Abschied von der Ich-Bezogenheit


Ein Exkurs in die Glaubenswelt der pausenlosen Selbstbestätigung.

Wie soll man glauben? Darauf gibt es unterschiedliche Antworten. Manche Antworte stellen den persönlichen Bezug über allem. Das kann zu einem Stressprogramm entarten, worin eine pausenlose Ich-Bezogenheit den Wert des Glaubenslebens definiert. In diesem Beitrag will das Gute eines persönlichen Glaubens genannt sein, ebenso wie die Verselbständigung der persönlichen Erfahrung und die daraus resultierende religiöse Ich-Bezogenheit. Es gibt eine feine Linie zwischen persönlich gelebtes und erfahrenes Gottvertrauen und der Erwartung, dass Gott ständig präsent, erlebt, erfahren werden muss – womöglich mit ganz persönlichen Direktiven für das tägliche Leben.

Ein persönlicher Glaube

Ein «persönlicher Glaube» meint, dass wir selbst eine vertrauensvolle Beziehung mit Gott leben. Sie ist persönlich und damit unterschiedlich von einer verstandesmässigen Akzeptanz gewisser Dogmen, religiösen Annahmen oder Ethik. Glaube ist immer Vertrauen. Glaube ist deshalb immer Beziehung. Das gelebte Vertrauen richtet sich auf Gott und die Freiheit dazu erhalten wir durch Jesus Christus, der als Mittler zwischen Gott und Menschen in die Welt kam (1Tim 2,4-7).

Die frohe Botschaft der Gnade Gottes in Christus Jesus besagt, dass Gott uns in Seinem Sohn begegnet, wie es den Anfang vom Hebräerbrief beschreibt:

«Nachdem Gott vor alters vielfach und auf viele Weise zu den Vätern durch die Propheten gesprochen hat, spricht Er an dem letzten dieser Tage zu uns in dem Sohn…» (KNT)
Heb 1,1-2

Wie unterschiedlich wir von unserem Schöpfer auch sind, und wie sehr wir auch Seine Herrlichkeit nie das Wasser reichen können (Röm 3,23), so sehr hat Er sich jedoch nach uns in Liebe ausgestreckt und selbst alle Voraussetzungen geschaffen, damit wir zu Ihm finden (Apg 17,26-27). Jeder Unterschied zwischen Ihn und uns, jede unserer Zielverfehlungen, jeder Mangel wurde ausgeglichen durch Jesus, der Christus (Röm 5,8). Ihn hat Er «zum Erbe (w. Losteil-Inhaber) aller Dingen eingesetzt» (Heb 1,2 Rev. Elbf.). Jesus ist der verbindende Teil und das fehlende Glied, von Gott eingesetzt als Mittler zwischen Ihm und Menschen, zwischen Schöpfer und Schöpfung. Die frohe Botschaft ist: Uns wird alles dazu aus Gnaden geschenkt (Eph 2,8-10). Das ist nicht billig, aber es ist vollständig. Es ist ein für allemal gelöst. Es ist das, was «Erlösung» heisst.

Heute ist das geistliche Realität – mit einer Auswirkung auf unser Leben jetzt. Künftig werden wir davon ganzheitlich betroffen sein – so die biblisch bezeugte Erwartung (Röm 8,23-25; Eph 1,13-14). Heute danken wir Gott, wir lesen Sein Wort um nun mit Ihm in Kontakt zu sein und bleiben. Wir möchten hinhören, uns auf Seine Aussagen einlassen. Wir selbst sind es, die – nun berührt und von Seiner Gnade freigemacht – durch das Leben und durch die Welt gehen. Wir sind persönlich dankbar, wir wurden persönlich belebt. Das ist persönlicher lebendiger Glaube.

Die Prägung unseres Glaubens

Dieser Ansatz kann leider auch in den Gegenteil kippen. Der persönliche Glaube kann zu einer Ich-Bezogenheit mutieren. Während im Evangelium und auch bei einem lebendigen Glauben immer Gott Selbst im Zentrum steht, besteht der Gegenteil darin, dass der Mensch (bzw. der Gläubige) ins Zentrum gerückt wird. Dabei findet eine Verschiebung statt. Was als befreiende Botschaft begann, kippt durch eine andere Verkündigung ins Gegenteil. Es kann zu einer Sicht voller falscher Erwartungen werden. Es sind verschiedene Betrachtungsweisen mit grossen Konsequenzen für Leben und Glauben.

Unsere Gesellschaft ist stark individualisiert. Manchmal habe ich den Eindruck, dass auch Glaube individualisiert wurde. Diesen Eindruck erhalte ich immer wieder, wenn eine Ich-Bezogenheit über alles gesetzt wird. Das ist kein vereinzeltes Phänomen, sondern es wird in vielen Freikirchen auch so gepredigt: Du musst Dich für Jesus entscheiden, Du musst Wegweisung aus der Bibel entnehmen, Du musst, Du musst…

Der verständliche Wunsch zu einem persönlichen Glaubensbezug ist an sich ganz gesund. Aber, sie wird in so mancher Lehre zu einem allesbeherrschenden Thema hochstilisiert. Dabei kommt ein Gottesbild heraus welches sich in der Bibel nicht zurückfindet. Denn wo in der Schrift heisst es, dass Gott uns Tag für Tag Hinweise gibt? Und wenn wir in der Bibel bei einzelnen Menschen solche Highlights beschrieben finden, so sollte das heute für alle Evangelikale täglich der Regel sein? Echt jetzt?

Mensch, entspann’ Dich!

Ich habe lange gedacht, dass dieser persönliche Bezug sehr gut ist. Denn tatsächlich, wenn wir unser Leben bewusst leben wollen, dann braucht es einen persönlichen Bezug. Es ist gut, wenn wir uns selbst ganz positiv für bestimmte Dinge entscheiden. Es ist gut, wenn wir uns im Leben orientieren, unser Leben Richtung und Sinn geben. Gott spricht uns als Mensch an, meint uns persönlich. Tatsächlich ist es ein grosser Reichtum, wenn wir innerlich frei gemacht werden und dann unser Leben bewusst in Gottes Händen legen können. All das hat einen grossen Wert. Aber ein verengter Fokus auf mich selbst, ist der wirklich gesund? Ist es das, was wir aus der Bibel entnehmen? Oder ist das eher eine Ideologie?

Nicht selten habe ich von dem Stress gehört, der durch religiöse Erwartungen bei Menschen ausgelöst wird. Eine tägliche Führung durch Gott zu erfahren wird als Erfolgsfaktor im Glaubenserlebnis wahrgenommen. «Er führt mich persönlich» wird zu einem Gütesiegel für den Glaubensalltag. Selbstverständlich kann jemand das persönlich so annehmen. Da ist ein Segen drin. Aber ist es der Goldstandard für erfolgreiche Christen? Sollte das die tägliche Erfahrung sein? Das sind die Art von Zeugnisse, die an Sonntagen gerne in Gottesdiensten zitiert werden. Das sind die Zeugnisse, die als Motivationsschübe gerne in Büchern und in Gesprächen als Muster erwähnt sind. Konkrete Erlebnisse werden zum Massstab. Das ist ganz so, als ginge es in unserem Leben und Glaubensleben nur um die Highlights wie wir sie in der Bibel beschrieben finden. Es wäre eine Art «Highlight-Glauben». Wer das nicht ebenso empfindet oder ebensolche Erfahrungen vorweisen kann, der kann in manchen Kreisen das Gefühl bekommen, einen Aussenseiter zu sein.

Hier sollte man einander zusprechen mit den Worten «Mensch, entspann’ dich!». Meine Unvollkommenheit war genau der Grund, dass Christus kam. Gott bleibt Gott, auch wenn ich ihn gerade nicht spüre. Diese Welt auf der wir stehen bleibt Seine Welt, unabhängig davon ob ich alles «richtig mache», «richtig spüre», «richtig glaube». Alle diese Dinge verlangen jedoch, dass ich von mir selbst hinwegschaue, und auf Ihn schaue, der unser Leben trägt. Wir brauchen Gottvertrauen, mehr als konkrete Erfolgsfaktoren einer fehlgeleiteten Ich-Bezogenheit. Ein realistischer Glaubensbezug erkenne ich in den bekannten Wörtern eines Vaters, der sich verzweifelt an Jesus wendet, um Hilfe für seinen Sohn zu erhalten: «Ich glaube. Hilf meinem Unglauben!» (Mk 9,14-29). So will ich auf Gottes Wort schauen und alles von Ihm erwarten.

Ich-Bezogenheit

Zwischen einem persönlichen und lebendigen Glauben und einer vielleicht fehlgeleiteten Ich-Bezogenheit liegen Welten. Der Unterschied kann durch eine entsprechende Verkündigung und Subkultur in diese oder jene Richtung entwickelt werden.

Wie wird ein persönlicher Bezug zu einer Ich-Bezogenheit? Das geschieht, wenn der Mensch in der Verkündigung zentral gestellt wird, wenn das persönliche Erleben eine alles überragende Rolle erhält, sodass Menschen nicht mehr in der Kraft Gottes, sondern im Krampf der eigenen Erwartung leben. Wenn das geschieht, dann wird das Wesen des Glaubens abgeändert. Eine Ich-Bezogenheit kann sich beispielsweise so äussern:

  • Die Bibel muss immer zu mir reden (evangelikal)
  • Die Bibel spricht immer von mir (unreflektiert)
  • Gott soll mir jeden Schritt im Leben bestätigen (evangelikal)
  • Gott hat einen sehr detaillierten Plan für mein Leben (evangelikal)
  • Ich muss immer verstehen was ich lese (von sich aus auf Gott und die Bibel schliessen)
  • Wenn Gott mein Gebet nicht erhört, schiebe ich eine Panik (gesetzlich, unsicher)
  • Wenn mein Gebet nicht erhört wird, dann bete ich falsch oder bin ich nicht richtig gläubig? (charismatisch)
  • Wenn ich nicht geheilt werde, dann glaube ich nicht genug (charismatisch)
  • Wenn ich mich nicht sündig genug fühle, bin ich nicht würdig Gottes Gnade anzunehmen (calvinistisch extrem)
  • Glaube muss ich fühlen! (Gefühlsduselei, Sturm und Drang)
  • und dergleichen mehr.

Wenn diese Haltung nun auch noch in Predigten, Hauskreisen, Büchern usw. gefördert wird, dann folgen daraus logischerweise zwanghafte Situationen. Es sind ideologische Ansätze. Die Ich-Bezogenheit ist etwas ganz anderes als die in der Bibel gefundene Gott-Bezogenheit oder Christus-Bezogenheit. Sie ist auch etwas anderes als ein gesundes Selbstbewusstsein. Die Ich-Bezogenheit steht anstelle einer Gott-Bezogenheit und m.E. auch anstelle eines gesunden Selbstbewusstseins. Wer immer selbst im Zentrum stehen muss, dem fehlt etwas Wesentliches.

Andere Betrachtungswinkel entdecken

Eine nüchterne Betrachtung kann ganz andere Blickwinkel aufzeigen:

  • Die Bibel spricht nicht immer zu mir, sondern meist zu anderen Menschen
  • Die Bibel spricht von mir, aber dann nur als Mitglied der Menschheit, oder als Mitglied der Nationen oder des Volkes Israels, oder als Teil der Gemeinde. Wir sind Teil verschiedener Gruppen. Nur so werden wir angesprochen.
  • Gott muss mir gar nichts bestätigen. Er ist Gott. Er hat mich ausgerüstet mit allem zum Leben und auch Sein Werk und Seine Liebe in Christus bekanntgemacht. Was mangelt da noch?
  • Gott hat einen Plan für diese Welt. Darin bin ich gut aufgehoben, mit all meinen persönlichen Herausforderungen.
  • Manches verstehe ich in der Bibel nicht. Dem kann ich Zeit lassen.
  • Er wird es wohl machen, weil ich mich auf Seine Verheissungen abstütze.

Andere Betrachtungswinkel relativieren die Selbstverständlichkeit womit das persönliche Erleben in Predigten zentral gestellt wird. Natürlich meint Gott uns persönlich, will Er uns mit dem Evangelium der Gnade erreichen. Ein Abschied an eine Ich-Bezogenheit ermöglicht es Ihm wieder, mit uns zu reden. Mit einer Ich-Bezogenheit stehen wir uns und Gott selbst im Wege. Wer sich selbst im Zentrum stellt, kann keine Beziehung führen. Wir müssen hinhören können, wenn wir uns auf Gott einlassen wollen.

Ein hörendes Herz

Als Salomo König über Israel wurde und er noch ein junger Mann war, war er alles andere als perfekt. Er benötigte Hilfe. Er hat Gott gesucht. Im Gebet hat er nicht um tägliche Führungserlebnisse gefragt, sondern stattdessen bat er um ein hörendes Herz:

«So gib denn deinem Knecht ein hörendes Herz, dein Volk zu richten, zu unterscheiden zwischen Gut und Böse. Denn wer vermag dieses dein gewaltiges Volk zu richten?»
1Kön 3,9

Salomo bat um Weisheit, damit er seine eigene Verantwortung für seine Aufgaben besser ausüben konnte. Lesen wir wie  Moses, die Propheten, wie Jesus selbst und auch die Apostel alles von Gott erwarteten, und wie sie vor Ihm stille wurden, dann finden wir darin gute Beispiele für unseren Alltag. Keiner der biblischen Gestalten hat ein erfolgsverwöhntes Leben gehabt (mit Ausnahme vielleicht von Jabez). Keiner berichtet von täglichen Führungen – auch Salomo nicht. Stattdessen bat er um Weisheit und um ein hörendes Herz, damit er selbst lerne, täglich die richtigen Entscheide zu fällen. Paulus bat ähnliches für die Gemeinde heute.

Persönlich aber nicht Ich-bezogen

Glaube ist heute nicht anders als in alten Zeiten. Glaube war und ist immer persönliches Vertrauen auf Gott. Der Mensch blickt auf Ihn. Das war für Abraham so, für Mose, für jeden Glaubenden aus Israel und für jeden Glaubenden aus den Nationen. Es war für Jesus so und für die Apostel und für die Gemeinde von Anfang an.

Wer täglich Erfolgserlebnisse im Glauben sucht, findet keine Vorbilder in der Bibel. Weder im Alten noch im Neuen Testament wird berichtet, dass Menschen «täglich» von Gott Regieanweisungen erhalten, wie sie ihr Leben einzurichten haben. Solche Ansichten gibt es nur in bestimmten Lehren und Annahmen über den Glauben. Von denen kann man sich befreien.

Gesprächsanregungen

  • Was heisst es ein Kind Gottes zu sein? (vgl. Röm 8,15-16)
  • Wie wirkt sich das im Alltag aus? Ist Gott bei Dir «auf Abruf» verfügbar?
  • Wie erfährst Du Deine Beziehung mit Gott?
  • Warum erfährst Du Deinen Glauben so? Hat das einen Grund?
  • Hast Du ein «Glaubensheld» als Beispiel? Wer? Weshalb?
  • Wie wird «Glaubensleben» in Deiner Gemeinschaft definiert?
  • Findest Du diese Definition in der Bibel zurück?
  • Stehst Du manchmal von (eigenen) Glaubenserwartungen unter Druck?