Weshalb ist «Sicherheit im Glauben» wichtig? Das ist einfach zu begreifen: Es gibt viel Unsicherheit. Unsicherheit motiviert zu einer Suche nach Sicherheit. Unsicherheit kann aus unterschiedlichen Gründen entstehen. In diesem Beitrag geht es um eine Anregung zum Gespräch über dieses wichtige Thema.
Es gibt menschliche Gründe für ein Basisgefühl der Unsicherheit. Diese müssen mit Glauben und Bibel nichts zu tun haben. Dann gibt es aber auch lehrmässige Gründe, die dazu führen, dass Menschen in Angst und Schrecken versetzt werden, was zur Unsicherheit führt. Die Suche nach Gott und das Interesse an der Bibel können zuletzt ebenfalls die Suche nach absoluter Zuverlässigkeit markieren. Das ist legitim, birgt aber die Gefahr, dass man sich in eine vermeintliche «Sicherheit» bestimmter Lehren verliert, statt Gott zu vertrauen. Die vermeintliche Sicherheit kaschiert eine tiefe Unsicherheit. Darüber soll man reden, vor allem wenn lehrmässige Überheblichkeit eine Gefolgschaft sucht.
Vor einem allmächtigen Gott kann man sich nicht verstecken. Darüber denke man einmal nach. Es ist ganz egal, ob man glaubt oder nicht glaubt – die Vorstellung der Unterschiedlichkeit von Gott und Mensch lässt sich neutral erfassen. Gott und Mensch sind unterschiedlich und Gott ist ein Referenzpunkt ausserhalb der eigenen Wahrnehmung und Empfindung. Er ist allmächtig, so die Einschätzung, und gleichzeitig ist Er unhörbar und unsichtbar.
Wie wir Gott sehen, ob wir Ihn als solchen erkennen, und welche Gefühle damit einhergehen, läuft zwischen unseren Ohren ab. Dort geht es vielleicht nicht immer um fromme Vorstellungen, sondern um das nackte Überleben. Es geht manchmal um Sicherheit, Geborgenheit und was ein Mensch zum Leben benötigt. Glaube kann das vermitteln, aber manchmal ist es nur Symptombekämpfung. Das sollte man klären. Meist weisen Menschen selbst darauf hin, dass sie grundsätzlich von Unsicherheit geplagt sind, und ihr Glaube sie nicht davon befreit hat. Sowohl die menschliche als auch die theologische Seite davon sind ernst zu nehmen. Manchmal muss man dann bewusst nicht über die Bibel reden, damit keine Wiederholung einer nicht erfolgreichen Lebensstrategie stattfindet. Wie initiiert man einen Reset des Denkens und der verinnerlichten Werte?
Unsicherheit als menschliche Erfahrung
Viele Menschen erleben Unsicherheit. Wer Sicherheit erfährt, denkt darüber nicht gross nach. Wer jedoch unter Unsicherheit leidet, der sucht davon Linderung, nämlich Sicherheit. Man vergleiche das damit, dass ein Gesunder sich seiner Gesundheit nicht ohne weiteres bewusst ist, aber jemand, der krank wird, sofort Linderung sucht.
Unsicherheit ist in unserer Welt eingebacken. Es gibt hier keine vollkommene Erfahrung. Vielleicht ist das auch der Grund, dass bereits früh dem Volk Israel als Folge von Glaubensgehorsam eine Abwesenheit von Krankheit in Aussicht gestellt wird (5Mo 7,15). Das ist sehr attraktiv. Es ist ein Kontrast zur aktuellen Wahrnehmung, dass Krankheit zum Leben gehört. Wer kann uns Menschen aus dieser Not befreien?
Man beachte, dass diese Verheissung nur an Israel gerichtet wurde. Sie sollten den Bund halten, den Gott mit ihnen geschlossen hatte (5Mo 7,12). Zuerst also das Befolgen der Gebote und das Halten des Bundes, dann die Erfüllung der Segnungen. Das ist der Zusammenhang im Kontext. Was in Aussicht gestellt wird, ist jedoch etwas, das im regulären Erleben dieser Welt damals oft nicht erreicht wurde. Kann man das vielleicht auch bei anderen prophetischen Aussagen entdecken?
Eines Tages, so die Propheten, werden Gerechtigkeit und Frieden herrschen. Gegen welchen Hintergrund haben solche Wörter eine Bedeutung? Erlösung für Israel war mit Gerechtigkeit verknüpft (Jes 1,27). Gericht und Gerechtigkeit werden für ein messianisches Reich versprochen (Jes 9,6). «Und ein Thron wird durch Güte aufgerichtet; und auf ihm wird im Zelte Davids Einer sitzen in Wahrheit, der da richtet und nach Recht trachtet und der Gerechtigkeit kundig ist» (Jes 16,5).
Das ist Zuspruch für eine Lebenserfahrung, die ganz andere Dinge gesehen hat. Möchte man sich an diesem Zuspruch nicht gerne festhalten? Man findet diese Art von Zuspruch auch im Neuen Testament:
«Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel sagen: Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott. Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.»
Offb 21,3-4
Wer Sicherheit im Glauben sucht, tut dies aus guten Überlegungen. Er steht jedoch meist nicht auf neutralem Grund, sondern hat eine entgegengesetzte Erfahrung gemacht. Deswegen sucht man Sicherheit im Glauben.
Gute Nachricht
In der Bibel geht es um die aktuelle Erfahrung der Menschen in dieser Welt und Gottes Antwort darauf. Das Letzte nennt man dann eine gute Nachricht oder «Evangelium», weil es eine Linderung der empfundenen Not verspricht. Ist man mit Menschen darüber im Gespräch, möchte man wünschen herauszuhören, ob es einer psychischen oder theologischen Not entspricht. Denn: Nicht jede Not lässt sich fromm überpinseln. Einiges muss man anders angehen. Das geht. Auch das ist eine gute Nachricht, wenn auch anderer Art.
Die Suche nach Sicherheit
Wer als Mensch die Erfahrung von Unvollkommenheit, von Unsicherheit, Schmerz und Tod macht, streckt sich selbstverständlich nach besseren Dingen aus. Was hier im Erleben fehlt, wird gerne für die Zukunft erwartet und erhofft.
Wichtig ist dies: Es ist erst die Unsicherheit, die Menschen nach Sicherheit streben lässt. Es ist erst die erfahrene Ungerechtigkeit, die auf eine Zeit der Gerechtigkeit hofft. So ist die Bibel im aktuellen Erleben dieser Welt eingebettet. So spricht die Bibel gegen diesen Hintergrund menschlicher Erfahrungen und sehnt sich nach einer Erlösung von dieser Erfahrung und einer Erlösung für eine Zeit mit besserer Prägung.
Logisch, nicht wahr? Die biblische Prophetie kann als Antwort auf die Erfahrung der Menschen gesehen werden. Menschen erfahren Ungerechtigkeit und sie hören von einem gerechten Gott, der einst alles zurechtbringt. Man kann es auch als Gottes Antwort auf das Leiden in der Welt betrachten. Diese Antwort Gottes ist nicht heute, sondern in einer Zukunft, die durch die Bibel hindurch immer differenzierter und umfassender dargestellt wird. Eine bedeutende Zwischenstufe scheint das messianische Reich zu sein (Dan 2,44). Eine umfassende Endstufe ist die ultimative Aussöhnung des Alls mit Gott, durch das Blut des Kreuzes (Kol 1,20).
Das wäre so etwas wie ein Ausblick auf Sicherheit. Ich denke, das ist legitim und genau das, was man in der Bibel findet. Schaut man aber dahinter, fragt nach den Ursachen der Unsicherheit eines Menschen, kann man Verschiedenes in die Überlegungen einbeziehen:
- Unsicher als Mensch
Viele Menschen sind unsicher. Sie sind sich ihres Wertes nicht bewusst, hadern mit ihrem Aussehen, ihren Errungenschaften, ihren Vorstellungen und fragen sich vielleicht sogar, ob sie «als Mensch Gott genügen». Diese Unsicherheit ist eine Unsicherheit über sich selbst. Diese hat mit Glaubensvorstellungen nichts zu tun, kann aber dazu führen, dass man, sozusagen als Gegengewicht, eine «Sicherheit im Glauben» sucht. Das führt mich zur Frage: Was für ein Menschenbild benötigt es in Lehren und Gemeinschaften, damit Menschen durch gesündere und von Gnade geprägten Vorstellungen geheilt werden? Findet sich das in der Bibel? - Unsicher durch bestimmte Lehren
Ein Ausdruck wie «Heilsgewissheit» ist typisch für viele freikirchliche Gemeinschaften. Der Ausdruck gedeiht dort, wo Unsicherheit herrscht. Viele sind durch zweifelhafte Lehren (etwa die Höllenlehre, oder manche Prädestinationslehren) zutiefst verunsichert und erleben Gott als unberechenbar und rachsüchtig. Wie soll man sich dann verhalten? Wie kann man «Heilsungewissheit» durch «Heilsgewissheit» ausgleichen? Man beachte hier, dass ein Begriff wie «Heilsgewissheit» kein Thema in der Bibel ist. Eher ist es ein Phänomen, das nach und bei der Vorstellung eines rachsüchtigen Gottes und Hölle-Lehren auftaucht. Viele Menschen sind verunsichert durch Lehren, die in der Bibel nirgendwo erwähnt, aber dort geortet werden.
Fragen
Hier einige Fragen, womit man den eigenen Wünschen nach Sicherheit etwas nachgehen kann. Am besten, man tauscht sich mit anderen über diese Fragen aus.
- Wie empfinde ich mich als Mensch? Eher sicher oder eher unsicher?
- Woher kommt die eigene Sicherheit oder Unsicherheit, denkst Du?
- Soll Glaube Sicherheit vermitteln? Warum?
- Hast Du Sicherheit im Glauben? Warum (nicht)?
- Woran würdest Du Sicherheit im Glauben erkennen?
- Glaubst Du an die Bibel, weil sie Sicherheit vermittelt? Wie passiert das?
- Sollte die Bibel Sicherheit vermitteln, obwohl man noch keine (genügende) Sicherheit hast?
- Entsteht Sicherheit aus vielen Bibelkenntnissen?
- Macht eine Gemeinschaft sicher?
- Stärkt die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft die Beziehung zu Gott?
- Entsteht Sicherheit daraus, dass man eine Lehre als «richtig» erkennt?
- Muss man «richtig» glauben? Was heisst das und bringt es Dir Sicherheit? Wie funktioniert das?
- Bist Du sicherer, weil andere «falsch liegen»?
- Vertraust Du auf eigene Leistung? (Gott liebt mich wegen meines starken Glaubens)
Wenn etwas «sicher» ist, erkennst Du das aus:
- äusseren Merkmalen,
- inneren Merkmalen,
- eigener Leistung,
- Zugehörigkeit zu einer Kirche oder ähnlich,
- oder durch Abhängigkeit von Gott?
Herausforderungen
Wer glaubt, ist rein dadurch nicht sicher. Sicherheit dürfte ebenfalls kein Ziel des Glaubens sein. Wer Sicherheit benötigt, spricht zuerst von sich selbst. Das ist legitim. Dann gibt es noch eine recht extreme und spezielle Konstellation. Das sind Menschen wie ich selbst, die ausserordentlich viel Zeit und Mühe in ein besseres Verständnis der Bibel gesteckt haben. Sie haben sich tief in Lehre und Grundlage eingegraben und tun dies aus einem tiefen inneren Bedürfnis. Ist es aber alles Gold, was glänzt?
Eine solche Tiefe bei Glaubensfragen hört sich toll an. In gewisser Weise ist es das auch. Hier sollte man jedoch hellhörig werden: Alles von der Bibel wissen zu wollen, alles erklären zu wollen, alles verstehen zu wollen, kann lediglich Ausdruck von Unsicherheit sein. Es kann den Versuch markieren, es auf eigene Kraft lösen zu wollen, aber unter einem frommen Deckmantel des Bibelwissens. Das wäre eine Falle. Wer authentisch glaubt, kann sich selbst solchen Fragen stellen und mehr über eigene Annahmen und Bedürfnisse herausfinden. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass «viel Bibel» nicht unbedingt «besser» ist oder mehr Sicherheit entspricht. Die Bibel zu kennen, ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum Zweck. Die Schrift ist nützlich, wie es Paulus beschreibt (2Tim 3,16-17). Wie kann man den Zweck der Schrift in diesen Versen erkennen?
Diskutiere die Überlegungen und lerne voneinander, welche die Herausforderungen bei den eigenen Glaubensvorstellungen sind und warum für einige Menschen Sicherheit sehr bedeutsam ist. Wie kann man der Unsicherheit besser begegnen?

