Die Entrückung wird explizit nur in einer Bibelstelle erwähnt, aber besetzt einen prominenten Platz in den Vorstellungen vieler Gläubigen. «Die Entrückung» wird zu einem Hauptthema hochstilisiert in einer Theologie, die davon lebt, die Zukunft vorherzusagen. Das ist sowohl beruhigend als auch beunruhigend.

Entrückung

Die Entrückung als «zukünftiges Ereignis für die heutige Gemeinde» findet man direkt nur in einer Bibelstelle erwähnt (1Th 4,17). Es gibt zwar mehrere weitere Erwähnungen vom griechischen Begriff (gr. ἁρπάζω, harpazo), jedoch stehen diese Erwähnungen in einem anderen Kontext. In dieser einen Bibelstelle im ersten Brief von Paulus an die Thessalonicher geht es nicht hauptsächlich um die Entrückung. Eine Entrückung wird nur nebenbei erwähnt. Das Thema im Text ist ein ganz anderes. Dazu findet man auf dieser Website bereits einen Beitrag:

Wie spricht Paulus von einer Entrückung?

Es ist also seltsam, dass «die Entrückung» einen so prominenten Platz im evangelikalen Denken errungen hat. Weder Jesus noch die Apostel haben etwa ausführlich einmal über eine «Entrückung» gesprochen. Diese Lehre ist demnach weitgehend eine Interpretation auf Basis von Indizien (das ist mit den meisten Glaubensvorstellungen der Fall). Man kann es positiv erklären und als Ausdruck von einem vorwärts schauenden Glauben verstehen. Man kann es auch negativ erklären und als Ausdruck einer religiösen Projektion erkennen, worin angstgetriebene Glaubensvorstellungen überall Gefahren wittern. Das Letzte geschieht gerade mit Vorstellungen über eine Entrückung. So im Sinne: «Die Entrückung ist zwar positiv, aber es ist auch höchste Zeit, dass wir von dieser bösen Welt wegkommen – wegen Gottes Zorn, der bald kommt».

Gericht, Drangsal und Zorn Gottes

Der Ernst des Glaubens wird manchmal gemessen an dem Grad, worin Gott rachsüchtig über diese vermeintlich «böse Welt» herfällt. Zorn und Gericht werden tatsächlich in der Bibel gefunden. Das soll man nicht herunterspielen. Andererseits werden diese Dinge hier und dort dermassen stark hervorgehoben, dass sie zu populären Themen in vielen Glaubensvorstellungen mutieren. Sie erhalten überproportionale Aufmerksamkeit und Bedeutung.

Wo die Entrückung Einzug gehalten hat, hört man Aussagen wie «Gott ist ein gerechter Gott», «Gottes Zorn ist real», «Ungläubige wird Gott auf ewig peinigen» (oder: vernichten) und dergleichen Dinge mehr. Diese Vorstellungen sind für viele Menschen tragende Säulen ihres Gottesverständnisses. Gott ist zwar Liebe, aber diese Liebe wird einmal für die meisten Menschen ein Ablaufdatum erhalten. Danach gilt unweigerlich die Härte des Gerichts. Der «Zorn Gottes» ist dann so etwas wie der Auftakt zu furchtbaren Gerichten. Solche Ideen gehören zum Standardrepertoire biblischer Vorstellungen vieler Menschen. Wegen des Ernsts der Sache sollte man ruhig einmal nachfragen, ob es eine Grundlage für solche Vorstellungen gibt. Dies vor allem, weil genannte Gerichtsvorstellungen zu vielen Ängsten vor einem unberechenbaren Gott führen. Diese Angst ist dann nicht mehr fiktiv, sondern leider sehr real.

Als direkte Folge solcher Vorstellungen gibt es also nicht wenige Menschen, die vor Ideen wie eine «grosse Drangsal» (Mt 24,9) oder «Gottes Zorn» (Joh 3,36; Röm 1,18; Röm 2,5; Eph 5,6 u. a.) grosse Angst haben. Dabei nimmt man die erwähnten Texte aus den jeweils eigenen Kontexten heraus und bastelt sich ein Bild eines grausamen Gottes, der bereits auf dieser Welt und für die Ewigkeit danach furchtbare Dinge tut. Dann aber kommt die befreiende Botschaft: Es gibt eine Entrückung! Ist das jetzt die Lösung und Erlösung vor diesem kommenden Zorn?

Wann werden wir gerettet?

Viele machen sich Sorgen darum, ob und wann sie gerettet werden. Lehrvorstellungen über einen drohenden Gott verunsichern. Das Gericht wird dann als reale Zukunft betrachtet und man fragt sich nicht selten, ob man selbst davon etwas spüren wird. Dann tauchen Fragen auf wie «Werden wir vor, während oder nach dem Zorn gerettet?». Auf andere Art formuliert: «Ist die Entrückung vor, während oder nach dem Zorn oder der Grossen Drangsal?».

Diese Art von Fragen gedeihen nur in einem theologischen Umfeld, in dem Gottes Gericht breit ausgemessen wird. Das ist vorwiegend ein evangelikales Umfeld, das selbst wieder von dispensationalistischen Sichtweisen geprägt ist. Zwar werden auch in etwa streng calvinistischen Kreisen die Gerichte Gottes breit ausgemessen, aber dort ist weniger die Rede von einer «Entrückung». Die Entrückung als Ereignis entstammte einer dispensationalistischen Betrachtung. Paulus etwa kannte keine Entrückung. Er wollte nicht «hinweggerückt» werden, sondern er wünschte «mit Christus zu sein» (Phil 1,23). Der Fokus ist ein anderer. Paulus sehnte sich nicht nach Spezialeffekten, sondern nach einer Vereinigung mit Christus.

Was ist Dispensationalismus?

Gedankenwirrwarr

Wenn ich vorhin Ideen wie «Grosse Drangsal» und «Zorn Gottes» sowie «Entrückung» genannt habe, dann fehlte darin jede Differenzierung. Das entspricht den meisten Gedanken über diese Themen. Man verknüpft häufig Themen, die in der Schrift selbst in dieser Art nicht verknüpft werden. Man bezieht sich auf sich selbst oder die heutige Gemeinde, was in anderen Kontexten für andere Zielgruppen erwähnt wurde. Da könnte man noch manches klärend erwähnen. In einem ersten Schritt sei festzuhalten, dass man nicht wahllos Bibelstellen miteinander verknüpfen kann, nur weil es «ähnlich tönt wie die Lehre, welche mir gelehrt wurde».

Wann ist die Entrückung?

Man stelle sich vor, es gäbe so etwas wie eine Entrückung und man basiert dies auf 1. Thessalonicher 4,13-18. Wann wäre jetzt diese Entrückung? Ein Text, den man gerne dafür zitiert, steht im gleichen Brief:

«Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn.»
1Th 1,10

Nach dieser Ubersetzung ist es klar, dass er uns «von» dem kommenden Zorn rettet. Das Griechische Wort, das hier mit «von» übersetzt ist, stammt vermutlich aus einem Griechischen Text, der von «apo» (hinweg von) spricht. Der Nestlé-Aland-Text des Griechischen Neuen Testaments spricht jedoch von «ek» (heraus). Da würde man, so erklären es einige, «in den Zorn» hineingelangen, aber dann «ek» diesem Zorn, also aus dem Zorn heraus gerettet werden. Die erste Variante legt nahe, dass man dem Zorn entkommt, während die zweite Variante darauf hinweist, dass der Zorn erfahren wird, man aber «hinausgerettet» wird. Die zweite Variante ist also etwas furchteinflössender.

Geht es auch anders? Ja. Wenn man den Text aufmerksam liest, steht hier nicht nur «aus des Zornes», sondern «aus des Zornes des Kommens» (gr. ἐκ τῆς ὀργῆς τῆς ἐρχομένης). Es geht im Text nicht einfach nur um den Zorn, sondern um das Kommen des Zornes. Sogar die Übersetzung «der kommende Zorn» legt die Betonung auf den Zorn, der kommt. Aber wenn man es so liest, dass es um das Kommen geht, nämlich vom Zorn, dann liegt die Betonung auf dem Kommen. In dieser Art übersetzt das Konkordante Neue Testament:

«Jesus, der uns aus des Zornes Kommen birgt.»
1Th 1,10

Dies erlaubt eine andere Betonung im Text. Jesus birgt uns aus dem Kommen des Zornes. Es ist so, als sieht man den Zorn am Horizont erscheinen, aber dann gibt es die Rettung bereits. Nach dieser Lesart geht es um «ek», aber das bezieht sich auf das Kommen, nicht auf den Zorn. Wann also? Vor dem Zorn, ganz klar. Er birgt uns, wenn wir den Zorn kommen sehen, aber dieser Zorn ist noch nicht ganz da.

Als Parallelstelle wird häufig Römer 5,9 erwähnt. Das ist ein anderer Kontext, worin aber ähnliches ausgesagt wird:

«Wieviel mehr folglich werden wir, nun in Seinem Blut gerechtfertigt, durch Ihn vor dem Zorn gerettet werden!»
Röm 5,9

Hier ist die Rechtfertigung der Grund dafür, dass die Gläubigen keinen Zorn erleben werden. Zorn kommt bekanntlich über Ungerechtigkeit (Röm 1,18). Hier werden Gläubige «vor dem Zorn» gerettet werden. Das ist ein Konzept. Es ist eine logische Folge davon, dass die Gläubigen gerechtfertigt sind und deshalb nicht mehr den Ungerechten zuzuordnen sind. Die Konsequenz ist: sie werden keinen Zorn ausgesetzt werden. Es ist eine logische Folge.

Was heisst nun «vor dem Zorn»? Das ist keine «Vorabrettung», denn es geht bei «vor» nicht um eine zeitliche Zuordnung. Wo mit «vor» übersetzt ist, steht im Griechischen «apo» (hinweg). Wir werden «hinweg von dem Zorn gerettet werden». Mit anderen Worten: Paulus sieht die Gläubigen nicht mehr in der Gefahr einem Zorn Gottes ausgesetzt zu werden.

Selbstverständlich kann dies jetzt reihenweise Fragen aufrufen, ob es etwa gerecht ist, dass Gott die Gläubigen rechtfertigt und Ungerechtigkeit bei anderen mit Zorn begegnet. Das tönt nämlich so, als haben Gläubigen einen Freipass in die Glückseligkeit erhalten. Solche Fragen sind verständlich, übersteigen jedoch den Text und das Anliegen des Apostels an dieser Stelle. Fragen sind wichtig, aber keine Bibelstelle versucht, «alles» zu erklären. Ebensowenig lässt sich in diesem Beitrag auf «alles» Bezug nehmen. Paulus beantwortet viele Fragen und Ideen zu «Gerechtigkeit» im Römerbrief.

Römerbrief

Wie entflieht man einem drohenden Gott?

Diese Frage lässt sich jetzt wie folgt beantworten: In der Zeit des Paulus, und bereits lange vor ihm, ist Gerechtigkeit ein alles beherrschendes Thema. In einer ungerechten Welt gibt es einen gerechten Gott, der einmal mit einem gerechten Gericht das Gleichgewicht wiederherstellt. Es wird eine Zeit geben, in der Gerechtigkeit herrschen wird. Was für eine wunderbare Zukunft. Dieser gerechte Gott wird dem Ungerechten mit Zorn begegnen. Grundsätzlich erkennt Paulus jeden Menschen als ungerecht (Röm 3,10). Keiner würde demnach diesem Zorn Gottes entfliehen können. Dann kommt die Wende: Das Kreuz, woran Gottes Gerechtigkeit erreicht wird.  Gott erklärt jedem gerecht, der aus dem Glauben Christi ist («eine Gerechtigkeit Gottes aber durch den Glauben Jesu Christi», Röm 3,22). Deshalb kann Paulus auch Folgendes schreiben:

«Gott hat uns nicht zum Zorn gesetzt, sondern zur Aneignung der Rettung durch unseren Herrn Jesus Christus, der für uns starb, damit wir, ob wir wachen oder schlummern, zugleich mit Ihm leben. Darum sprecht einander zu, und ein jeder baue den anderen auf, so wie ihr es auch tut.»
1Th 5,9

Der Weg zu einem befreiten Glauben

Dies ist jetzt eine Antwort im evangelikalen Stil. Es werden Angstvorstellungen, durch gewisse Lehren gefördert, mit Argumenten aus der Bibel widerlegt. Dies kann man auch unter dem Begriff «Schrift mit Schrift erklären» festhalten.

Während viele Evangelikale eine Entrückung überbetonen, werden andere Christen nicht an eine Entrückung als Ereignis glauben. Das ist kein «Unglaube», sondern manche erachten die biblische Basis für eine solche Lehre als ungenügend. Es sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Exegese hier oben eine Möglichkeit unter anderen Einschätzungen ist. Mir geht es nicht um die Lehre, sondern um das, was sie bewirkt. Löst Dein Verständnis Angst aus, ist es wichtig, dies zu hinterfragen. Das geht. Meine Erfahrung dabei ist, dass die Bibel nicht so einengend ist, wie so manche Traditionen es sind.

Der Sinn der Auslegung hier oben ist es demnach nicht, «die absolute Wahrheit» festzuhalten, sondern aufzuzeigen, dass man mit der Bibel in der Hand manche Vorstellungen aushebeln kann. Die Bibel kann befreien. Angstgetriebene Glaubensvorstellungen entstammen häufig ganz bestimmten Lehren. Sie lassen sich mit der Bibel meist entkräften. Was man dadurch gewinnt, ist mehr Zuversicht, eine klarere Sicht auf die Bibel und möglich ein angstbefreites und erweitertes Glaubensverständnis.

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