Es ist eine Binsenweisheit, dass Menschen unterschiedlich sind. Übertragen auf Glaubensvorstellungen: Jeder denkt eigenständig und von anderen unterschiedlich. Vielleicht sind das Trugschlüsse. Stellen wir uns in diesem Beitrag vor, wie Menschen unterschiedlich sein könnten.

Nachdenken über Glaubensfragen

Nichts ist selbstverständlich. Nachdenken über Glaubensfragen ist ein Vorrecht. Reden wir über Tabu-Themen, authentische Fragen und echte Herausforderungen.

Glaubensvorstellungen sind nie neutral, sondern immer das Ergebnis einer ursprünglichen Auseinandersetzung. Sie neigen alle dazu, sich über Zeit in starren Vorstellungen zu verfestigen. Rigidität macht diese Vorstellungen jedoch nicht wertvoller. Reden wir über das, was bewegt.

Nicht jeder denkt wie ich

Was denke ich selbst? Wie glaube ich? Was ist mir wichtig? Diese Fragen stehen nicht allein. Wenn man nur den Mut dazu hat, andere einmal nach ihren Gedanken, Gefühlen und Vorstellungen zu fragen, kann man etwas entdecken, nämlich, wie unterschiedlich man ist. Denn ich denke und fühle nur wie ich selbst und jeder andere tut das ebenso.

Oder, wie Oscar Wilde einmal gesagt haben soll: «Sei Dir selbst, jeder andere ist schon besetzt». Und: «Denk immer daran, dass Du absolut einzigartig bist. Genau wie alle anderen auch» (vielleicht nach Jim Wright). Die Einmaligkeit unseres Daseins führt selbstverständlich dazu, dass wir zwar über Themen reden können, aber dabei häufig doch unterschiedliche Ansichten pflegen.

Nicht jeder denkt wie ich, oder stärker noch: Niemand denkt wie ich. Wenn das stimmt, was bedeutet das für meine Glaubensvorstellungen? Wie realistisch ist etwa die Vorstellung, dass alle in meiner Gemeinschaft «gleich denken»?

Was prägt am meisten?

Unsere unterschiedliche Prägungen führen zu unterschiedlichen Erwartungen und Bewertungen. Das gilt selbstredend auch für unsere Glaubensvorstellungen. Auch wenn einige Gemeinschaften auf eine Gleichschaltung pochen und Wahrheit als eindeutig definieren, kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass jeder diese «eindeutige Wahrheit» mit eigenen Augen sieht und individuell interpretiert.

Manche Menschen sind eher Logik-orientiert. Andere sind eher gefühlsorientiert. Wieder andere vertrauen primär auf sich selbst und andere vertrauen auf Gott. Einige bestehen auf Worship im Gottesdienst, um darin völlig aufzugehen, während dies für andere zu viel Lärm und Reiz darstellt. Das prägt, was man aufnehmen kann.

Die Ausgangsposition ist für jeden unterschiedlich. Jeder macht daraus, was er kann. Das ist persönlich und auch persönlich gewählt.

Abschied von alten Ideen

Menschen setzen sich mit sich selbst und ihren Vorstellungen auseinander. Wenn man sich von alten Ideen verabschiedet, kann das aus ganz verschiedenen Gründen geschehen. Einige haben vielleicht entdeckt, dass die Glaubensvorstellungen der Vergangenheit der aktuellen Realität nicht gerecht werden. Man entdeckt etwa, dass eine Hölle-Lehre nicht in der Bibel begründet ist, sondern bloss darauf projiziert wurde. Das kann viele Fragen aufrufen und dazu führen, dass man alte Glaubensvorstellungen mit neuen ersetzen möchte. Aber wie gelingt das?

Das kann man sich vielleicht so vorstellen:

Als Beispiel möchte ich eine kurze Formel verwenden: «1 + 1 = 3». Diese Formel erkennt man eines Tages als mangelhaft. Vielleicht ist es eine alte Lehrvorstellung, die so negativ auffällt. Vielleicht ist es auch eine gefühlte Dissonanz in der Art der Gemeinschaft. Was immer Reibung auslöst, sucht nach einer Verbesserung. Nun stelle man sich zwei Personen vor:

  • Person A: Diese Person erkennt, dass die Formel nicht stimmt, lehnt sie ab und geht auf die Suche nach einer besseren Formel.
  • Person B: Diese Person fühlte sich unwohl bei dieser Formel, lehnt sie ab und geht auf die Suche nach einem besseren Gefühl.

Die neue Formel

Nun entdecken beide Personen eine neue Formel: «2 + 2 = 5». Sie wird vielleicht in einer anderen Umgebung gepredigt und gelebt. Die Menschen sind positiv eingestellt. Bei dieser Formel passiert etwas Erstaunliches: Jeder reagiert darauf unterschiedlich.

  • Person A: Diese Person erkennt, dass die Formel ebenso nicht stimmt und macht sich erneut auf die Suche nach einer besseren Formel.
  • Person B: Diese Person erkennt nicht die Formel, sondern das bessere Gefühl dabei und fühlt sich (vorläufig) verstanden.

Bei Glaubensvorstellungen und deren Auswirkung reagieren wir unterschiedlich. Ich selbst erkenne mich eher in dieser «Person A». Das ist meine Stärke und selbstverständlich auch meine Schwäche. Mir ist die Stimmigkeit dieser Formel wichtiger als das Gefühl, weil ich erkenne, dass das Gefühl alles mit dieser Formel zu tun hat. Erkenne ich ein schlechtes Gefühl, suche ich nach dem Grund dafür. Das ist die mangelhafte Formel. Ich sehe etwa, wie inkonsistent diese Lehre im Vergleich mit der biblischen Erzählung ist und welche verheerenden Folgen eine Hölle-Lehre auf das Leben vieler Gläubigen hat.

Begegne ich nun einer neuen Formel, frage ich mich, ob diese Formel besser funktioniert. Ich versuche, mir die Konsequenzen vorzustellen. Erkenne ich da erneut Inkonsistenzen, werde ich die neue Formel nicht annehmen können. Ein positives Gefühl, welches Menschen mit der neuen Formel mittragen, überzeugt mich nicht. Ich benötige etwas anderes: Übereinstimmung von Begründung und Zusammenhängen in der Bibel, sowie eine nüchterne Grundlage. Daraus, so erhoffe ich, entsteht ein besseres Gefühl. Ich möchte keine Symptome auswechseln, sondern den Entzündungsherd schlechter Gefühle beseitigen. Gute Gefühle müssten dann, so folgere ich, daraus entstehen.

Konkreter: Biblizismus sehe ich in vielen evangelikalen Gemeinden gelebt. Es ist eine Glaubenshaltung, die aus bestimmten Vorstellungen und Lehren entsteht. Die Folgen dieser Vorstellungen sind für viele Menschen verheerend. Nicht nur wurde ich suspekt gegenüber den Lehren und Vorstellungen, sondern war erschüttert durch die Folgen. Diese sah ich bei mir selbst und erkannte ich bei vielen anderen im Gespräch. Da ich durch diesen Biblizismus geprägt war, stand ich der Situation nahe. Ich wusste aus Erfahrung, woher diese Gefühle und Konzepte stammen. Konnte ich das neu denken? Ich habe es so gemacht: Ich habe versucht, die Bibel als Referenzpunkt zu halten, und danach zu fragen, ob diese biblizistische Vorstellungen aus der Bibel stammten. Immer wieder stellte ich dann fest, dass die Bibel nicht so eng denkt, dass weder Jesus noch Petrus noch Paulus Evangelikale waren, und die Bibel eine befreiende Botschaft kannte. Auch ich war, wie Person B, auf der Suche nach einem besseren Gefühl. Meine Taktik war es jedoch, zuerst die Bibel neu lesen zu lernen, statt im vorne herein eine biblizistische Sicht darüber zu stülpen. Dass dies möglich war, zeigt die Andersartigkeit der biblischen Botschaft. Ich konnte mich gewinnbringend mit der Bibel auseinandersetzen, ohne primär ideologische Vorstellungen gelten zu lassen. Es geht auch ohne Ideologie oder Lehrgebäude. Für mich war das eine grosse Entdeckung.

Menschen wie «Person B» sahen die ursprüngliche Situation primär aus dem Gefühl heraus. Das Gefühl entsprach einer negativen Erfahrung. Bei der neuen Formel dagegen scheint das Gefühl zu stimmen. Das lag nicht an der Formel, sondern an der Gemeinschaft und den Menschen, die diese Formel unterstützten. Die Unstimmigkeit bei der neuen Formel erhält deshalb kein grosses Gewicht. Man war nie auf der Suche nach biblischer Begründung oder Übereinstimmung. So kann die neue Formel, trotz Unstimmigkeit, ein positives Gefühl mittragen. Wer nach einem besseren Gefühl sucht, sagt dann vielleicht: Dies stimmt für mich.

Aus derselben ursprünglichen Situation stammend, haben diese Personen trotzdem verschiedene Anliegen. Die Lösung und Erlösung vom alten Denken verläuft nach unterschiedlichen Kriterien. Das ist etwa ein Grund dafür, dass Dekonstruktionsprozesse unterschiedlich verlaufen und Rekonstruktion anders aussehen kann. Ich denke auch, dass jede dieser Personen blinde Flecken hat. Das sage ich somit auch von mir selbst. Keiner ist «angekommen», sondern alle bleiben unterwegs. Deshalb ist eine bewusst gepflegte Lernkultur eine Bereicherung, weil man über die eigenen Grenzen hinausblicken lernt. Das Leben, der Glaube, alles wird reichhaltiger und authentischer.

Bewusste Neuorientierung

Die Frage für diesen Beitrag lautet: «Was für ein Denker bist Du?». Es gibt mehr als eine Art. Was ist Dir wichtig, wenn Du nach einer Verbesserung suchst? Was sind die Gründe, dass sich etwas als «unstimmig» anfühlt und was benötigt es, damit dies «stimmig» wird? Fragen wie diese können dabei helfen, sowohl seine eigenen Anliegen besser zu verstehen, als auch neutral zu bleiben in einem Gespräch; das Gegenüber hat vermutlich eine andere Sicht und eigene Gründe für seine Ansicht.

Eine bewusste Neuorientierung ist aktiv. Damit nimmt man selbst das Ruder in die Hand. Was will ich/willst Du glauben und weshalb? Was macht das mit mir/Dir und weshalb ist mir/Dir das wichtig?

Umdenken als Dauerprozess

Hier gibt es eine weitere Differenzierung: Umdenken ist nicht einmalig. Wir sind alle ständig am Umdenken, auch wenn wir das nicht bewusst wählen. Wir leben, werden älter, landen in neuen Lebenssituationen. Diese führen alle zu Bewertungen bisheriger Gefühle und Eindrücke. Sie fordern bisherige Ideen heraus. Funktionieren sie noch? So kann man an einen Punkt gelangen, wo man neu denken muss. Es sind die Lebensumstände und Erfahrungen, die einen dazu bringen.

Jeremia etwa sagt:

«(be)kehre mich, daß ich mich (be)kehre, denn du bist Jahwe, mein Gott.»
Jer 31,18

Jesus sagt wiederholt:

«Tut Busse!» (oder: Bekehrt euch! Auf Griechisch: metanoia, umdenken, immer mit konkreten Schritten im Alltag)
Mt 4,17

Und Paulus besteht sogar darauf, dass wir uns erneuern lassen sollten:

«Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung [eures] Sinnes, daß ihr prüfen möget, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist.»
Röm 12,2

Umdenken ist also nicht seltsam, sondern normal. Ich bin mir bewusst, dass jedes dieser Zitate in einem eigenen besonderen Kontext steht. An dieser Stelle geht es mir nicht um diese Kontexte, sondern darum, dass diese Gläubigen nicht von Kontinuität der Erkenntnis ausgingen. Wandlung und eine neue Ausrichtung gehörten dazu, waren manchmal unausweichlich. Radikalität war nicht in der Rigidität, sondern in der Freiheit, sich neu auszurichten. Das ist bemerkenswert.

Besonders hilfreich dabei ist die Erkenntnis, dass eine «absolute Wahrheit» von meinen Vorstellungen nicht abhängig ist. Ich sage dies so neutral wie möglich: Man muss dafür nicht einmal an Gott glauben, um den Wert des Umdenkens zu verstehen. Sollte es einen Gott geben, wovon ich hier ausgehe, übersteigt dieser Gott meine Vorstellungen. Glaubst du nicht an einen Gott, könnte man sich dies trotzdem als neutrale Konzepte vorstellen. Da gibt es einen Unterschied zwischen Schöpfer und Schöpfung – sie haben miteinander zu tun, können aber nicht miteinander verwechselt werden. Gott ist unbegrenzt, während ich begrenzt bin. Wo immer ich mit meiner Erkenntnis stehe: Dies ist die einzige Startposition für eine nachhaltige Änderung. Umdenken ist gut, nötig und gehört zu meinem Menschsein und zu meinem Glauben. Die Frage ist bloss, wie ich damit umgehe.

Meine eigene Begrenztheit führt dazu, dass ich lernen kann. Ich würde nun ergänzen, dass ich sogar lernen «muss», wenn ich mein Leben erfüllen will. Ich muss mich mit meinem Leben, meinen Vorstellungen und Glaubensvorstellungen auseinandersetzen. Blinder Glaube hilft da nicht weiter, weil dieser die Realität meines Lebens nicht kennt. Möchte ich jedoch als Mensch bewusst in diesem Leben stehen, eröffnet sich erstmals die Möglichkeit, durch die biblischen Texte hindurch das Zeugnis zu erkennen und dann zu fragen: Was hat das mit mir zu tun?

Ein erneuertes Denken
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