Im letzten Newsletter habe ich die Frage gestellt, was den Lesern als Christen am meisten fehlte. Es kamen einige Antworte, die ich hier unten zusammenfasse. Dies ist keineswegs eine repräsentative Umfrage für alle Christen. Als Einblick jedoch kann es einige Themen hervorheben, auf die man in weiteren Überlegungen Bezug nehmen kann.

Vorab vielleicht noch dies: Es sind Reaktionen von Lesern des Newsletters. Da gibt es viele, die ausserhalb von Kirchen oder Freikirchen unterwegs sind. Logisch, dass man sich nach Austausch sehnt. Das ist eine der Rückmeldungen. Viele stehen auch in eher freikirchlichen Gemeinschaften, die immer wieder durch Intoleranz gegenüber neuen oder anderen Ideen glänzen. Logisch, dass einige Rückmeldungen die Offenheit gegenüber aktuellen Lebensfragen herbeisehnen. Damit sei gesagt, dass Antworten von den persönlichen Erfahrungen geprägt und oft einen bestimmten Hintergrund haben.

Christliche Gemeinschaft im Umbruch

Kirchen und Freikirchen haben nach meiner Einschätzung ihre beste Zeit hinter sich. Das äussert sich darin, dass viele Menschen den traditionellen Kirchen den Rücken zukehren und aus Freikirchen vermehrt fernbleiben. Selbstverständlich ist das nicht in jeder Gemeinschaft so, aber der Trend ist unverkennbar. Andererseits habe ich regelmässig Rückmeldungen von Menschen, die jetzt ausserhalb von Kirchen und Freikirchen stehen, aber ihr Gottvertrauen nicht aufgegeben haben. Sie stehen häufig mit ihren Fragen und Wünschen allein. Wer sich aus Glaubensgemeinschaften verabschiedet, wird dadurch nicht automatisch ungläubig. Man verabschiedet sich vielleicht aus traditionellen Strukturen, aber hat nach wie vor den Wunsch nach Austausch, Gemeinschaft und Zuspruch.

Aber wie?

Zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt der Umbruch, die Neuorientierung. Das kennzeichnet auch unsere Zeit. Christen im Westen stehen in Gesellschaften, die zuerst post-christlich wurden und heute vielleicht sogar als post-säkular zu bezeichnen sind. Das ist eine radikal andere Welt als noch vor 100 Jahren. Lebens- und Glaubensentwürfe der Vergangenheit, sichtbar und spürbar in Institutionen, Strukturen und Subkulturen, scheinen heute nicht überall mehr verstanden zu werden. Eine Neuorientierung tut Not.

Man fühlt sich vielleicht zwischen Wall und Schiff, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Kirche 1.0 und Kirche 2.0 etwas verloren. Man ist im «Dazwischen-Land» und deutlicher als je zuvor «unterwegs». Wer sich dessen bewusst ist, wünscht vielleicht keine neue alte Gemeinschaft, sondern eher so etwas wie eine Reise-Gesellschaft, worin man einander auf der Reise begleitet.

Reisegesellschaft

Nachfolgend einige Themen, die wiederholt genannt wurden. Leicht kann erkannt werden, dass Menschen an verschiedenen Orten stehen. Die eine Position ist nicht besser als die andere, wenn man sich als Reisegesellschaft betrachtet. Der eine sitzt links und schaut aus dem Fenster, der andere sitzt rechts, vorn oder hinten und sieht etwas anderes. Jemand fährt schon lange mit und ein anderer ist gerade zugestiegen. Es gibt Unterschiede, aber nicht zur Beurteilung (Röm 14,1).

Bei mir selbst habe ich gemerkt, dass meine Reise an verschiedenen Stationen entlangging. An verschiedenen Punkten habe ich Unterschiedliches gelernt. Ich denke auch, dass ich immer noch am Lernen bin. Ich weiss nicht alles, aber es fällt mir leichter, eine Richtung vor Augen zu halten als vor 20 Jahren. Das werte ich positiv. Vielleicht ist das etwas, was ich mit anderen teilen kann, weil es das Leben, den Glauben, die Beziehung fördert?

Hier einige Themen, die wiederholt in den Antworten auftauchten:

Fundamentalismus

Eine echte Herausforderung für viele Menschen ist der Fundamentalismus. Dieses wird heute von Dingen geprägt wie:

  • Schwarzweiss-Denken
  • Konfliktliebe
  • Gemeinschaftlicher Druck gegen Veränderung
  • Drohbotschaft statt Frohbotschaft
  • Rigidität ersetzt Identität
  • Gleichschaltung im Denken
  • Vergöttlichung der Bibel
  • Wissenschaftsfeindlichkeit.

Fundamentalismus wird abgelehnt, weil er nicht lebensfähig ist. Die Zustimmung zu ausgewählten christlichen Ideologien wird im Fundamentalismus als unverrückbare Grundlage eines «richtigen Glaubens» gesehen. Diese ideologische Prägung erfährt zunehmend Ablehnung.

Wo gibt es einen gesunden biblischen Bezug?

Wer Fundamentalismus nicht mehr als Lösung sieht, möchte sich vielleicht doch mit der Bibel auseinandersetzen. Wo gelingt das? Wo findet man einen gesunden biblischen Bezug, der nicht von evangelikalem Fundamentalismus durchzogen ist? Man muss sich wohl zuerst bewusst werden, dass es solchen gibt.  Wo hört man davon und wie lernt man dabei? Diese und ähnliche Fragen bewegen Menschen, die sich aus einengenden Subkulturen und Annahmen befreit haben, aber noch keine Alternative für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Bibel und Glauben gefunden haben.

Gibt es denn keine Alternativen zum Biblizismus? Doch, es gibt sie. Sowohl im Rahmen traditioneller Kirchen als auch aus evangelikaler Ecke entstanden wegweisende Projekte, worin die kritische Auseinandersetzung mit der Bibel als positive Entwicklung gesehen wird. Es geht um Websites, Podcasts und vieles mehr. Solches versuche ich auch auf der Kernbeisser Website. Wie kann man «Glaube» neu denken? Was kann sich bewähren, was kann getrost abgelegt werden?

Bei den Rückmeldungen gab es zu diesen Fragen unterschiedliche Bedürfnisse:

  • Einige wollen zuerst und vor allem eine bessere Lehre pflegen
    • Viele Merkmale eines Fundamentalismus bleiben beibehalten
    • Man wünscht sich jedoch eine freiere Gemeinschaft
    • Man wünscht sich auch eine bessere Lehre
  • Andere wünschen sich eine grundlegende Neuorientierung im Christsein
    • Fundamentalismus wird radikal abgewiesen
    • Bisherige Glaubenskonzepte werden abgewiesen (Dekonstruktion)
    • Man versucht mit einer neuen Auseinandersetzung, den Glauben neu zu verstehen (Rekonstruktion)

Für die erste Gruppe gilt, dass man vorwiegend ein bestimmtes Lehrverständnis hinter sich lassen möchte. Für die zweite Gruppe gilt, dass man darüber hinaus auch eine bestimmte christliche Subkultur nicht mehr als lebenswert erkennt. Wer eine Rekonstruktion versucht, kann sich wieder neu mit der Bibel auseinandersetzen. Das erweist sich oft als überaus trickreich, weil man die Bibel oft jahrzehntelange nur durch eine bestimmte fundamentalistische Brille hindurch betrachtet hat. Es ist schwierig, die Bibel «unvoreingenommen» zu lesen.

Einfache Lehre

Einfachheit ist ein wichtiges Kriterium. Einige wünschen sich eine «einfache Lehre». Man will dazu lernen, aber es soll nicht zu komplex erscheinen. Unterschiedliche Menschen haben jedoch unterschiedliche Bedürfnisse. Dem gilt es, Rechenschaft zu geben. Es ist eine ausgezeichnete Rückmeldung, weil sie von Menschen kommt, die wissen, was sie benötigen. Tatsächlich habe ich Menschen gesehen, die wortlos am Bibelstudium teilgenommen haben, vom Inhalt des Studiums jedoch masslos überfordert waren. Das ergibt keinen Sinn.

Das Umgekehrte trifft auch zu. Ich war immer wieder in Gemeinschaften, die es nicht einfach genug machen konnten. Dabei blieb meine intellektuelle Integrität auf der Strecke. Ich wünsche mir für mich persönlich gerade mehr Inhalt, einen deutlicheren biblischen Bezug und ein paar Kerne, auf die ich beissen konnte.

Hier ein paar Gedanken zu unterschiedlichen Anforderungen:

  • Bekanntes erscheint als einfach, auch wenn es widersprüchlich ist
  • Unbekanntes erscheint als schwierig, weil man das noch nie gehört hat
  • Wenn ein unbekannter, aber gesunder Gedanke 10 Jahre lang gepredigt wird, soll der dann nicht bekannt werden?
  • Vieles hängt mit der Flexibilität der Menschen zusammen, mit Lernwille und Gewohnheiten
  • In einer Gemeinschaft benötigt es eine Vision und Zeit, um Vielseitigkeit zu etablieren
  • Einfach ist wichtig, aber nicht in jedem Fall und nicht für jeden. Differenzierung will stattgegeben werden.

Einfache Lehre ist keine Reduktion auf ein Mindestmass. Es ist manchmal nur der Wunsch, verdauliche Kost zu erhalten. Es geht nicht sosehr um die Thematik, sondern um die Didaktik. Ich erkenne das, weil es auch Gemeinschaften gibt, die fast extrem auf Bibelwissen pochen und dadurch vielen Menschen nicht gerecht werden. Eine Gesundung beinhaltet dann womöglich die Frage «Bitte weniger und verständlicher». Nicht jeder ist ein Bibellehrer und will mit Bibeltexten zugeschüttet werden. Trotzdem wollen viele Menschen gerne hinzulernen.

Gemeinschaft

Menschen sind Beziehungskisten. Wir benötigen Gemeinschaft. Martin Buber schrieb einmal, dass wir «am Du zum Ich» werden. Die Begegnung und Beziehung sind für Menschen wesentlich, auch wenn es grosse Unterschiede in der gewünschten Intensität gibt. Wer den Mut hat, seine Annahmen und die der Gemeinschaft zu hinterfragen, steht nicht selten auf einsamem Posten. Der Wunsch nach Begegnung und Austausch wächst.

Neulich habe ich auch auf dem YouTube-Kanal eine kleine Umfrage gemacht, woraus klar hervorging, dass sich viele hauptsächlich eine Community wünschen. Nun gibt es zwei Dinge zu unterscheiden und eine Gemeinsamkeit zu betonen. Reaktionen auf die Anfrage via dem Newsletter erwähnten den Wunsch an eine Gemeinschaft, wo man sich persönlich trifft. Die Mini-Umfrage auf YouTube richtete sich eher auf eine Online-Community. Beide Varianten (offline und online) sind Wünschen nach Begegnung. Man wünscht sich Austausch, manchmal auch direkt Gleichgesinnte, womit man bestimmte Themen weiter vertiefen könnte.

Manche wünschen sich eine mehr offene Gemeinschaft in der Gemeinde, wo man schon immer war. Sie regen vielleicht von innen her eine Auseinandersetzung an. Andere sind aus Gemeinschaften oder Kirchen ausgestiegen und würden sich gerne neu verbinden. Hat man sich einmal von Gemeinden oder Kirchen gelöst, kann das bisherige Gemeinschaftsverständnis ebenfalls neu überlegt werden. Für einige bedeutet das, dass sie gerne einen intensiven Austausch hätten, aber dies nicht jede Woche stattfinden müsste. Eine niedrigere Frequenz würde einigen besser passen.

Echter Glaube

Einige möchten besser erkennen, wie «echter» Glaube gelebt wird. Was fehlt, ist manchmal Authentizität, ein andermal ein bestimmter Ausdruck von Glaube, wie «Dankbarkeit». Der «Ernst des Glaubens» kann auch ein Thema sein, das einer Art Abgrenzung gleichkommt. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Glaubensfragen auf einen einfachen Nenner zu bringen, ist jedoch nicht einfach. Ich würde hinzufügen, dass in der Definition und Abgrenzung von richtig und falsch auch problematische Ansätze sichtbar werden können. Legt man den Wunsch nach Klärung jedoch nicht legalistisch (gesetzlich) aus, erkennt man den Wunsch nach lebendigem Glauben, der in der Gemeinschaft und dem persönlichen Leben sichtbar wird.

Gelebte Diakonie

Ein interessanter Gedanke wurde in etwa wie folgt formuliert: Die Gemeinschaft könnte sich praktisch einbringen, konkrete Lebensnöte und Bedürfnisse lindern. Das könnte man etwa durch eine Umzugshilfe, Seniorenhilfe oder anderweitig erzielen. Ich nenne das mal «gelebte Diakonie». Tatsächlich kannte ich eine Gemeinschaft, die ein Umzugsteam bereitstellt. Wenn jemand von der Gemeinde umzog, erschien am Morgen des Umzugs ein Lastwagen mit einem Team aus der Gemeinde vor der Tür. Auch Seniorenhilfe gibt es mancherorts.

Weshalb sind diese Vorschläge sinnvoll? Sie werden heute meist von professionellen Instanzen ausgeführt und dem Staat übertragen. Die Diakonie ist jedoch wesentlich für christliche Gemeinschaften des ersten Jahrhunderts. Sie war nötig, weil es keine oder kaum andere Hilfe gab. Witwen und Waisen wurden geholfen. Es gab sogar Regeln dafür (1Tim 5).

Die Diakonie, welche gelebt wird, ist ein praktischer Dienst und gelebte Liebe ohne Gegenleistung. Auch wenn unsere Welt ganz anders tickt als vor 2000 Jahren, wäre es eine Bereicherung, sich den Glaube nicht nur im stillen Kämmerlein vorzustellen.

Was fehlt dir als Christen am meisten?

Bei den Antworten sieht man verschiedene Schwerpunkte. Es haben nicht alle dasselbe gesagt. Fasst man die Eindrücke zusammen, entsteht trotzdem ein recht einheitliches Bild:

Man wünscht sich mehr Authentizität, dagegen weniger rigide Lebens- und Glaubensentwürfe. Man wünscht sich eine ernsthafte, aber auch vielseitige Auseinandersetzung mit der Bibel und mit Glaubensfragen. Es scheint jedoch gerade nicht einfach zu sein, für diese Wünsche gute Bezugspunkte zu finden. Gäbe es Möglichkeiten, mit diesen Fragen, Wünschen und Anliegen eine neue Gemeinschaft zu finden, würden einige sofort dazustossen.

Man könnte auch sagen, dass nichts Menschliches den Glaubenden fremd ist. Es geht nicht um aussergewöhnliche Lehren, besondere Erkenntnisse und dergleichen. Es geht vielmehr um menschliche Bedürfnisse nach Offenheit, Lebendigkeit, Begegnung und Austausch. Darin eingebettet die Fragen nach Gott und der Welt.

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