Von der Rechtfertigung zur Versöhnung

Die zwei Evangelien im Römerbrief


16. Januar 2021In BibelbücherBy Karsten Risseeuw8 Minutes

Kapitel 5 im Römerbrief – wir stehen jetzt an der Schwelle – läutet einen Themenwechsel ein. Dieser Kapitel ist bedeutsam, weil Paulus hier etwas Neues introduziert. Von der Rechtfertigung in den letzten Kapiteln kommt er jetzt zur Versöhnung. Von dieser Versöhnung spricht Paulus mit einem neuen, bis hierhin unbekannten Wort. Dadurch kann er mehr erklären und kommt zu weitreichenden Aussagen.

Struktur vom Römerbrief

Damit man den Platz dieses Kapitels im gesamten Brief besser versteht, empfiehlt es sich noch einmal einen Blick auf die Struktur vom Römerbrief zu werfen:

Der Abschnitt Römer 3,20-4,25 beschreibt ausführlich die Rechtfertigung. Diesen Teil haben wir abgeschlossen. Der Abschnitt Römer 5,1-8,30 spricht von der Versöhnung. Beide Abschnitte sprechen von diesen Begriffen in Bezug auf den einzelnen Menschen. Der Kontrast dazu ist, dass die Thematik im Text noch einmal gespiegelt zurückkommt, dann jedoch mit einem nationalen Fokus.

Die zwei Evangelien im Römerbrief

Paulus erwähnt im Römerbrief zwei Evangelien:

  1. Das Evangelium Gottes
    «Paulus, Sklave Christi Jesu, berufener Apostel, abgesondert für das Evangelium Gottes (das Er zuvor durch Seine Propheten in heiligen Schriften verheissen hat)»
    Röm 1,1-2. Siehe auch den Beitrag «Abgesondert für das Evangelium Gottes.»
  2. Mein Evangelium
    «Ihm aber, der euch festigen kann gemäss meinem Evangelium und der Heroldsbotschaft von Christus Jesus, gemäss der Enthüllung eines Geheimnisses, das in äonischen Zeiten verschwiegen war, nun aber offenbar wurde und auch durch prophetische Schriften, gemäss der Anordnung des äonischen Gottes für alle Nationen bekannt gemacht worden ist, um Glaubensgehorsam zu wirken.»
    Röm 16,25-26

Diese beiden Aussagen sollen sorgfältig gelesen werden. Was hier steht, ist unterschiedlich. Am Anfang wird das Evangelium Gottes genannt, das bereits von den alten Propheten verheissen war. Das war bekannt. Es war die frohe Botschaft, dass Gott selbst rechtfertigt, und zwar aus Glauben. Es wird ausführlich in den Kapitel 3 und 4 behandelt. Dies ist das Evangelium, wovon Paulus gesagt hat:

«Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Gotteskraft zur Rettung für jeden Glaubenden, dem Juden zuerst wie auch dem Griechen, denn Gottes Gerechtigkeit wird darin enthüllt aus Glauben für Glauben, so wie es geschrieben steht: Der Gerechte wird aus Glauben leben.»
Röm 1,16-17 (Siehe den Beitrag: «Paulus als Evangelist, aber nicht wie du denkst»)

Das zweite Evangelium wird ganz am Schluss vom Brief genannt. Es war nicht vorher verheissen, wie das Evangelium Gottes. Es war vielmehr ein Geheimnis – bis es Paulus enthüllen durfte.

Was geheim war, wird enthüllt

Paulus enthüllt mehrere Geheimnisse. Sie werden in seinen Briefen explizit erwähnt. Was er dort schreibt, ist neu und war unerhört. Das passiert auch im Römerbrief.

Wenn Paulus von «seinem Evangelium» spricht (siehe auch: Röm 2,16), hat das etwas mit den Dingen zu tun, die er enthüllen durfte. Das macht seine Botschaft anders als beispielsweise von den 12 Aposteln. Wer das nicht berücksichtigt, kann mit Paulus wenig anfangen. Mehr dazu im Beitrag: «Die Sonderbotschaft des Apostels Paulus».

Der Apostel selbst beleuchtet das am Schluss des Römerbriefes von drei Seiten. Es geht um:

  • mein Evangelium
  • die Heroldsbotschaft von Christus Jesus
  • gemäss der Enthüllung eines Geheimnisses

Diese drei Teile sind ein-und-dasselbe. Sein Evangelium = die Heroldsbotschaft von Christus Jesus = die Enthüllung eines Geheimnisses. Die Dinge gehören zusammen und sprechen mit verschiedenen Wörtern vom Gleichen.

Der Auftrag von Paulus

Wenn wir die Briefe von Paulus lesen, sollten wir bedenken, dass seine Verkündigung einen anderen Fokus hat, als von Jesus oder von den 12 Aposteln. Zwar spricht Paulus von Jesus, ebenso wie die 12 Apostel, aber er spricht auch von Dingen, die noch unbekannt waren – als Jesus in den Evangelien Seinen Dienst ausübte, oder was die 12 Apostel nach der Auferstehung während 40 Tagen von ihm gehört hatten. Siehe dazu den Beitrag: «Jesus und Paulus, sagen sie dasselbe aus?».

Hier sollte man bei allen Unterschieden klar sein: Paulus spricht von Jesus Christus. Der Auftrag des Apostels lag jedoch an einem anderen Ort als von den 12 Aposteln. Der Unterschied ist nicht, dass einer der beiden Gruppen etwa Jesus nicht mehr ernst nehmen sollte, sondern der Unterschied lag in dem jeweiligen Auftrag. Paulus hatte einen anderen Auftrag als die 12 Apostel, was sich auf Schritt und Tritt im Neuen Testament nachvollziehen lässt. Die 12 Apostel richteten sich (wie Jesus in Seinem Dienst) auf das Volk Israel. Paulus wird dagegen der «Apostel der Nationen».

Dieser andere Auftrag findet einen Niederschlag in dem Evangelium. Deshalb unterscheiden sich das «Evangelium der Beschnittenheit» und das «Evangelium der Unbeschnittenheit» (Gal 2,7-9). Es geht dort nicht einfach um zwei Gruppen, an die dasselbe erzählt wurde, sondern Paulus hat in «seinem Evangelium» Geheimnisse enthüllt, die vor ihm niemand gehört hat.

Die Grundlage für die Versöhnung

Erkennen wir einmal, dass im Römerbrief die Rede von «Geheimnissen» ist, die enthüllt wurden, dann fragt sich sofort, wo von diesen Geheimnissen die Rede ist? Wo wird etwas erwähnt, das es vorher nicht gab?

Das geschieht nun hier, im fünften Kapitel. Hier wird von «Versöhnung» (gr. katalasso) gesprochen. In Kapitel drei hatte Paulus die alttestamentlichen Worte «Sühne» und «Sühnedeckel» (gr. hilasterion) genutzt. Das war im Kontext angemessen, weil es auf die Situation in der Tenach hinwies. Das entsprach dem Evangelium Gottes. Das Wort «Versöhnung» ist jedoch ein anderer Begriff, der vorher noch nie benutzt wurde. Das entspricht dem enthüllten Geheimnis, wovon Paulus in seinem Evangelium spricht.

Sühne gehört zum Alten Testament, zu den Evangelien und zu den 12 Aposteln. Versöhnung gehört zur Verkündigung des Paulus. Versöhnung entsteht auf Basis der Gerechtigkeit Gottes. Versöhnung baut demnach auf die vorherigen Kapitel auf. Es ersetzt keine Rechtfertigung, sondern führt sie weiter. Die ersten Verse des 5. Kapitels sind so etwas wie einen Abschluss und Übergang zum neuen Thema der Versöhnung.

«Gerechtfertigt nun aus Glauben, dürfen wir mit Gott Frieden haben durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir auch im Glauben den Zugang in diese Gnade erhalten haben, in der wir stehen, sodass wir uns in Erwartung der Herrlichkeit Gottes rühmen mögen.»
Röm 5,1-2