreben!»
Phil 3,12-16

Wenn wir diese Haltung und dieses Verständnis von Paulus nachahmen, sind wir auf dem besten Weg, uns ganz nach Christus auszustrecken. Paulus sagt: «dass ich auch das ergreife, wofür ich von Christus Jesus ergriffen worden bin!». Er macht sich auf den Weg, zu erfassen wozu er von Christus berufen wurde. Diese Entdeckungsreise zu machen ist der Vorrecht und die Herausforderung im Glauben.

 

Vorbilder

Wer Nachahmer wird, wird auch zum Vorbild. So wird das Leben von Christus in der Gemeinde offenbar. Paulus schreibt an die Thessalonicher:

«Und ihr seid unsere und des Herrn Nachahmer geworden, indem ihr das Wort unter viel Bedrängnis aufgenommen habt mit Freude des Heiligen Geistes, so dass ihr Vorbilder geworden seid für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja. Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erklungen; nicht nur in Mazedonien und Achaja, sondern überall ist euer Glaube an Gott bekanntgeworden, so dass wir es nicht nötig haben, davon zu reden.»
1Thess 1,6-8

Paulus schreibt an Timotheus:

«Niemand verachte dich wegen deiner Jugend, sondern sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Geist, im Glauben, in der Keuschheit! Bis ich komme, sei bedacht auf das Vorlesen, das Ermahnen und das Lehren. Vernachlässige nicht die Gnadengabe in dir, die dir verliehen wurde durch Weissagung unter Handauflegung der Ältestenschaft! Dies soll deine Sorge sein, darin sollst du leben, damit deine Fortschritte in allen Dingen offenbar seien! Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre; bleibe beständig dabei! Denn wenn du dies tust, wirst du sowohl dich selbst retten als auch die, welche auf dich hören.»
1Tim 4,12-16

Sei den Gläubigen ein Vorbild! Nicht den Ungläubigen! Die ausserhalb der Gemeinde sind, denen sollte Timotheus als Evangelist begegnen (2Tim 4,5), und ihnen nämlich die frohe Botschaft der rettenden Gnade Gottes in Christus Jesus verkündigen. Die aber ihr Vertrauen bereits auf Christus setzen, die Gemeinde, für die sollte er ein Vorbild sein und mit Beharrlichkeit auch bleiben.

Der Lebenswandel der Gläubigen, in dieser Welt wie auch in der Gemeinde, baut auf das Werk Gottes in Christus Jesus, auf Kreuz und Auferstehung auf. Deswegen sind es gerade die Briefe, welche nach der Auferstehung die Gemeinde aufbauen. Wir sollten diese Briefe (insbesondere die von Paulus, dem einzigen «Apostel der Nationen») regelmässig lesen, damit wir erfassen, wie Gottes Heil heute unser Leben verändern will.


Was sich aus der Unterscheidung der Begriffe lernen lässt

Was besser ist

Diesen Artikel habe ich angefangen mit der Frage von Menschen, die gerne Jesus so nachfolgen wollen, wie es in den Evangelien beschrieben war. Sie merkten jedoch, dass das so nicht ging. Ihre Fragen anhand der Bibel und der biblischen Geschichte zu lösen, einen Kontext für die Aussagen Jesu und der Apostel zu erarbeiten, war das Anliegen dieses Artikels. Wir haben gesehen, dass sich einiges verändert hat. Es kam eine neue Situation, von Gottes Geist vorbereitet und von den Aposteln an die Gemeinde gelehrt.

Die gleiche Herzenseinstellung

Wenn wir nun all diese Dinge gelesen haben, wie schauen wir von den Briefen zurück in die Evangelien? Wie können wir das, was Jesus gelebt und gewirkt hat, verstehen und anwenden? Es wird ja nichts weggenommen, sondern wir lernen hinzu. Es geht nicht darum, ein Wort «richtig» oder «falsch» zu verwenden, sondern es geht darum, zu verstehen, was damit gemeint ist. Dass wir Jesus nachfolgen bzw. Christus nachahmen, setzt die gleiche Herzenseinstellung voraus – von uns her gesehen. Da ändert sich also nichts. Aber von Gottes Heil her gesehen hat sich die Situation umwerfend geändert. Bin ich mir dessen bewusst? Ist es mir Grund zum Danken und hilft es mir, die Bibel differenzierter zu verstehen? Weiss ich, was mir in Gnaden geschenkt ist und kann ich bewusst daraus leben?

Wir können nicht anders vertrauen oder glauben als beispielsweise Abraham oder die Propheten, aber wir können unser Vertrauen und Glauben auf bessere Heilstatsachen gründen als diese frühen Gläubigen. Vieles von dem, was die Väter von Israel und die Propheten als Verheissung erst kennenlernten, wurde im Neuen Testament erfüllt. Dadurch haben wir in mancher Hinsicht mehr als eine Verheissung. Wir haben durch die Auferstehung Jesu eine bestätigte Grundlage erhalten, worauf wir unser Glauben und unser Leben aufbauen dürfen. Als Jesus auf Erden wandelte und als Lehrer Jünger um sich versammelte, gab es dieses Kreuz am Anfang noch nicht. Die Jünger konnten nicht aus der Kraft der Auferstehung leben. Sie kannten auch keine Rechtfertigung von Sünden, wie es nur nach dem Kreuz von Paulus verkündigt wurde. Die Tragweite vom Kreuz übersteigt alles, was bis dahin von Gottes Wirken bekannt war (vgl. 1Kor 2,6-10). Denn Gott wirkt in diese Welt hinein. Er macht eine fortschreitende Offenbarung, dessen Zukunftsperspektive sich bereits in uns am Auswirken ist.

Wachsen in der Erkenntnis

Es ist das Anliegen der Apostel, dass die Gläubigen in jedem guten Werk fruchtbar werden und wachsen in der Erkenntnis Gottes. Im Kolosserbrief beschreibt Paulus im ersten Kapitel einige Schritte, wie sie sich in unserem Glaubensleben ergeben. Im Text sind sie fett markiert:

«Wir danken dem Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, indem wir allezeit für euch beten, da wir gehört haben von eurem Glauben an Christus Jesus und von eurer Liebe zu allen Heiligen, um der Hoffnung willen, die euch aufbewahrt ist im Himmel, von der ihr zuvor gehört habt durch das Wort der Wahrheit des Evangeliums, das zu euch gekommen ist, wie es auch in der ganzen Welt [ist] und Frucht bringt, so wie auch in euch, von dem Tag an, da ihr von der Gnade Gottes gehört und sie in Wahrheit erkannt habt. So habt ihr es ja auch gelernt von Epaphras, unserem geliebten Mitknecht, der ein treuer Diener des Christus für euch ist, der uns auch von eurer Liebe im Geist berichtet hat. Deshalb hören wir auch seit dem Tag, da wir es vernommen haben, nicht auf, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr erfüllt werdet mit der Erkenntnis seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht, damit ihr des Herrn würdig wandelt und ihm in allem wohlgefällig seid: in jedem guten Werk fruchtbar und in der Erkenntnis Gottes wachsend, mit aller Kraft gestärkt gemäß der Macht seiner Herrlichkeit zu allem standhaften Ausharren und aller Langmut, mit Freuden, indem ihr dem Vater Dank sagt, der uns tüchtig gemacht hat, teilzuhaben am Erbe der Heiligen im Licht. Er hat uns errettet aus der Herrschaft der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe, in dem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Sünden.»
Kol 1,3-14

Wir sehen hier die Glaubensentwicklung in einer Nussschale: 1. Die Gnade Gottes hören, 2. Die Gnade Gottes in Wahrheit erkennen. [GEBET] 3. In jedem guten Werk fruchtbar werden. 4. In der Erkenntnis Gottes wachsen.

Das Gebet ist zentral, damit wir befähigt werden, des Herrn würdig zu wandeln, und damit wir erfüllt werden mit der Erkenntnis Seines Willens in aller geistlichen Weisheit und Einsicht. Der Apostel verweist am Schluss auf «die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden» – das ist nur nach der Auferstehung so möglich, wie wir das bereits an mehreren Stellen erkannt haben.

Die Gesinnung von Christus

Paulus, der die Nachahmung von Christus zentral stellt, fordert uns auf, die Gesinnung von Christus in uns zu haben. Erinnern wir uns daran, dass wir Christus nicht mehr dem Fleische nach kennen sollten (2Ko 5,16). Paulus meint damit keineswegs, dass die Evangelien für uns nun keinen Wert mehr haben. Wenn buchstäbliches «nachfolgen» nicht mehr geht, so geht trotzdem nichts verloren. Wir müssen auch nicht krampfhaft versuchen, dieses «nachfolgen» wieder irgendwie durch die Hintertür reinzubringen. Es geht nur darum nachzuspüren, welchen Wert und welche Botschaft die Evangelien für uns haben. Wie haben es die Apostel gesehen?

Von den Briefen her in die Evangelien zurückschauen

«Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus war.»
Phil 2,5

Um die Gesinnung von Christus Jesus geht es. Christus nachahmen heisst, dass wir uns Seine Gesinnung aneignen. Gerade das wird uns in den Evangelien eindrücklich vor Augen geführt. Wir können weder die Situation aus den Evangelien noch den spezifischen Auftrag von Jesus und seinen Jüngern damals ganz in die heutige Zeit verpflanzen. Wir können aber Seine Gesinnung in uns haben. Dazu werden wir einerseits aufgefordert, andererseits aber ist es etwas, das an uns geschieht, wie es ein paar Verse weiter heisst:

«Mit [Ehr]Furcht und Zittern wirket eure Rettung [aus]! Denn Gott ist es, der beides in euch wirkt: das Wollen wie auch das Wirken nach [Seinem] Wohlgefallen»
Phil 2,12-13.

Die Entäusserung Christi

Der ganze Abschnitt liest sich wie folgt:

«Denn ihr sollt so gesinnt sein, wie es Christus Jesus auch war,

[Christus Jesus] der, als er in der Gestalt Gottes war, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein; sondern er entäußerte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde wie die Menschen; und in seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.

Darum hat ihn Gott auch über alle Maßen erhöht und ihm einen Namen verliehen, der über allen Namen ist, damit in dem Namen Jesu sich alle Knie derer beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Darum, meine Geliebten, wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit, verwirklicht eure Rettung mit Furcht und Zittern; denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt nach seinem Wohlgefallen. Tut alles ohne Murren und Bedenken, damit ihr unsträflich und lauter seid, untadelige Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter welchem ihr leuchtet als Lichter in der Welt, indem ihr das Wort des Lebens darbietet, mir zum Ruhm am Tag des Christus, dass ich nicht vergeblich gelaufen bin, noch vergeblich gearbeitet habe.»

Phil 2,5-16

Die Entäusserung von Christus ist ein Vorbild für uns: Christus Jesus, obwohl Er in der Gestalt Gottes war, hat

  1. sich entäussert
  2. die Gestalt eines Knechtes (wörtlich: Sklaven) angenommen
  3. wurde wie die Menschen
  4. erniedrigte sich selbst
  5. wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz

Darum hat Ihn Gott

  1. über alle Massen erhöht und
  2. Ihm einen Namen verliehen, der über allen Namen ist
  3. damit in dem Namen Jesu sich alle Knie beugen
  4. und alle Zungen bekennen, dass Jesus Christus Herr ist
  5. Zur Ehre Gottes, des Vaters

Hier wird deutlich, mit welcher Gesinnung wir Christus nachahmen können.

Unser Lebenswandel

Ob wir nun in den Evangelien davon lesen, «Jesus nachzufolgen» oder später Paulus davon schreibt «Nachahmer Christi» zu werden – diese Ausdrücke beantworten noch nicht Details unseres Lebenswandels. Zum Abschluss deshalb noch einige Gedanken über unseren Alltag. Wer nur praktische Lebensregeln sucht, findet so etwas wie «Christus nachahmen» vielleicht zu theoretisch. Offen gesagt geht es bei diesen Ausdrücken auch gar nicht um Lebensregeln. Es ist aber die Lebenshaltung, die Motivation, die Gesinnung, welche uns ermöglicht, nun praktisch zu werden.

«Lasst uns alle, die wir gereift sind, so gesinnt sein; und wenn ihr über etwas anders denkt, so wird euch Gott auch das offenbaren. Doch wozu wir auch gelangt sein mögen, lasst uns nach derselben Richtschnur wandeln und dasselbe erstreben! Werdet meine Mitnachahmer, ihr Brüder, und seht auf diejenigen, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt.» Phil 3,15-16

Es braucht eine gewisse Reife, damit wir die gleiche Gesinnung pflegen können. Eine Folge davon ist, dass wir nach derselben Richtschnur wandeln und dasselbe erstreben. Wenn wir das nun mit praktischen Angaben aus der Bibel füllen wollen, so können wir das auf zweierlei Art machen:

  • Evangelien
    In den Evangelien können wir die Gesinnung von Christus nachspüren, und diese Gesinnung in unserem Leben nachahmen.
  • Briefe
    In den Briefen – speziell bei Paulus – geht es darum, unseren Lebenswandel als Frucht des Geistes (Ga 5,22) zu sehen, nicht mehr uns selbst zu leben, sondern für Den, der für uns starb und auferweckt wurde (2Ko 5,15), als Kinder des Lichts zu wandeln (Eph 5,9), aufzuwachen aus einem christusfernen Leben – sozusagen geistlich aus den Toten auferstehen – damit Christus uns aufleuchtet (Eph 5,14), Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung, damit wir unser Leben heute als Auferstehungsleben feiern können (Phil 3,10-11 Rö 8,11), mit genau derselben geistlichen Kraft.

Wie wir wandeln dürfen

«Ich spreche euch nun zu – ich, der Gebundene im Herrn, würdig der Berufung zu wandeln, zu der ihr berufen wurdet, mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld einander in Liebe ertragend.»
Eph 4,1-2

Hier zeigt sich, dass ein Lebenswandel, der unserer Berufung entspricht, mit «Demut», «Sanftmut», «Geduld» und «Liebe» einhergeht. Wie sich das in einzelnen Fragen auswirkt, wird oft konkret beantwortet. Paulus beispielsweise zeigt uns in vielen Briefen zwei Teile: Zuerst einen lehrmässigen Teil (z.B. Römer 1–11, Epheser 1–3 oder Kolosser 1–2) und daraufhin einen praktischen Teil, den Lebenswandel betreffend (z.B. Römer 12–16, Epheser 4–6 oder Kolosser 3–4). Dies zeigt, wie Lehre und Wandel ineinander greifen. Wir brauchen beides: Eine gesunde Lehre und einen darauf aufbauenden Lebenswandel («logischer Gottesdienst» Rö 12,1-2). Wer konkrete Hinweise will, findet viele gute Hinweise in den zweiten Briefhälften. Welches Verhalten wir ablegen sollten und wie wir im Geist verjüngt werden, beispielsweise, und wie wir eine neue Menschheit anziehen dürfen und in allem Wahrheit reden dürfen miteinander (Eph 4,17-25).

Erinnern wir uns auch daran, dass Paulus sich selbst als Vorbild sah, Timotheus als Vorbild hinstellte, und auf andere verwies, «die ebenso wandeln» (Phil 3,16). Wir dürfen so gemeinsam «alles zum Wachsen bringen, hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus Jesus» (Eph 4,15-16).

 

 


Schlussgedanken

Wie wichtig ist es jetzt, zwischen «nachfolgen» und «nachahmen» zu unterscheiden? Und wäre es etwa falsch, von «nachfolgen» zu sprechen, wenn dieses «nachfolgen» gar nicht mehr möglich ist?

Diese Frage stellt sich eigentlich nur gegen dem Hintergrund der verschiedenen Traditionen, die beharrlich von «nachfolgen» sprechen. Traditionen werden geschützt mit Begründungen wie «Wir wollen die Leute nicht verunsichern» oder «Das sind ja nur Wortklaubereien». Dem steht gegenüber, dass Jesus und die Apostel sehr wohl einen Unterschied gemacht haben, wie in diesem Artikel dargelegt. Das geschah nicht ohne Grund.

Selbstverständlich geht es nicht um die Wörter an sich. Vielmehr geht es um die Realitäten, die damit ausgedrückt werden. Deswegen darf gefragt werden, welche Realität denn in der Verkündigung zum Tragen kommen sollte? Und auch: Welchen Gewinn gibt es, wenn ich Wörter so benutze, wie sie in der Bibel benutzt werden? Hilft mir das vielleicht, die Botschaft besser zu verstehen? Wenn ich Wörter bewusst nutze, hilft mir das auch, das Evangelium besser in meinem Reden und Denken zu verankern?

Vertiefung: Konkordanz zu «nachfolgen»

Hier unten eine Übersicht aller Bibelstellen wo von «nachfolgen» die Rede ist.

Das Wort «Nachfolge» (als Nomen) gibt es nicht. Es gibt nur den Verb «nachfolgen» also kann nicht von einem Zustand, sondern nur von einer Tätigkeit die Rede sein. Der Verb gibt es vorwiegend in den Evangelien, und ausserhalb der Evangelien nie im Sinne von «Jesus nachfolgen». Es empfiehlt sich, alle Stellen nachzuschlagen, bevor mit dem weiteren Text fortgefahren wird.

nachfolgen

gr. akoloutheo

  • Matthäus: 4:20,22,25; 8:1,10,19,22,23; 9:9 (2x),19,27; 10.38; 12:15; 14:13; 16:24; 19:2,21,27,28; 20:29,34; 21:9; 26:58; 27:55;
  • Markus: 1:18; 2:14 (2x),15; 3:7; 5:24; 6:1; 8:34; 9:38 (2x); 10:21,28,32,52; 11:9; 14:13,51,54; 15:41;
  • Lukas: 5:11,27,28; 7:9; 9:11,23,49,57,59,61; 18:22,28,43; 22:10,39,54; 23:27;
  • Johannes: 1:37,38,40,43; 6:2; 8:12;10:4,5,27; 11:31; 12:26; 13:36 (2x), 37; 18:15; 20:6; 21:19,20,22;
  • Apostelgeschichte: 12:8,9; 13:43; 21:36;
  • 1. Korinther: 10:4;
  • Offenbarung: 6:8; 14:4,8,9,13; 18:5; 19:14.

Quelle: Wigram, The Englishman‘s Greek Concordance of the New Testament.

Vertiefung: Konkordanz von «nachahmen»

Nachfolgend alle Stellen, welche von «nachahmen» sprechen. Beachte jeweils den Kontext.

Quelle: Wigram, The Englishman‘s Greek Concordance of the New Testament.

Vertiefung: Gesinnung im Philipperbrief

Gesinnung, wörtlich «gesinnt sein», gr. phroneo. Ein wichtiges Wort im Philipperbrief, vgl. 
Phil 1,7 Phil 2,2 Phil 2,5 Phil 3,15-19 Phil 4,2 Phil 4,10.