Jeder Mensch ist begrenzt
Es mag einige etwas beunruhigen, aber ich denke, dass jeder Mensch – und deshalb sein Glaube – begrenzt ist. Das wirkt sich auf alles aus. Jeder Mensch versucht, sein Leben zu leben, und stolpert dabei, sozusagen, vorwärts. Wir haben keine Idee, was sich in der nächsten Minute zuträgt, und können nur mutig jeweils einen Schritt vorwärts gehen. Dieser eine Schritt ist unbekannt, bis wir ihn wagen. Es gibt demnach Lebensabenteuer und Glaubensabenteuer.
Ausserdem glaubt jeder Mensch für sich selbst. Ebenso wie jeder mit den eigenen Beinen läuft, den eigenen Körper benötigt, so kann auch jeder nur für sich selbst glauben. Paulus betont das ausdrücklich (Röm 14,22).
Die menschliche Begrenztheit ist gegeben. In dieser Begrenztheit zu stehen, sie anzunehmen, dafür Verantwortung zu übernehmen, ist Ausdruck eines Erwachsenen. Es zeigt gleichzeitig auf zwei weitere Dinge:
- Wir wählen unsere Position selbst.
- Glaubensvorstellungen sind nicht absolut.
Wir stolpern durchs Leben
Kommen wir zu den Vorstellungen, womit wir leben, dann gehört Glaube dazu. Menschen können und werden glauben, und dabei kann die Bibel eine wertvolle Rolle spielen. Welche Rolle das ist, darüber können wir nachdenken, ebenso wie über die Art, wie wir glauben, und weshalb wir das tun. Die Selbstverständlichkeit, womit wir bestimmte Vorstellungen pflegen, bedeutet nicht, dass diese Vorstellungen «richtig» sind. Dazu kommt, dass wir als begrenzte Menschen kein absolutes Verständnis über «Richtigkeit» haben können – es sei denn, wir wären Gott selbst.
Glaubensvorstellungen stehen immer in einem Spannungsfeld. Dort liegt ihre Aufgabe. Glaubensvorstellungen schauen über uns selbst hinaus. Die Verkündigung fördert Glaube, weil die Verkündigung über uns selbst hinausweist. Wir stehen im Spannungsfeld zwischen «begrenztem Ich» und «was über mich selbst hinausgeht». Dort wächst auch Gottvertrauen. Glaubensvorstellungen reden von Dingen, die grösser als wir selbst sind, die weiter reichen, als wir selbst sehen können, und die dadurch wie ein Leuchtturm im eigenen Leben aufleuchten können. Damit meine ich also keine bestimmte «richtige» Ansicht oder Lehre, sondern die Funktion des Glaubens im Alltag.
Wir stolpern durch unser Leben und versuchen, daraus das Beste zu machen. Das kann ich jedem Menschen einräumen, auch wenn ich seine Lösung dazu nicht übernehme. Menschen werden verletzt und reagieren darauf mit oft seltsamen Lösungen: Selbstgerechtigkeit, Narzissmus, geringer Selbstwert, Hass und Selbsthass und vieles mehr. Damit muss man nicht einverstanden sein, nur weil man dahinter einen Menschen sieht, der aus seinem Leben versucht, etwas Gutes zu machen. Ich sehe, dass jeder auf seine Art durchs Leben stolpert. Anderes können wir gar nicht.
Eine Richtung wählen
Wir können unserem Stolpern eine Richtung geben. Damit übernehmen wir Verantwortung für unser Menschsein, unser Wohlbefinden, und prägen unser Verständnis von Gott, der Welt und anderen Menschen. Wer Verantwortung übernimmt, ist erwachsen geworden. Das ist gerade dort wichtig, wo eigene Einsichten und Fragen von den Einsichten und Fragen der Gemeinschaft abweichen. Das wird nämlich unausweichlich passieren.
Auf uns selbst bezogen betrifft es einen Prozess der Individuation. Man gewinnt Einblick in eigene Denkmuster und Vorstellungen, und ringt sich vielleicht zu neuen Erkenntnissen durch. Ein solcher Prozess durchläuft jeder, wenn man ihn zulässt. Die Spannung zwischen «Ansichten der Umgebung» und «eigenen Erkenntnissen» ist jedoch real. Gerade dort beweist sich die Eigenverantwortung und entstehen eigene Entscheidungen.
Wir können uns mit unserer eigenen Lebensgeschichte auseinandersetzen und versuchen, uns von ungesunden Mustern zu verabschieden. Positiv können wir auch versuchen, bessere Muster einzuüben. Was wir denken, wird zu unserem Handeln. Denkmuster führen zu Handlungsmustern. Das ist in etwa, wozu auch eine Verkündigung beiträgt. Paulus beschreibt es wie folgt:
«Ich spreche euch nun zu, Brüder, … eure Körper als ein lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer bereitzustellen, … (und) euch umgestalten zu lassen durch die Erneuerung eures Denksinns.»
Röm 12,1-2
Umgestaltung, Erneuerung, Transformation – das sind die Begriffe, um die es alltäglich geht. Damit wird nicht gemeint, dass man bislang nicht gut war, nicht Gutes versucht hat, sondern es geht um eine Prüfung von dem, was gerade ist. Der Apostel erwähnt in denselben Versen: «damit ihr zu prüfen vermögt, was der Wille Gottes sei – der gute, wohlgefällige und vollkommene.» Prüfen zu können ist eine Fähigkeit, die man entwickeln kann. Sie entsteht durch die zwei vorhergehenden Dinge:
- Sich bereitstellen.
- Sich umgestalten zu lassen durch die Erneuerung des Denkens.
Super «geistlich» ist das übrigens nicht, wenn man darunter besondere Erkenntnisse oder extravagante religiöse Vorstellungen versteht. Es geht den Aposteln um praktische Dinge. Lebenspraxis ist «geistlich». Anders kann man das gar nicht verstehen. Mit den vorher genannten Versen beginnt Paulus im Römerbrief den Teil über Lebenswandel. Das ist der Teil, der an die Verkündigung anschliesst. Darum geht es auch im zweiten Teil des Epheserbriefes. Dass wir bei diesen Dingen stolpern, ist menschlich. Wie wir dagegen stolpern, ist etwas, womit wir uns befassen können.
Fragen
- Muss Glaube «absolut sicher» sein?
- Ist eine «Gewissheit des Glaubens» dasselbe wie «alles zu wissen»?
- Stolperst Du im Leben und Glauben über bisherige Vorstellungen? Beschreibe.
- Wenn Du stolperst, was missfällt Dir dabei?
- Wie möchtest Du künftig stolpern, wenn Du das wählen könntest?
- Ist eine Glaubensgemeinschaft eine «Gruppe von Menschen, die gemeinsam vorwärts stolpern»? Warum (nicht)?

