Glaubensstress ist für viele Evangelikale etwas Normales. Stress entsteht durch Erwartungen, die Du vielleicht knapp erreichst oder knapp verpasst. Stress gehört zu unserem Leben und hilft uns, wichtige Dinge zu erkennen und danach zu handeln. Zu viel Stress jedoch ist ungesund. Religiöser Stress ist schon gar nicht erstrebenswert. Trotzdem leiden viele Menschen unter Stress und viele Christen leiden unter Glaubensstress. Sie werden den Anforderungen der Gemeinschaft nicht oder nur knapp gerecht. In diesem Beitrag plädiere ich dafür, mutig Fehler zu machen.

Viele Evangelikale leben mit einem Dauerstress. Ich denke, dass das ein Stress aus der Gemeinschaft ist. So habe ich das erlebt. Wer mit seinem Glauben Ernst macht, wird versuchen, die Erwartungen der Gemeinschaft zu erfüllen. Das habe ich bei mir erlebt und bei vielen anderen gesehen und gehört. Nicht immer ist es klar, dass es Erwartungen der Gemeinschaft sind. Oft wird das heruntergespielt, respektive überspielt mit der Idee, dass diese Erwartungen direkt von Gott sind. Damit ist die Gemeinschaft von der Schuld entlastet und die Last wird durch vermeintlich göttliche Autorität bei Gott gelegt.

Gott erwartet etwa, dass man zur Kirche geht, in den Hauskreis geht, dass man täglich Bibel liest, regelmässig betet und diese Dinge mehr. Vielleicht tut man ausserdem gut daran, möglichst viel für die Gemeinschaft zu tun, gratis natürlich, was als «Arbeit für das Reich Gottes» getarnt ist. Selbstverständlich kann jemand das für sich selbst so entscheiden und sehen (vgl. Röm 14,22), aber hängen diese Dinge als «Erwartung» in der Luft, dann ist das durchwegs ungesund.

Man kann zwei Gruppen erkennen, nämlich solche Menschen, die sich von religiösen Forderungen überfordert fühlen, sich aber versuchen einzugliedern (hier entsteht Stress). Dagegen gibt es auch Menschen, die sich von solchen Ideen nicht verunsichern lassen und fest in ihrem Glauben und in einem gesunden Selbstwert gewurzelt sind. Das Problem ist demnach dies: Unsichere Menschen sind am meisten von religiösen Erwartungen gefährdet, also gerade die, die gegen solche Einflüsse geschützt werden müssen. Sie stehen am meisten in Gefahr, in einen Glaubensstress zu geraten. Gesunde Menschen grenzen sich rechtzeitig ab und entziehen sich solchen Manipulationen.

Glaubensstress

Wer Stress im Glauben erfährt, sollte sich dessen bewusst machen und dem nachgehen. Glaubensstress ist keine Banalität. Erwartungen, die zu Stress führen, sind Ausdruck der gelebten Kultur in einer Gemeinschaft und nicht selten geprägt von einer verinnerlichten Theologie. Gerade eine Hölle-Lehre führt bei vielen Gläubigen zu enormem Stress. Ungläubige sind bekanntlich von solchen Dingen nicht verängstigt – sie glauben nicht daran. Gläubige jedoch können höchst verstört reagieren. Glaubensstress ist Stress bei Gläubigen. Das ist die Tragik. Sollten Gläubige nicht in die Freiheit von Christus hinausgeführt werden? (Gal 5,1) Wie kommt es dann, dass nicht wenige Gläubige verängstigt durchs Leben gehen?

Ein Punkt in den Gründen, die vielleicht zum Glaubensstress führen, betrifft die Annahme, dass alles von einem selbst abhängig ist. «Du musst glauben», «wenn Du nur glaubst», «Gott will …». Das sind häufig radikale Annahmen. Es wird alles von Dir abhängig sein, ob Gott mit Dir zu einem positiven Ziel kommt. Gnade wird auf ein Motivationsschub reduziert, denn Gnade vermag nur etwas, wenn Du auch willst. Wenn Du nicht willst, Dich nicht ändern willst, nicht glauben willst, dann gilt die Gnade Dir nicht, sondern es bleibt das Bild eines rachsüchtigen Gottes, der zwar möchte, dass Du gerettet wirst, aber dazu selbst nicht imstande ist. Alles hängt vom Glaubenden ab. Solche Ideen sind weitverbreitet.

In vielen Gemeinden gibt es keine Fehlerkultur, in der man lernen kann, sondern es wird Perfektion verlangt. Das alles wird von persönlicher Unsicherheit begünstigt.

Fehler machen

Ich habe in meinem Leben viele Fehler gemacht. Das war meist nicht bewusst, aber im Nachhinein erkannte ich das so. Zu dem Zeitpunkt der Erkenntnis kann ich diese Dinge nicht mehr ändern. Sie liegen bereits in der Vergangenheit. Ausserdem war ich mir damals nicht bewusst, dass ich einen Fehler machte. Ich kann sagen, dass ich zu jedem Zeitpunkt in meinem Leben versucht habe, das Richtige zu tun. Ich war mir jedoch bewusst, dass ich zu keiner Zeit die Konsequenzen übersehen konnte.

Hier ist der Haken: Wenn die Unsicherheit über mögliche Konsequenzen schwer auf mich drückt, kann ich vielleicht keine Entscheidung treffen. Das lähmt und verhindert dadurch auch positive Schritte. Wer keine Fehler machen darf, kann das als gewaltige Bremse auf die eigene Lebensentwicklung empfinden. Eine Annahme also, dass man keine Fehler machen darf, verhindert eine positive Lebensausrichtung und führt nicht selten zu Glaubensstress.

Geht es auch anders?

Mutig glauben

Ich habe persönlich keine Mühe, Entscheidungen zu treffen. Das ist ein Vorteil. Von den Theologien um mich herum wurde ich jedoch stark verunsichert. Ich musste lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Für mich hiess das, dass ich prüfen musste, was an bestimmten Ideen dran ist. Und dann habe ich Antworten gefunden und musste entscheiden, was ich glaube, was ich tue, wonach ich mein Leben ausrichten wollte.

Wie gelingen Entscheidungen? Nun, das weiss man nicht im Voraus. Wird Fehlerfreiheit verlangt, etwa durch die verinnerlichte Theologie oder in der Gemeinschaft, worin man steht, dann benötigt es unglaublich viel Mut, Neues zuzulassen. Weshalb? Weil es vermutlich keine Fehlerfreiheit geben kann. Wie kann man Freiheit von dem Druck der Fehlerfreiheit erreichen?

Ermutigt wurde ich von dem, was ich im Psalm 23 las:

«Er erquickt meine Seele, er leitet mich in Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen.»
Psalm 23,3

Durch diesen Psalmvers verstand ich, dass mein Verständnis nicht entscheidend war, sondern dass ich mich auf meinen Gott verlassen konnte, «der mich in Pfaden der Gerechtigkeit leitet, um seines Namens willen». Ich konnte mich also auf Den verlassen, der mich auf Pfaden der Gerechtigkeit führen wird, auch wenn ich es verbocken würde. Das war kein Freibrief für ein liederliches Leben (wie es manche gerne auslegen würden), sondern bloss die positive Zusicherung, dass Gott grösser als meine möglichen Fehlentscheidungen ist.

Das war für mich die Entspannung. Ich konnte mich für meinen nächsten Entscheid auf Gott verlassen, der alles gerade machen wird «um seines Namens willen». Ich setze mutig den nächsten Schritt, nach bestem Wissen und Gewissen, offen für Änderungen und bereit, hinzuzulernen. So lernte ich im Gehen, meinem Gott zu vertrauen. Das steht voran. Sogar dann, wenn ich falsche Entscheidungen treffen würde, mute ich es Ihm zu, daraus etwas Gutes zu machen. Die Zuversicht habe ich fest verankert. Sollte ich einen Fehler machen, wird Er das ausgleichen. Nicht, weil ich so gut bin, so gläubig bin, es so gut meinte, sondern schlicht, weil Er es sich selbst verpflichtet ist. «Um seines Namens willen» ist so, wie es bei einem gesunden Gottesverständnis sein sollte. So verstehe ich es auch, dass Gott einst «alles in allen» (1Kor 15,28) sein wird. Das ist Sein Ziel, Sein Entscheid und deshalb von mir nicht abhängig.

Deshalb kann ich mutig Fehler machen, weil ich eine umfassende Zuversicht auf einen guten Ausgang habe. Es wird gut oder es wird gut. Diese zwei Möglichkeiten haben wir. Die eine vielversprechende Möglichkeit ist, dass ich einen gesunden Entscheid wage und dies sich bestätigt. Die andere vielversprechende Möglichkeit ist, dass ich es verbocke, aber mein Gott führt mich wieder auf «Pfaden der Gerechtigkeit». Das traue ich Ihm zu. Und Du?

0
0

Text und Bild: Alle Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Möchten Sie Texte verwenden, nehmen Sie bitte vorrangig mit mir Kontakt auf. Zitate mit Vermerk des Urhebers sind, wie überall, erlaubt, wobei Zitate nicht ganze Texte sein dürfen. Bitte bei Zitaten auf den ursprünglichen Beitrag verlinken. Bilder werden speziell für diese Website lizenziert.

Die Basissprache dieser Website ist Deutsch. Zur Beachtung: Übersetzungen nach Englisch und Niederländisch werden automatisiert und werden hier und dort etwas holprig formuliert sein.

Zentrum für Datenschutzpräferenzen

Geschützt durch Security by CleanTalk