Christliche Kirchen, einst Rückgrat der Gesellschaft, sind in vielen westlichen Ländern auf eine Randerscheinung geschrumpft. Man kann als Kirche von sich selbst denken, eine Volkskirche zu sein, aber das verweist eher nach der Vergangenheit. An den meisten Orten ist Kirche heute nicht mehr Zentrum der Gesellschaft. Menschen verlassen die Kirchen und Freikirchen und haben damit entweder die bekannten Glaubensgemeinschaften verlassen und Glauben beiseitegelegt oder stehen mit ihren Glaubensvorstellungen ausserhalb religiöser Institutionen. Ist Glaube heute noch relevant? Für wen und wieso (nicht)?
Im ersten Beitrag verwies ich darauf, dass Menschen glauben können. Diese Fähigkeit kennzeichnet weder eine Institutionszugehörigkeit, noch hat es etwas mit dogmatischen Vorstellungen zu tun. Ich habe es als menschliche Fähigkeit beschrieben, die in unserem Leben eine wichtige Rolle spielt. Erst wenn Menschen glauben können, kann man über den Inhalt dieses Glaubens beginnen. Wer glaubt, der vertraut. In den Ursprachen der Bibel sind glauben und vertrauen dasselbe. Es gibt nicht, wie im Deutschen, unterschiedliche Wörter dafür.
Was oder wem ich vertraue, ist dann der nächste Schritt. Wir vertrauen in kleinen oder grossen Schritten. Hast Du einen Partner oder eine Partnerin? Dann ist Vertrauen eine erprobte Realität. Bist Du angestellt? Dann vertraust Du vermutlich darauf, dass Du demnächst wieder arbeiten darfst. Es wäre müssig, dieses Vertrauen infrage zu stellen. Das würde das Leben ungemein komplizierter machen. Glaube vereinfacht die Wahrnehmung, indem Vertrauen die Grundlage für alltägliche Annahmen wird. Genauso ist es mit Glaubensvorstellungen, die jeder macht.
Dieser Ansatz ist allgemein anwendbar. Hat man jedoch die Glaubensvorstellungen auf einen bestimmten Inhalt reduziert, erscheint diese breit aufgestellte Annahme vielleicht abwegig. Meint man etwa, dass vermeintlich richtiger Glaube nur so und so auszusehen hat, kommt es zwangsläufig zu Entgleisungen. Nimmt man etwa an, was nirgendwo in der Bibel steht, dass man an Jesus glauben muss, damit man nicht in der Hölle landet, dann ist das eine fast fahrlässige Begriffsverengung. Nicht nur ist die Aussage im Vergleich mit der Bibel falsch, sondern alltägliche Anwendungen und die Bedeutung des Begriffs «glauben» wurde fehlinterpretiert. Damit ist niemand gedient. Ich hinterfrage damit nicht die Bibel, sondern komme zu diesen Annahmen, weil ich die Bibel versuche ernstzunehmen.
Funktion und Inhalt
Die Verengung des Begriffs «glauben» (ein Verb) liegt meist darin, dass Menschen die Fähigkeit zu glauben mit dem Inhalt oder einer bekannten Subkultur verwechseln. Gerne streitet man über den Inhalt des Glaubens. Das ist perfekt, wenn man die eigene Selbstgerechtigkeit hervorheben möchte. Man verschanzt sich in Grabenkriegen und begrenzt sich auf Argumentationen, mit denen man seine eigene Überlegenheit beweist, während das Gegenüber natürlich keine Idee der Wirklichkeit hat. Es sind unfruchtbare Streitgespräche, weil der Fokus auf den Inhalt lediglich der Abgrenzung dient.
Der Ansatz, dass alle Menschen glauben können, befreit zuerst den Inhalt. Das heisst nicht, dass es keine Wahrheit gäbe. Man gibt dem Verständnis lediglich einen Kontext. Selbstverständlich bildet sich ein Glaubensinhalt, aber der ist von der Fähigkeit unterschiedlich. Was man glaubt, wird erlernt und kann auch umgelernt werden. Manchmal ist das nötig, etwa, wenn man sich von sektiererischen Ideen verabschiedet.
Jedes Verständnis, das wir haben, ist per definitionem menschlich und dadurch begrenzt. Es kann nicht absolut sein. Das verneint noch bezweifelt eine absolute Wahrheit, sondern versteht das eigene Verständnis als begrenzt. Eine solche Haltung befreit von Selbstgerechtigkeit und öffnet den Horizont für ein Gespräch, worin Menschen ihre Fähigkeit zu glauben gemeinsam entdecken können. Dann kann und soll es selbstredend persönlich werden.
Paulus beschreibt den Inhalt und die Fähigkeit zu glauben wie folgt:
«Wenn Du mit Deinem Munde Jesum als Herrn bekennen und in Deinem Herzen glauben wirst, daß Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, wirst Du errettet werden. Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, und mit dem Munde wird zum Heil bekannt. Denn die Schrift sagt: „Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden“.»
Röm 10,9-11
Diskutiere:
- Sollte man das jetzt als christlich bezeichnen?
- Was sollte man inhaltlich bekennen?
- Was heisst «glauben» in diesen Versen? Was «bekennen»? Was wird hier erklärt, was nicht?
- Es wird von Rettung gesprochen. Wovon? Wofür? Beschreibe mit den Worten dieses Abschnitts. Gelingt das?
- Was ist die Funktion von Herz und Mund? Geht es um Vorbedingungen oder um etwas anderes?
- Das Zitat stammt vermutlich aus Jesaja 28,16. Wurde dort gemeint, was Evangelikale heute denken?
Bleibende Dinge
Im 13. Kapitel vom ersten Korintherbrief, dem berühmten Kapitel über die Liebe, schreibt Paulus:
«Von nun aber bleiben Glaube, Erwartung, Liebe, diese drei. Doch die Grösste von diesen ist die Liebe; jagt daher der Liebe nach!»
1Kor 13,13
Die Betonung möchte ich hier auf das Wort «bleiben» legen. Glaube bleibt, ebenso wie Erwartung und Liebe. Wer also meint, dass Glaube heute nicht mehr relevant ist, begegnet hier einen anderen Einblick.
Paulus geht es hier nicht um die Relevanz von Glauben, sondern erwähnt, dass Glaube bleibt. Er verteidigt keinen Glauben, sondern erwähnt in diesen Kapiteln, dass einige Dinge vorübergehen, andere Dinge jedoch bleiben. Bleiben oder Nicht-Bleiben, das ist hier die Frage.
Der Kontext für den Brief an die Korinther ist deren Situation. Es war eine chaotische Gemeinde, die durch Sektierertum, Inzest und eine falsche Betonung von Geistesgaben negativ auffiel. Paulus versucht in dieser Situation, Ordnung zu schaffen. Einige Dinge sind dadurch bedeutsamer als andere Dinge.
Die Liebe wird etwa niemals hinfällig. Prophetenworte dagegen werden abgetan, Zungenreden werden aufhören und Erkenntnisworte werden abgetan (1Kor 13,8). Deshalb ist die Liebe bleibend. Doch weshalb werden Glaube und Erwartung als bleibend markiert?
Erneut geht es hier um den Kontext. Im Kontext der Gemeinde und Korinth sollte klargestellt werden, dass die geistlichen Gaben abgetan werden. Anderes dagegen bleibt. Das ist der Kontrast, der Paulus hier deutlich macht. Glaube, Erwartung und Liebe stehen in Kontrast zu den Spezialeffekten. Zwar haben die Spezialeffekten in jener Zeit eine Aufgabe, aber die ist vorübergehend. Bleibend sind ganz andere Dinge.
Wenn Paulus schreibt: «Von nun an bleiben …», dann spricht er über seine Zeit. Von dem Moment, dass er das schreibt, bleiben Glaube, Erwartung und Liebe wichtiger als die spektakulären Geistesgaben. Er korrigiert den Fokus hinweg von Geistesgaben auf die drei Dinge (Glaube, Erwartung und Liebe). Das markiert die heutige Zeit.
Dieser Fokus ist jedoch auch zeitlich begrenzt.
Was verschwinden wird
Nicht nur die Geistesgaben sind nicht endgültig relevant, sondern auch weitere Dinge werden verschwinden.
- Geistesgaben verschwinden (1Kor 13,8).
- Die Unmündigkeit (die mit Geistesgaben verknüpft wird) wird abgetan (1Kor 13,10-11).
- Glaube wird einst durch Schauen ersetzt (2Kor 5,7; 1Kor 13,12).
- Erwartung wird erfüllt werden (Röm 8,20-25).
Hinter diesen Aussagen steht die Erwartung einer endgültigen Erfüllung alles Seins, wie Paulus darauf im gleichen 1. Korintherbrief verweist, dass Gott einmal alles in allen sein wird (1Kor 15,28). Wenn alles erfüllt wird, gibt es keine Notwendigkeit mehr für Zwischenlösungen.
Glauben und Erwartung sind Zwischenlösungen. Sie prägen die heutige Zeit, werden aber einst überflüssig, weil ihr Ziel erfüllt wird.
Aktualität des Glaubens
Die Fähigkeit, zu glauben, bleibt aktuell. Sie prägt unser Menschsein, ermöglicht unser Gottesvertrauen und bleibt in dieser Funktion, bis eine Erfüllung eintrifft. Das ist selbstverständlich eine Glaubensaussage. Ich erwähne diese, weil die Natürlichkeit des Glaubens heute gegeben scheint. Es gibt keinen Widerspruch zwischen einem lebendigen Glauben und der heutigen Zeit. Im Gegenteil: Glaube bleibt relevant, weil er zu uns als Menschen in dieser Welt gehört.
Was wir zurücklassen können
Wenn auch die Fähigkeit zu glauben relevant bleibt, so können wir nicht funktionierende Interpretationen zurücklassen. Eine bestimmte Glaubensprägung kann sich als ungesund erweisen, eine Subkultur kann von Missbrauch geprägt sein. Kann man diese Interpretationen zurücklassen, gewinnt man Glaubensfreiheit.
Relevanz des Glaubens
Die Relevanz des Glaubens liegt nicht in einer Projektion, nicht in einer bestimmten Kultur oder Lehrvorstellung, nicht in einer Institution oder Gesellschaft, sondern in der Möglichkeit, darüber nachzudenken. Wir können dann die Funktion des Glaubens nutzen, uns den Inhalt des Glaubens anzueignen. Die Verkündigung dient dazu. Das Evangelium ist die Wohlbotschaft, die dann Inhalt vermittelt. Auf diesen Inhalt kann man mit seinem Leben und Vertrauen antworten. Das heisst es, zu «glauben».
Temporär
Glauben ist vorübergehend. Er endet dort, wo das Schauen beginnt. Wir glauben heute, aber das ist vorübergehend. Man kann Glauben natürlich weiter umschreiben, etwa als «Glauben ist sehen mit dem Herzen». Das tönt schön, aber trifft es nicht genau, denn der Gegenstand des Glaubens und Vertrauens ist darin nicht genannt. Wenn ich Gottvertrauen habe, möchte ich das einbeziehen. Wenn ich durch die Bibel eine Zuversicht ernähren kann, möchte ich das bewusst einblenden. Ich blende dies auch dann ein, wenn ich weiss, dass es eine temporäre Situation betrifft.
Glauben ist demnach vielseitiger als eine simple Definition. Glauben ist nicht zu verwirren mit einer bestimmten Glaubenskultur, noch weniger mit einem Lehrverständnis oder einer Überzeugung. Heute gehören Glaube, Erwartung und Liebe zu den bleibenden Dingen. Liebe jedoch ist grösser als Glaube und sie bleibt auch länger.

