Was bleibt von Deinem und meinem Glauben übrig, wenn wir die Liste mit Glaubensvorstellungen in unserem Kopf einmal ausblenden? Was ist der Kern unseres Glaubens? Weisst Du das? Weiss ich das? Es geht nicht darum, den eigenen Glauben zu leugnen, sondern darum, vermeintliches Wissen über Glauben einmal auszuklammern. Das ist keine Leugnung, sondern eine Übung. Es ist eine Übung in Aufrichtigkeit darüber, was uns antreibt und was die Bibel vermittelt. Als solches ist ein hypothetisches Nichtwissen die Vorbedingung dazu, eine authentische Antwort zu finden, die zur heutigen Zeit und der eigenen Lebensphase passt.

Selbstverständlich ist es am einfachsten, wenn man nur von einer Liste von Glaubensvorstellungen ausgeht, denen man zustimmen oder ablehnen kann. Eine solche Liste kann ohne Begründungen, ohne Vertiefung und auch ohne Wachstum auskommen. Weitaus anspruchsvoller wird es, wenn wir uns Gedanken über unseren Glauben machen.

Es kann auch ein notwendiger Prozess sein. Das ist dann der Fall, wenn bisherige Vorstellungen nicht mehr genügen und man zu neuen Horizonten aufbricht. Dabei kann man alte Gedanken hinter sich lassen. Das nennt man Dekonstruktion. Es besteht dann die Gefahr, dass man zusammen mit problematischen Ansätzen auch wertvolle Gedanken wegwirft. Man kann versuchen, das zu vermeiden.

Es kann etwa so ablaufen: «Ich habe einst dieses und jenes geglaubt, aber das entpuppte sich als irreführende Lehre. Oder: Ich fühlte mich unwohl in einer bisherigen Situation oder Gemeinschaft und möchte jetzt nach einer neuen Situation oder Gemeinschaft Ausschau halten». Andere sagen: «Ich fühle mich von alten Vorstellungen betrogen und gehe erst einmal auf Distanz».

So weit, so gut. Das ist eine authentische Stellungnahme. Sie benötigt zwei Dinge: Erstens die Erkenntnis, dass sich etwas nicht gut anfühlt und man sich auf den Weg machen will. Zweitens benötigt es den Mut, sich tatsächlich auf den Weg zu machen. Ich habe Respekt vor jedem, der das wagt.

Hiobs Glauben und Erfahrung

Im Buch Hiob findet man die Geschichte von Hiob, der als rechtschaffener Mann dargestellt wird. Fast jeder kennt die Geschichte, wie dann Unheil über ihn hereinbricht und sein Glaube auf die Probe gestellt wird. Die Geschichte ist aufschlussreich, weil sie den Glauben Hiobs als wandelbar darstellt. Seine schmerzhaften Erfahrungen scheinen nicht zu seinen bisherigen Glaubensvorstellungen zu passen. Nach den eigenen Vorstellungen hat er alles richtig gemacht.

Einprägsam ist der folgende Satz nach seinen ersten Reaktionen: «Bei diesem allem sündigte Hiob nicht und schrieb Gott nichts Ungereimtes zu» (Hi 1,29, vgl. Hi 2,10). Kann man hier jetzt heraushören, dass Hiob immer noch eine Form des Glaubens und Vertrauens hat, obwohl das nur noch indirekt abgeleitet werden konnte? Hatten ihn seine schmerzvollen Erfahrungen erschüttert, und stand er jetzt in einem Niemandsland ungewisser Gottesvorstellungen?

Differenzierungen in der Erzählung sind wichtig. Sie zeigen auf mehrschichtige Vorstellungen hin. Das Buch Hiob erzählt die Geschichte eines Mannes und betont dabei eine Entwicklung. Es gibt mehrere Beispiele solcher Entwicklungen in einem Menschen und in seinen Glaubensvorstellungen. Der Apostel Paulus wäre ein prominentes anderes Beispiel. Solche Beispiele können uns ermutigen, wenn Glaubensvorstellungen in unserer Umgebung rigide erscheinen. Man kann auf diese Geschichten hinweisen und sagen, dass Wandel etwas Gutes sein kann.

Elihu bringt eine neue Perspektive

Die ersten 31 Kapitel berichten von Dialogen, die Hiob mit einigen Freunden und mit seiner Frau gehalten hat. Keiner hatte eine Antwort. Mit Elihu kommt in Kapitel 32 jedoch die Wende. Er bringt eine neue Perspektive in die Auseinandersetzung und widerspricht allen bisherigen Sprechern. Er sagt etwa: «Gott ist erhabener als ein Mensch» (Hi 33,12).

Man könnte auch sagen, dass Elihu alle Religiosität und menschliche Beurteilungen abstreift und festhält, dass bei der Rede über Gott meine Meinung wenig zählt. Gott ist erhabener als ein Mensch. Elihu spricht von einem Gottesbild und Gottesverständnis, das so bisher nicht genannt war. Es dürfte zur Kernaussage des Buches gehören, und Hiob wird Schritt für Schritt dorthin geführt.

Elihu jedoch nimmt kein Blatt vor den Mund und sagt etwa: «Und so sperrt Hiob eitler Weise seinen Mund auf, häuft Worte ohne Erkenntnis» (Hi 35,16). Das war keine sanfte oder fromme Rede. Der springende Punkt ist, worauf Elihu hinweist: Gott und Mensch sind unterschiedlich. Nun kann jemand einwenden, dass es diese Gottesvorstellungen sind, die man nicht mehr bejahen kann.

Man kann dieselben Aussagen jedoch auch auf andere Art interpretieren und festhalten, dass Elihu einen neuen Einblick ermöglichte. Dann geht es nicht um das Gottesbild von Elihu, das man annehmen oder ablehnen muss, sondern um die Differenzierung, die seine Rede ermöglichte. Er spricht von etwas, das in den vielen Diskussionen im Buch noch nicht genannt wurde. Das ermöglicht eine neue Sichtweise. Das ist positiv, nicht wegen der Sichtweise, sondern primär wegen der Möglichkeit, auch anders denken zu dürfen.

Selbstverständlich kann man in einem nächsten Schritt festhalten, dass man die neue Sicht als «gut» oder als «nicht hilfreich» empfindet. Das ist dann die persönliche Verarbeitung. Die Differenzierung liegt jedoch darin, dass man dem Mechanismus der Entwicklung stattgibt, ohne sofort alles auf sich selbst umzumünzen. Man kann vom Prozess etwas lernen. Der Prozess muss nicht zu reflexartigen Annahmen oder Ablehnungen führen. Man darf kurz innehalten und überlegen, was man durch eine neue Perspektive gewinnt.

Religiosität kann man als menschliche Anstrengung erkennen. Es ist der menschliche Versuch, dem Leben eine Bedeutung beizumessen. Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit beginnen hier. Sie äussern sich durch vermeintliches Wissen über Gott. Religiosität nutzt Glaubensvorstellungen nur für die Definition des Selbst. Lebendiger Glaube definiert sich anders. Meine Vorstellungen von Gott sprechen nicht von Ihm, sondern nur von mir. Gott wird nicht durch meine fromme Vorstellungen definiert. Das ist sehr ernüchternd.

Wenn also Gott und Mensch unterschiedlich sind, kann der Inhalt meiner Glaubensvorstellungen neu entdeckt werden. Das ist ein Startpunkt für eine neue Sicht. So geschah es bei Hiob.

Gott spricht

Am Ende der Rede von Elihu spricht Gott selbst «aus dem Sturm» (Hi 38,1). Einprägsam und überwältigend ist das Reden Gottes, das hier beginnt. Die erste Frage an Hiob lautet:

«Wo warst du, als ich die Erde gründete?»
Hi 38,4

Wo warst du, Hiob? Die Frage klärt ein Verhältnis. Hiob und seine Freunde sprachen aus dem eigenen Erleben über Gott. Gott selbst klärt mit der ersten Frage den Unterschied zwischen Gott und Menschen. Die Betrachtungsweise klärt den Unterschied, um für die Realität eine Basis zu haben. Hiob war selbstverständlich nicht dabei, als Gott die Erde gründete. Das ist gerade der Punkt, auf den man achten soll. Hiob und Gott sind nicht zu vergleichen.

Wer seine Glaubensvorstellungen dekonstruiert, kann hier einwenden, dass es genau solche Vorstellungen sind, die dringend abgelegt werden müssen. Dann kann der Versuch gross sein, gar nicht mehr hinzuhören. Mir geht es hier jedoch primär um die Entwicklung in der Geschichte und was sich daraus entwickelte. Der aktuelle Punkt in dieser Geschichte spricht von Gott, der Hiob nahelegt, besser zu unterscheiden, besser zu differenzieren.

Hiobs Wandel im Glauben

Während einiger Kapitel spricht Gott zu Hiob und führt ihm vor Augen, was Hiob alles nicht weiss und kann. Das ist eine recht nüchterne Bestandsaufnahme. Der abschliessende Satz dieser Rede lautet:

«Will der Tadler rechten mit dem Allmächtigen? Der da Gott zurechtweist, antworte darauf!»
Hi 39,32

Hiob hat zugehört. Er hat keine Antwort und sagt:

«Und Hiob antwortete Jahwe und sprach: Siehe, zu gering bin ich, was soll ich dir erwidern? Ich lege meine Hand auf meinen Mund. Einmal habe ich geredet, und ich will nicht mehr antworten, und zweimal, und ich will es nicht mehr tun.»
Hi 39,33-35

Hiobs bisherige Glaubensvorstellungen hatten sich in dieser Auseinandersetzung nicht bewährt. Der neue Einblick durch diese Rede hat ihm den Atem geraubt. Er ist zuerst einmal sprachlos.

Die neue Erkenntnis

Hiob zeigte einen Wandel. Das war aber nicht genug. Sprachlosigkeit ist nicht genug.

«Und Jahwe antwortete Hiob aus dem Sturme und sprach: Gürte doch wie ein Mann deine Lenden; ich will dich fragen, und du belehre mich!»
Hi 40,1-2

Gott fordert Hiob direkt heraus, eine Antwort zu formulieren. Die Glaubenshaltungen der Vergangenheit sind durch halbe Eingeständnisse nicht bereinigt. Zwei Kapitel lang dauert diese Herausforderung an der Adresse von Hiob. Dann, in Kapitel 42, folgt Hiobs Antwort:

«Und Hiob antwortete Jahwe und sprach:
Ich weiss, daß du alles vermagst, und kein Vorhaben dir verwehrt werden kann. Wer ist es, der den Rat verhüllt, ohne Erkenntnis? So habe ich denn beurteilt, was ich nicht verstand, Dinge, zu wunderbar für mich, die ich nicht kannte. Höre doch, und ich will reden; ich will dich fragen, und du belehre mich! Mit dem Gehör des Ohres hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche.»
Hi 42,1-6

Hiobs Selbsterkenntnis war: «So habe ich denn beurteilt, was ich nicht verstand». Seine Erkenntnis war ein Abschied an die eigene Entscheidungskraft und Beurteilung. Stattdessen möchte er Gott fragen und sucht Belehrung von Ihm. Das ist neu. Seine bisherigen religiösen Ideen und Handlungen hatten dazu nicht ausgereicht. Sein bisheriges Verständnis wurde durch die Erfahrung des Leidens herausgefordert, und es kamen keine Antworten. Erst die Begegnung mit Gott selbst hat in dieser Geschichte die Wende gebracht. Eingeleitet durch die Rede von Elihu kam die Erkenntnis durch die Begegnung mit dem Gott, dem er Ungerechtigkeit unterstellte. «Mit dem Gehör des Ohres hatte ich von dir gehört, aber jetzt hat mein Auge dich gesehen. Darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche.»

Worauf Glaube basiert

Was möchte das Buch Hiob vermitteln? Das ist meine erste und die für mich wichtigste Frage. Ich sehe einen Mann, der in seinen eigenen Vorstellungen keine Antwort auf die Not hat, die über ihn hereinbrach. Eine direkte Begegnung mit Gott hat ihm vor Augen geführt, dass Gott und Menschen unterschiedlich sind. Das hat für ihn alles geändert.

Das Buch beschreibt einen tiefgehenden Wandel der Glaubensvorstellungen von Hiob. Stellen wir uns vor, dass diese Geschichte in einer tief religiösen Welt entstand, dann stellte sie in jenem Kontext besonders mutige Fragen. Es ist auch so etwas wie ein Wegführer durch unterschiedlichste Interpretationen und Glaubensvorstellungen.

Hiobs Frau hatte bereits vermerkt, Hiob solle doch seine Vorstellungen aufgeben und sterben: «Da sprach sein Weib zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Vollkommenheit? Sage dich los von Gott und stirb!» (Hi 2,9). So könnte man auch reagieren. Wie gut waren jedoch die Gespräche, die Rede von Elihu und letztlich die Rede Gottes. Sie haben alle dazu beigetragen, dass Hiob nicht mehr an seiner eigenen Vollkommenheit festhielt, sich nicht von Gott lossagte und starb.

Stattdessen hat er eine viel demütigere und differenziertere Haltung eingenommen. Ist das unsere oder meine Haltung? Vielleicht nicht, aber der Wandel im Buch ist spürbar und nachvollziehbar. Das war weitaus differenzierter als die Lossage von Gott, wie ihn seine Frau nahegelegt hatte. Vielleicht kann man auch ganz allgemein erkennen, dass in und durch unsere Begegnungen Glaubensvorstellungen reifen und gedeihen. Denn Glaube lebt und lernt man nicht allein.

Die Idee von Gott hängt nicht in einem luftleeren Raum, sondern lebt von der Begegnung. Das will bedacht sein. Nur so, in der persönlichen Begegnung, lässt sich eine Realität Gottes erleben und ausleben. Man bedenke hier, dass Gott unsichtbar ist. Eine persönliche Begegnung ist deshalb mit nichts zu vergleichen, was wir in dieser Welt als Begegnung beschreiben.

Es ist anders. Erneut scheint es viel einfacher, eine Liste mit Vorstellungen zu akzeptieren, um dazuzugehören oder die Idee von Gott ganz loszulassen. Es scheint mir, dass viele Menschen eine dieser Optionen wählen. Paulus spricht dagegen von einem Geheimnis des Glaubens (1Tim 3,9). Glaube ist real, aber auf eine verborgene Art, erkennbar im Leben und Erleben. Paulus versucht nicht, Glaubensvorstellungen zu erklären. Sie können höchstens bezeugt werden. Ein Geheimnis des Glaubens zuzulassen, kann eine nüchterne Entscheidung sein, weil sie Leben und Glauben in dieser Welt bejaht.

Konsequent: Die Begegnung mit Gott, wie immer man die formuliert und ausmalt, steht dort zentral. Damit meine ich nicht «meine Idee von Gott» oder «Deine Idee von Gott», sondern «Gott». Meine oder deine Ideen über Gott definieren Ihn nicht. Deshalb ist die unmittelbare Begegnung die einzige authentische Möglichkeit. Was das beinhaltet, kann man in den Glaubenszeugnissen der Bibel oder heutiger Menschen versuchen nachzuvollziehen. Ganz klar: Da sind wir gefordert hinzuhören, zu überlegen, selbst Vertrauen zu lernen und allenfalls neue Wege zu gehen.

Fragen

  • Welche Aufgabe hat das Buch Hiob?
  • Wie haben es Menschen damals vielleicht interpretiert?
  • Beschreibe den Unterschied zwischen Gott und Menschen (frei nach Hiob)
  • Hast Du Glaubensfragen? Welche?
  • Hast Du etwas mit diesem Beitrag anfangen können? Was siehst Du anders?
  • Welche Aufgabe haben Glaubensvorstellungen in unserem Leben?
  • Welche Aufgabe haben Bücher wie Hiob für unsere Glaubensvorstellungen?
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