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Der Geist der Verheissung

Im Epheserbrief schreibt Paulus, dass der Glaubende versiegelt ist mit dem «Geist der Verheissung». Das ist eine wertvolle Information für unseren Alltag. In unserem Glaubensleben erfüllt die «Verheissung» eine wichtige Rolle. Sie spricht von etwas, das noch vor uns liegt. Eine Verheissung spricht von der Zukunft, nicht von der Gegenwart. Tönt das schwammig? Für Paulus war dies nicht weltfremd und für uns muss es das auch nicht sein. Paulus erwähnt die Zukunft nämlich im Hinblick auf die Gegenwart. Wir sind «jetzt» versiegelt mit diesem Geist der Verheissung. Darum geht es gerade im Epheserbrief. Er beschreibt, wie Gott heute in dieser Welt wirkt und mit welchem Ausblick. Ausblick und Weitblick lassen sich nur im Hier und Jetzt pflegen.

«… In Ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Rettung, hört – in Ihm seid auch ihr, die ihr glaubt, versiegelt mit dem Geist der Verheissung, dem heiligen (der ein Angeld unseres Losteils ist bis zur Freilösung des uns zugeeigneten) zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit»
Eph 1,13–14

Dieser Geist der Verheissung ist eine Anzahlung bis zur Erfüllung (Angeld bis zur Freilösung). In dieser Anzahlung – einer Bildsprache – ist bereits etwas enthalten was später voll erfüllt werden wird. Es ist so etwas wie ein Vorgeschmack. Nun ist dieser Geist der Verheissung auch etwas, womit wir versiegelt worden sind. So schreibt es Paulus. Es ist nicht etwas, was wir selbst getan haben, sondern es wurde an uns getan. Diese Versiegelung liegt also nicht in meiner Anstrengung, sondern in Gottes Zusage. Es betrifft etwas, das uns nicht weggenommen werden kann, und es hat die Zukunft im Kern enthalten. Es wird uns geschenkt. Als «Versiegelung» ist es auch das Siegel Gottes auf den Segen, den Er Selbst gibt. Paulus schreibt das so, damit wir uns ohne Ablenkung auf Seine Zusagen verlassen, auch wenn heute offensichtlich noch nicht alles erfüllt ist.

Wir haben also einen Reichtum, aber dieser Reichtum ist geistlich, und es bleibt noch ein grosser Teil für die Zukunft aufbewahrt. Bereits hatte der Apostel geschrieben, dass wir «mit jedem geistlichen Segen inmitten der Überhimmlischen in Christus» gesegnet worden sind (Eph 1,3). Der geistliche Segen ist demnach Merkmal unserer heutigen Zeit. Gleichzeitig wurden wir mit dem Geist der Verheissung versiegelt. So werden wir von Gottes Wirken her aufbewahrt für eine zukünftige vollständige Erfüllung. Heute und morgen sind also beide im Wort Gottes eingeschlossen und darin ist Zuversicht enthalten.

Heute leben wir

Wir haben nichts anderes in dieser Welt als den aktuellen Augenblick. Wie lebt es sich im Hier und Jetzt, wenn Nöte und Schmerzen, Mängel und anderes konkret vorhanden sind, wenn die Herausforderungen überborden und kein Lichtblick vorhanden scheint? Lässt sich unsere Not verstehen, verwandeln? Das wohl nicht immer. Lässt sich diese Not von Gott verwandeln? Das leider auch nicht immer. Unser Segen ist heute geistlich, wie wir gerade gelesen haben. Nicht immer ist geistlicher Segen auch tastbar vorhanden. Wir bleiben sterblich, wir erleben Krankheiten wie jeder andere Mensch auch, wir unterscheiden uns als Glaubende in nichts von anderen Menschen, ausser in der Erwartung und Zuversicht, sowie der erlebten Gnade Gottes. Die Erwartung kann unser Hier und Jetzt beflügeln. Die Zusagen Gottes können uns in tiefer Dunkelheit die Zuversicht schenken, einfach den nächsten Schritt zu wagen. Sein Wort ist wie ein Licht auf unserem Pfad und wie eine Lampe für unseren Fuss (Ps 119,105).

Wir unterscheiden uns als Glaubende in nichts von anderen Menschen, ausser in der Erwartung und Zuversicht sowie der erlebten Gnade Gottes.

Es gibt eine Verkündigung, die von diesem geistlichen Reichtum hinweg driftet. Geisticher Reichtum allein kann schwer sein, wenn uns die reale Not drückt. Deshalb gibt es Lehren und Meinungen, welche den geistlichen Reichtum und die Verheissung ersetzen. Diese Verkündigung gibt es auf verschiedene Arten. Es handelt sich immer um einen Machbarkeitswahn, der beispielsweise als Wohlstandsevangelium oder als Wunderglaube zutage treten kann.

Das Trugbild eines Wohlstandsevangeliums

Als Wohlstandsevangelium wird es manchmal so verkündigt, das ein Christ Erfolg haben wird, wenn er nur glaubt und Gott bittet. Es wird gefolgert, dass, weil Gott für uns ist, uns in dieser Welt alles geschenkt wird. Weder Misserfolg noch Mangel dürfen dann stattfinden. Wer glaubt, so die Annahme, der wird in dieser Welt gesegnet. Für manche gehört es dazu, dass man einfach klar beten soll für die Dinge, die man gerne hätte, und Gott wird das schenken. Willst Du ein grosses Auto, dann bitte doch gleich um die richtige Marke, Ausführung und Farbe. Diese Sicht hat allerdings mit Glaube nichts zu tun. Es ist eher ein Psychotrick, den man sich selbst auferlegt. Unweigerlich kommen einem da Bücher wie «Die Kraft des positiven Denkens» in den Sinn, aber dieselben Gedanken klingen auch in anderen esoterischen und pseudo-christlichen Weltsichten an.

In einer kritischen Darstellung schreibt Hugo Stamm «Wie in unserem Alltag sind auch beim positiven Denken Effizienz, Erfolg und Egozentrik die zentralen Werte» (Hugo Stamm, Die Kraft des positiven Denkens. Tagesanzeiger 27.04.2006). Auf Wikipedia wird eine ganze Reihe mit Studien erwähnt, die sich diesem Phänomen gewidmet haben (Wikipedia: Positives Denken). Nicht alles ist so rosig wie es präsentiert wird. Wenn eine gesunde, positive und dankbare Lebenshaltung durch «falsche Heilsversprechen», «Autosuggestion» und «zwanghafte Ausblendung der Realität» ersetzt werden, dann leidet bald der Mensch.

Es hilft also nicht, auf einen allmächtigen Gott zu verweisen, der irgendwo sagt «Bittet, und es wird euch gegeben werden» (Mt 7,7). Einen Text ausserhalb des Kontextes zu zitieren ist immer problematisch. Wir können die Bibel nicht so selbstsüchtig missbrauchen. Es ist eine religiöse Irrfahrt. Erst durch falsche Heilsversprechen verlassen wir eine nüchterne und frohe Lebensausrichtung, die sich voll auf Seiner Gnade abstützt. Lebendiger Glaube lebt aus der Beziehung und nicht aus «Wundern» heraus. Ein solcher lebendiger Glaube lässt stets alles in Gottes Händen und will nicht zwanghaft nur das Gute erhalten, sondern wahrer Glaube nimmt einfach das, was Gott gibt. In Gottes Händen sind wir stets bestens aufgehoben. Das ist kein Fatalismus, sondern Vertrauen, das in der Realität gründet.

Jesus sagte im Glauben: «Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Becher an mir vorüber! Indes nicht wie ich will, sondern wie Du willst!» (Mt 26,39). Jesus hat seine Not kundgetan, aber letztlich alles in den Händen Seines Vaters gelassen. Wahrer Glaube sieht Gott stets grösser als die aktuell von einem selbst erlebten Realität. Wer also durch eine bestimmte Verkündigung von diesem Gottvertrauen hinweg geführt wird, der wird auf Glatteis geführt.

Wunderglaube

Einen anderen Machbarkeitswahn gibt es manchmal auch für Krankenheilungen. Nichts ist so verführerisch wie ein Versprechen der Heilung, wenn man wirklich krank ist. Dabei geht es nicht darum, dass Gott tatsächlich heilen kann. Wichtig ist vielmehr die Frage, ob denn jeder heute mit Sicherheit geheilt wird. Ist es heute der Standard, dass Gläubige geheilt werden? Das ist leider nicht immer der Fall. Heilung ist nicht der Lohn, wenn ich glaube, wenn ich auf Gott vertraue. Darum geht es nämlich gar nicht.

Ich hatte eine Schwester, die Krebs hatte. In der Gemeinde in der sie ein und ausging wurde ihr gesagt, dass sie geheilte werde, wenn sie nur glaubt. Sie hatte es fest geglaubt. Gebete, Salbungen, Heilungsgottesdienste und jene Menge Literatur zum Thema prägten ihren Alltag. Trotzdem ist sie heute nicht mehr da. Sie hat die Krankheit nicht überlebt. Falsche Lehren geben falsche Hoffnung, mit katastrophalen Folgen für Leben und Glauben. Für meine Schwester steht als nächstes die Auferstehung an, wie auch für alle anderen Entschlafenen (1Thess 4,13-18). Darin ist Zuversicht, denn wir haben hier lediglich eine vorübergehende Bleibe.

Der Not in dieser Welt wird nicht immer mit Heilung begegnet – noch nicht. Heilung sollten wir aber nicht ausblenden. Denn heute gibt es Heilungen durch Schulmedizin, sowie durch geänderte Lebensweise und vieles mehr. Es gibt auch Spontanheilungen. Zweifellos ist auch der Lebensmut für eine Heilung ganz entscheidend. Die Welt ist nicht schwarz-weiss, als hiesse es «nur Gottesheilung oder keine Heilung». So ist es eben nicht. Der Mensch hat bereits in sich grosse Heilungskräfte – auch wenn diese von unserer Sterblichkeit begrenzt sind. Und tatsächlich kann auch Gott heilen. All diese Möglichkeiten haben jedoch nichts mit dem zu tun, was einst in den Evangelien beschrieben war. Differenzierung ist hier gefragt!

Bereits zu Jesu Zeiten wurde nicht jeder geheilt. Die Heilungen in jener Zeit waren «Zeichen und Wunder», die bezeugten, dass Er der Messias war und das verheissene messianische Königreich in Ihm nahe gekommen war. Es war ein Zeugnis, das Jesus als der kommende Messias ausgewiesen hat (Mt 11,2-6 Mt 4,17). Die Zeichen und Wunder der Evangelien waren Kostproben der künftigen Zeit. Der Schreiber des Hebräerbriefes nannte es: «die Kräfte des zukünftigen Zeitalters» (Heb 6,5).

Nicht jeder wurde damals also geheilt, und Paulus musste einst Trophimus krank in Milet zurücklassen (2Tim 4,20) und empfahl Timotheus ab und zu etwas Wein zu nehmen, weil ihm sehr häufig unwohl war (1Tim 5,23). Auch Paulus selbst hatte einen «Splitter für das Fleisch», der nicht weichen wollte, obwohl er öfters dafür betete (2Kor 12,7-8). Das tönt alles so ganz anders als ein «Wunderglaube für jeden der genug glaubt». Denn – Hand aufs Herz – wer glaubt schon genug?

Was Paulus erkennen durfte

Nachdem Paulus mehrfach gebetet hatte, er möge doch von diesem Leiden befreit werden, wurde ihm etwas ganz anderes klar. Er beschreibt das wie folgt:

«Damit ich mich nun nicht wegen der Ausserordentlichkeit der Enthüllungen überhebe, wurde mir darum ein Splitter für das Fleisch gegeben, ein Bote Satans, um mich mit Fäusten zu schlagen, damit ich mich nicht überhebe. Dieserhalb sprach ich dreimal dem Herrn flehentlich zu, dass jener von mir abstehen möge. Doch Er hat mir versichert: «Dir genügt meine Gnade; denn Meine Kraft wird in Schwachheit vollkommen gemacht.» Sehr gern werde ich daher eher die Schwachheiten an mir rühmen, damit die Kraft des Christus über mir zelte.»
2Kor 12,7-9

Hier können wir etwas lernen. Es entspricht vielleicht nicht unserer eigenen Erfahrung, aber Paulus beschreibt seine persönliche Erfahrung für uns als Beispiel. Dies erkannte er: Gnade sollte ihm genügen. Das steht zentral. Schwachheit braucht Gnade. Stärke braucht keine Gnade. Wenn die Kraft von Christus hervorstrahlen sollte, dann ist Schwachheit dafür ein guter Hintergrund. Paulus war aber kein Masochist. Er hat nicht in falscher Frömmigkeit das Leiden hochstilisiert. Das Leiden war konkret, er hat 3x gebetet und dann erkannt, dass die Gnade grösser ist. Er hat Gott nicht mit endlosen Gebeten unter Druck gesetzt. Er hat schlicht seinen Wunsch bekanntgegeben, aber dann – wenn die Lösung ausblieb – losgelassen. Die Gnade ist grösser. Es geht weiter. Er wollte nicht bei seinen Wünschen verharren, sondern der Kraft des Christus in Seinem Leben Raum geben. Das ist etwas ganz anderes. Das ist etwas ganz Besonderes.

An die Philipper schrieb Paulus:

«Freuet euch in dem Herrn allezeit! Nochmals will ich betonen: Freut euch! Lasst eure Lindigkeit allen Menschen bekannt werden: Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern lasst in allem eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott bekannt werden. Dann wird der Friede Gottes, der allem Denksinn überlegen ist, eure Herzen und eure Gedanken wie in einer Feste in Christus Jesus bewahren.»
Phil 4,4-7

Sorgt euch um nichts! Das ist kein weltfremdes Wunschdenken, sondern eine klare Empfehlung. Paulus rechnete mit der Realität Gottes, auch wenn alle seine (oder alle unsere) Wünsche nicht erfüllt werden. Wir sollten Gott alles bekanntmachen «im Gebet und Flehen mit Danksagung». Die Verheissung ist nicht, dass uns alles erfüllt wird, sondern es heisst, dass der Friede Gottes, der allem Denken überlegen ist, unsere Herzen und Gedanken wie in einer Feste in Christus Jesus bewahren wird. Der Friede Gottes erfahren. Das ist die Verheissung, wenn wir so beten. Das ist geistlicher Reichtum. Und dieser Reichtum ist sicher.

Wir befinden uns also in diesem Spannungsfeld zwischen aktueller Empfindung und Erfahrung einerseits und den Verheissungen Gottes andererseits. Das Evangelium hat als Frohbotschaft sowohl das Leiden dieser Welt verstanden, als auch eine Antwort darauf formuliert. Für die Schreiber der Bibel ist Gottes Zusage so real wie die Welt, worin wir leben. Mehr noch: Diese Welt ist Gottes Welt, und wir können uns getrost darauf verlassen, dass Er stets das letzte Wort hat.

Die Leiden der jetzigen Zeit

Im Römerbrief kommt Paulus ausführlich auf die Leiden dieser Welt zu sprechen. Er predigt keinen Machbarkeitswahn mit falschen Heilsversprechen. Es gibt eine Zukunft, die noch vor uns liegt. Darin ist eine Verheissung enthalten. Es handelt sich um einen Abschnitt aus Römer 8. Der Gemeinde in Rom schreibt er:

«Denn ich rechne damit, dass die Leiden der jetzigen Frist nicht wert sind der Herrlichkeit, die im Begriff steht, in uns enthüllt zu werden.
Röm 8,18

Ein klarer Gegensatz: Leiden jetzt – Herrlichkeit künftig. Paulus meint, dass auch unsere höchste Not mehr als aufgewogen wird durch die Zukunft, die uns erwartet. Nun ist es ja nicht so, dass wir einfach auf eine ungewisse Zukunft oder ein schwammiges Jenseits-Verständnis vertröstet werden. Paulus schildert jeden Ausblick stets so, dass sie uns im Hier und Jetzt voran bringt. Er verankert den Ausblick in der aktuellen Situation. Er lässt uns teilhaben an Gottes Wirken quer durch die Zeit hindurch. Er vergrössert unser Blickfeld und lässt unsere Zeit als Teil von Gottes Zeit erscheinen. Im Vertrauen auf Sein Wirken erkennt Paulus auch die Sehnsucht der Schöpfung jetzt, eine Sehnsucht nach Erlösung und Befreiung.

«Denn die Vorahnung der Schöpfung wartet auf die Enthüllung der Söhne Gottes.»
Röm 8,19

Die Schöpfung wartet

Es ist nicht etwa die Vorahnung der Gemeinde, sondern es ist die Vorahnung der Schöpfung selbst. Es ist allumfassend. Es betrifft die ganze Welt. Dies ist die Aussage: Die Leiden der jetzigen Frist betreffen die der ganzen Schöpfung. Die Schöpfung leidet. Die Schöpfung sehnt sich nach einem Ausweg, genau wie auch wir selbst uns nach Befreiung sehnen. Paulus, der über die menschliche Leiden schrieb, weitet hier den Horizont und bezieht die ganze Welt mit ein. Es wird zu einem Gesamtverständnis, worin nichts ausgeschlossen ist und Gott das letzte Wort hat. Die Welt wird zu einer Bühne, worauf Gott sein Heil entfalten kann. Auf dieser Bühne steht die ganze Schöpfung in Wehen und Not, und dort stehen auch wir als Gemeinde. Was geschieht nun? Die Vorahnung der Schöpfung wartet auf die Enthüllung der Söhne Gottes – auf die Enthüllung der Gemeinde Jesu Christi. Erst dann geht es weiter. Es wird der Auftakt zur Befreiung sein, ein nächster Akt im Auftritt, woran wir alle teilhaben. Die Schöpfung leidet und wartet, bis es weiter geht, bis die Söhne Gottes enthüllt werden.

Dies kann nun eine befreiende Sicht sein, weil Gott in allem gegenwärtig ist. Wir müssen Gott nicht vom Himmel herabbeten, als sei Er nicht hier, sondern diese Welt ist ganz Seine Welt, und wir leben unser Leben, weil Er uns trägt (Apg 17,24-29). Er ist ganz nahe (Phil 4,4-7). Vielleicht aber mag jemand einwenden, dass diese Sicht gar nicht befreiend ist, weil eben Gott «alles steuert». Ich kann mir vorstellen, dass damit nicht jeder gleich einfach klar kommt. Ein Gott, der alles in Händen hat? Bedeutet das, dass ich selbst nichts mehr zu sagen habe? Und trotzdem gibt es das Leiden jetzt? Es klingt hier die Frage der Theodizee mit, die bereits in einem anderen Beitrag ausführlicher besprochen wurde. Für Paulus geht es jedoch um die Zuständigkeit. Nicht wir sind für die Welt zuständig, sondern Gott Selbst ist zuständig. Nicht wir führen die Regie bei diesem grossen Theaterstück, sondern Gott selbst legt den Ablauf fest. Paulus beschreibt das wie folgt:

«Denn die Schöpfung wurde der Eitelkeit untergeordnet (nicht freiwillig, sondern um des Unterordners willen)»
Röm 8,20

Der Zustand, worin sich die Schöpfung befindet, ist nicht freiwillig. Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen worden. Das war «um des Unterordners willen». Oder mit anderen Worten: Gott Selbst hat die Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen. Mit dieser Aussage erhalten wir einen ungeheuren Einblick in das Leiden der Welt und was dahinter steht. Gott selbst steht dahinter. Zwar nicht im Zufügen des Leids, sondern im Hinblick auf die unausweichliche Vergänglichkeit. Die Vergänglichkeit selbst ist bereits ein Leiden, und es ist Ursache von viel mehr Leiden in dieser Welt. Betrachten wir die Situation noch einmal als Bühnenstück, dann hat Er das Bühnenbild bestimmt sowie die Geschichte, die sich auf der Bühne entwickelt. Paulus versetzt uns für einen Moment in den Theatersaal und wir schauen mit etwas Distanz das Stück an, was sich vor unseren Augen dramatisch zuträgt. Wir sind Teil des Geschehens, aber wir dürfen es im Glauben auch mit etwas Distanz betrachten. Zuversicht baut immer auf ein grösseres Verständnis auf. Zuversicht hat ein Ziel vor Augen. Paulus lässt uns das Ziel erblicken. Er versetzt uns in die Position des auswärtigen Betrachters. Er lässt uns von Gottes Position aus die Welt betrachten. So gewinnen wir einen Überblick, einen Einblick und einen Ausblick.

Verheissung baut auf Zusage. Zusagen kann nur, wer dazu fähig ist, die Zusage auch einzuhalten. Lasen wir im Epheserbrief also, dass wir versiegelt wurden mit dem «Geist der Verheissung», dann sollte dahinter ein Gott stehen, der auch fähig ist, die Zusagen zu erfüllen. Das hört sich wie einen Zirkelschluss an, aber Verheissung baut immer auf Zusage. Im Rahmen des Epheserbriefes hatte der Apostel unmittelbar vor dieser Zusage noch folgendes geschrieben:

«In Ihm hat auch uns das Los getroffen, die wir vorherbestimmt sind, dem Vorsatz dessen gemäss, der alles nach dem Ratschluss Seines Willens bewirkt, damit wir zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit seien, die wir eine frühere Erwartung in Christus haben. In Ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit, das Evangeilum eurer Rettung, hört – in Ihm seid auch ihr, die ihr glaubt, versiegelt mit dem Geist der Verheissung, dem heiligen…»
Eph 1,11-14

Es geht um Vorherbestimmung, um einen Vorsatz Gottes, um den Ratschluss Seines Willens und die Erwartung, die daraus hervorgeht. All das prägt diesen «Geist der Verheissung», womit wir versiegelt wurden. Zuversicht und Verheissung kommen aus der Zusage und aus der Erkenntnis der Liebe Gottes (Eph 1,5), worin Er alles bewirkt. All das geschieht im Hinblick auf ein Ziel, nämlich «das All in allem zu vervollständigen» (Eph 1,22-23).

Gottes Erwartung

Halten wir kurz den Atem an und lassen die Worte nachklingen. Paulus beschreibt das Wesen der Welt mit allem Leiden und spricht von einem Gott, der den aktuellen Status bewusst inszeniert hat. Denken wir hier nicht zu klein. Denken wir über den aktuellen Augenblick hinaus. Denken wir wie Gott, Der alle Zeit überblickt, der ein Bühnenstück inszeniert mit verschiedenen Akten. Gott hat einen «Vorsatz der Äonen» (Eph 3,11), worin Er zum Ziel kommt. Es gibt nicht nur den aktuellen Moment, sondern es gibt einen zeitlichen Ablauf. Es gibt einen Plan und einen Ausblick, denn das Theaterstück ist noch nicht zu Ende gespielt worden. Das letzte Wort wird nicht heute gesprochen.

«Denn die Schöpfung wurde der Eitelkeit untergeordnet… in der Erwartung, dass auch die Schöpfung selbst befreit werden wird von der Sklaverei der Vergänglichkeit zur Freiheit er Herrlichkeit der Kinder Gottes»
Röm 8,20-21

Es gibt eine Erwartung für die gesamte Schöpfung. Das ist Gottes Erwartung. Nach dieser Erwartung soll die Schöfung von der Sklaverei der Vergänglichkeit einst befreit werden wird zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Statt Sklaverei gibt es Freiheit. Statt Vergänglichkeit gibt es eine Herrlichkeit. Paulus verknüpft unsere Erfahrung und unseren Ausblick mit dem der gesamten Welt, aus dem Blickwinkel der befreienden Gnade Gottes.

«Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis nun mit uns ächzt und Wehen leidet. Aber nicht sie allein, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst ächzen in uns, den Sohnesstand erwartend, die Freilösung unseres Körpers.»
Röm 8,22-23

Unsere Erwartung

Gott hat eine Erwartung. Nun sollten auch wir eine Erwartung haben. Gott lässt Dich und mich nicht fallen, sowenig wie die ganze Welt. Wir wurden auf Gottes Erwartung hin gerettet. Wir sind sozusagen die Vorhut. Es geht jedoch um mehr. Es geht Gott immer ums Ganze. Wir müssen lernen, diese Erwartung zu würdigen, sie zu verstehen und in unserem Leben zu integrieren.

«Denn auf diese Erwartung hin wurden wir gerettet. Erwartung aber, die erblickt wird, ist keine Erwartung; denn das, was jemand erblickt – erwartet er das etwa noch? Wenn wir aber erwarten, was wir nicht erblicken, so warten wir mit Ausharren darauf.»
Röm 8,24-25

Das Wesen einer lebendigen Erwartung ist eben, dass es noch nicht erfüllt ist. Wir können nur erwarten, was noch vor uns liegt. Wissen wir jedoch, wie unser Leben von Gott her getragen wird (und dies gilt für die ganze Welt), so können wir dadurch Ausharren lernen. Wenn die Not jedoch hoch ist, dann ist dieses Ausharren nicht gerade einfach. Deshalb fährt Paulus im Römerbrief weiter und schreibt:

«In derselben Weise aber hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf; denn das, was wir beten sollten (in Übereinstimmung mit dem, was sein muss), wissen wir nicht; sondern der Geist selbst verwendet sich für uns mit unausgesprochenem Ächzen.»
Röm 8,26

Erneut landen wir hier bei Gottes Geist. Dieser hilft uns in unserer Schwachheit. Wir haben nämlich keine Ahnung, was wirklich wichtig ist. Wir können nicht einmal die nächste Minute einschätzen. Deshalb hilft uns Gottes Geist in unserer Schwachheit. Der Geist selbst setzt sich für uns ein mit unausgesprochenem Seufzen. Gottes Zusage und Gottes Empathie sind das, womit wir gesegnet sind. Ist das kein grosser Unterschied zu diesen Lehren, die mit Psychotricks versuchen sich die eigene Zukunft zu schaffen? Und ist dies kein Riesenunterschied zu den Lehren, die behaupten, wir müssen uns einfach «aneignen» (engl. «to claim») was wir als «Gottes Segen für uns» erkennen. Eine recht zweifelhafte Einschätzung ist vielleicht das Resultat. Paulus ist da viel nüchterner. Er sagt klipp und klar, dass wir es nicht wissen. Wir sind auf Gott angewiesen, und der wirkt mit Seinem Geist in uns (Röm 8,27).

Wir haben keine Ahnung, was wirklich wichtig ist. Deshalb hilft uns Gottes Geist in unserer Schwachheit und setzt sich mit unausgesprochenem Seufzen für uns ein.

Das Gebet von Paulus

Was Paulus über den Geist der Verheissung schreibt, erhält in Epheser, Kapitel 1, nun weitere Vertiefung. Paulus denkt christozentrisch. Das Evangelium ist christozentrisch. Die frohe Botschaft ist kein Wundermittel zur Behebung der Not dieser Welt. Die frohe Botschaft schenkt jedoch einen Ausblick auf die Zeit, dass Gott alles zurecht bringt. Heute haben wir einen grossen Reichtum, aber dieser ist geistlich zu verstehen. Wir sollten es nie mit einem Machbarkeitswahn, mit einem Wohlstandsevangelium oder mit einem Wunderglauben ersetzen lassen.

Damit die Gläubigen dieser geistliche Reichtum im Kontext von Gottes Wesen und Handeln verstehen mögen, betet Paulus:

«Deshalb ist es,
dass auch ich – da ich von dem euch angehenden Glaubensgut in dem Herrn Jesus höre (auch dem für alle die Heiligen),
dass ich nicht aufhöre, für euch zu danken und in meinen Gebeten zu erwähnen,
dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit,
euch geistliche Weisheit und geistliche Enthüllung zur Erkenntnis Seiner Selbst gebe
(nachdem die Augen eures Herzens erleuchtet wurden),

damit ihr wisst,
was das Erwartungsgut Seiner Berufung ist,
was der Reichtum der Herrlichkeit Seines Losteils inmitten der Heiligen,
was die alles übersteigende Grösse Seiner Kraft ist (für uns, die wir glauben),
gemäss der Wirksamkeit der Gewalt Seiner Stärke, die in Christus gewirkt hat,
als Er Ihn aus den Toten auferweckte
und Ihn zu Seiner Rechten inmitten der Überhimmlischen setzte,
hocherhaben über jede Fürstlichkeit und Obrigkeit,
Macht und Herrschaft,
auch über jeden Namen, der nicht allein in diesem Äon, sondern auch in dem zukünftigen genannt wird.

Alles ordnet Er Ihm unter, Ihm zu Füssen;
und Ihn gibt Er als Haupt über alles der heruasgerufenen Gemeinde,
die Seine Körperschaft ist, die Vervollständigung dessen,
der das All in allem vervollständigt.»
Eph 1,15-23

 

Vertiefung

  • Worin liegt unser Reichtum heute?
  • Welche Kraft liegt in einer Verheissung?
  • Welchen Ausblick gibt es für diese Welt?
  • Sind wir in Gottes Händen aufgehoben? Worin zeigt sich das?
  • In Eph 1,23 schreibt Paulus, dass wir «die Vervollständigung dessen sind, der das All in allem vervollständigt». Was kann das (ver)heissen?