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Freiheit verpflichtet

100% Freiheit. Mehr können wir nicht erhalten. Das ist es, was Gott uns in Christus schenkt. Die solide Grundlage dafür ist dies: «Umsonst gerechtfertigt in Seiner Gnade durch die Freilösung, die in Christus Jesus ist» (Röm 3,24). Das ist das Startkapital, mit dem wir unser Leben täglich neu angehen dürfen.

Jetzt sind wir nicht nur freigemacht von uns selbst, sondern auch freigemacht für ein neues Leben. Das eine gehört zum anderen. Keine Moralpredigten, keine Verurteilungen, sondern die tägliche Freiheit – um wahre Begegnungen mit sich Selbst, mit Gott und den Menschen um uns herum zu feiern. Diese Freiheit in Christus ist so sicher, dass uns das als Grundlage für eine auf Gott gerichtete Lebenshaltung dienen darf. Freiheit verpflichtet im besten Sinne des Wortes.

«Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht. Stehet nun fest in ihr…»
Gal 5,1

«Ihr wurdet doch zur Freiheit berufen, Brüder; nur lasst die Freiheit nicht zu einem Anlass für das Fleisch werden, sondern sklavet einander durch die Liebe.»
Gal 5,13

«Denn alles ist euer: sei es Paulus oder Apollos, sei es Kephas oder die Welt, sei es Leben oder Tod, sei es Gegenwärtiges oder Zukünftiges. Alles ist euer, ihr aber gehört Christus an und Christus Gott.»
1Kor 3,22-23

«Alles ist mir erlaubt, doch nicht alles fördert mich! Alles ist mir erlaubt, doch ich werde mich durch nichts unter deren Vollmacht stellen lassen.»
1Kor 6,12

«Alles ist mir erlaubt, jedoch nicht alles ist förderlich. Alles ist mir erlaubt, jedoch nicht alles baut auf.»
1Kor 10,23

Die Freiheit ist ein Geschenk. Sie ist auch Ausdruck einer neuen Realität. Darin ist zwar alles erlaubt, aber nicht alles baut auf. Wir werden zu einer differenzierten und aktiven Lebenseinstellung aufgefordert. Wir sind eine neue Schöpfung (2Kor 5,17). Das will gelebt werden. Das will mit einer entsprechenden Lebenshaltung gefeiert werden. Alles ist euer, sagt Paulus, ihr aber gehört Christus an und Christus Gott (1Kor 3,22-23).

Gnade erzieht

«Denn erschienen ist die Gnade Gottes… sie erzieht uns…»
Tit 2,12

Zuerst ist die Gnade. Daraus folgt die Freiheit. Natürlich kann die überfliessende Gnade Gottes als Freibrief missverstanden werden. Freiheit wird immer wieder missverstanden. Das soll aber nicht als Anlass genommen werden, Freiheit als gefährlich einzustufen, oder gar die Freiheit einzuschränken. Paulus gibt im Kolosserbrief an, dass Gnade Gottes «in Wahrheit erkannt» werden soll (Kol 1,6). Denn 100% Gnade stellt das Leben auf den Kopf. Gnade macht frei. Weil Gnade wirklich frei macht, kann es noch viel mehr. Gottes Gnade macht etwas mit uns. Gnade ändert uns und lehrt uns. Gottes Gnade, die zur Freiheit führt, kann viel mehr bewirken als jede Einschränkung, die von Menschen aufgebaut wird.

Manchmal wird behauptet, Gnade macht einfach faul, weil es sich 100% auf Gottes Wirken abstützt. Dann müsse man ja selbst nichts mehr machen (so äussert sich die Eigengerechtigkeit). Dann aber kennen wir weder Gott noch Seine Gnade. Hier lesen wir, was Gnade bei Paulus bewirkt hat:

«In der Gnade Gottes aber bin ich, was ich bin; und Seine Gnade, die in mir wirkt, ist nicht vergeblich gewesen; sondern weit mehr als sie alle mühe ich mich, jedoch nicht ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist. Sei es nun ich oder jene, so herolden wir, und so seid ihr zum Glauben gekommen»
1Kor 15,10-11

«Weit mehr als sie alle mühe ich mich…» Gnade ist keine Anleitung zur Faulheit. Aus Gnade hat Paulus mehr gearbeitet als alle andere.

Zwei weitere Dinge nennt der Apostel in diesem Abschnitt, die eine nähere Betrachtung wert sind. Es sind die Wörter «nicht vergeblich» und «so herolden wir». Zuerst sagt er, dass «Seine Gnade, die in mir wirkt, nicht vergeblich gewesen ist». Bei Paulus hat sich Gottes Gnade ausgewirkt. Gottes Gnade war nicht vergeblich bei Paulus. Das Geschenk wurde nicht nur dankend angenommen, sondern auch täglich genutzt. Das ist ein konkreter Hinweis darauf, wie auch wir selbst darauf achten können, dass Seine Gnade in uns nicht vergeblich sein sollte. Lassen wir Raum dazu, dass Gott in und durch uns wirken kann.

Dann erwähnt Paulus auch, dass dies wesentlich zu seiner Verkündigung gehört: «Sei es nun ich oder jene, so herolden wir, und so seid ihr zum Glauben gekommen». Die Aussage betrifft den ganzen Abschnitt 1Kor 15,1-11. Darin geht es aber ausdrücklich auch um die Gnade, die in Paulus selbst gewirkt hat, wie wir es gerade gelesen haben. Gnade erzieht, und Paulus selbst ist ein gutes Beispiel dafür, was Gnade in jemand bewirken kann. An Timotheus schreibt er:

«Glaubwürdig ist das Wort und jeden Willkommens wert, dass Cristus Jesus in die Welt kam, um Sünder zu retten, von denen ich der erste bin. Jedoch, ebendeshalb erlangte ich Erbarmen, auf dass Jesus Christus an mir, als erstem, sämtliche Geduld zur Schau stelle, denen als Muster, die künftig an Ihn glauben, zu äonischem Leben»
1Tim 1,15-16

Abschied von Gesetzlosigkeit und Gesetzlichkeit

Freiheit fordert heraus. Gnade fordert heraus. Beide sind aber wichtige Pfeiler des Evangeliums. Der Umgang damit will gelernt sein, und es soll ein erklärtes Ziel in jeder Gemeinde und Gemeinschaft sein, jeden auf seinem ganz eigenen Weg darin zu fördern.Wenn Paulus über Freiheit schreibt, dann oft deshalb, weil es Menschen gibt («falsche Brüder»), die die Freiheit einschränken wollen. Damals geschah das häufig durch solche, die das mosaische Gesetz (wieder) einführen möchten. Heute werden oft ganz andere Regeln und Erwartungen aufgestellt, die für die Gemeinschaft bindend sind. Diese lenken aber alle von der Freiheit in Christus Jesu und von der Wahrheit des Evangeliums ab.

«Was aber den eingeschmuggelten falschen Brüder berifft ( die nebenbei hereingekommen waren, um unsere Freiheit, die wir in Christus Jesus haben, auszukundeschaften, um uns völlig [unter dem Gesetz zu] versklaven), so haben wir ihnen nicht einmal für eine Stunde auch nur scheinbar durch Unterordnung nachgegeben, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch fortbestehe.»
Gal 2,4-5

Wir lesen hier, wie wichtig es für Paulus war, die Gemeinden in Galatien (Gal 1,1) klar auf Christus auszurichten. Auch wenn es mit sovielen Worten nicht gesagt wird, aber Freiheit finden wir nur durch eine klare Ausrichtung. Es ist «unsere Freiheit, die wir in Christus Jesus haben». Freiheit steht also immer in Abhängigkeit von Ihm und betrifft den Dingen, die Er bewirkt hat. Dies kann unser Leben radikal und ganz praktisch verändern. Weder Gesetzlosigkeit noch Gesetzlichkeit bringen uns weiter, sondern nur die Bindung an Christus Jesus. Er versetzt uns in Gottes Realität (vgl. 2Kor 5,18-21). Er hat alles «vollbracht» (Joh 19,30) und dadurch eine neue Realität erschaffen.

Die Herausforderung wird durch ein gesundes geistliches Wachstum gemeistert. Es geht darum, im Glauben erwachsen zu werden. Dieser Prozess hat viel mit Differenzierung zu tun. Erst der differenzierte Umgang mit Gnade und Freiheit lässt sie nutzbar werden in unserem Leben. Differenziert bedeutet hier nicht, dass die Gesetzlichkeit durch die Hintertür wieder eingeschleust wird, sondern dass der Umgang mit Gottes Gnade und der Freiheit des Christus als Startpunkt für geistliches Wachstum genutzt werden und jeden weiteren Schritt daran gemessen wird.

Paulus beschreibt das so:

«Derselbe [Christus] gibt die einen als Apostel, die anderen als Propheten, wieder andere als Evangelisten oder als Hirten und Lehrer –

  • zur Anpassung der Heiligen an das Werk des Dienstes,
  • zur Auferbauung der Körperschaft Christi,
  • bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen,
  • zum gereiften Mann, zum Mass des Vollwuchses der Vervollständigung des Christus,
  • damit wir nicht mehr Unmündige seien, von jedem Wind der Lehre wie von brandenden Wogen hin und her geworfen und umhergetragen durch die Unberechenbarkeit der Menschen, durch die List, die darauf ausgeht, den Irrtum planmässig zu verbreiten.»

Dann fasst der Apostel dies alles zusammen:

«Wenn wir aber wahr sind, sollten wir in Liebe alles zum Wachsen bringen, hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus…»

Eph 4,11-16

 Das ist der Abschied von Gesetzlosigkeit und Gesetzlichkeit, weil es mit etwas viel Besserem ersetzt wird.

Die Angst vor der Freiheit

Es besteht viel Angst vor Freiheit und Gnade. Wenn Paulus schreibt «alles ist erlaubt», dann habe ich immer wieder erlebt, wie diese Worte Bestürzung auslösen, auch wenn der Satz nahtlos weitergeht mit «aber nicht alles baut auf» (1Kor 6,23 1Kor 10,23). Paulus differenziert scheinbar besser als andere und lässt sich dadurch nicht daran hindern 100% Gnade und 100% Freiheit in Christus zu proklamieren. Wer wirklich frei ist, hat keine Vermeidungsstrategie, sondern eine klare und positive Lebensausrichtung. Wer wirklich frei ist, kann in sich selbst ruhen, weil er in Christus zur Ruhe gekommen ist, und in Christus kann er ruhen, weil er weiss, dass Gott in Christus zur Ruhe gekommen ist.

«Denn alles ist euer: sei es Paulus oder Apollos, sei es Kephas oder die Welt, sei es Leben oder Tod, sei es Gegenwärtiges oder Zukünftiges. Alles ist euer, ihr aber gehört Christus an und Christus Gott.»
1Kor 3,22-23

So positiv und klar wie Paulus sieht es nicht jeder. Angst vor 100% Gnade und Freiheit ist zäh. Nicht jeder kann damit umgehen, und manchmal, so scheint es mir, wird Freiheit den Gläubigen nicht zugemutet. Nicht jede Gemeinschaft fühlt sich wohl mit kritischen Fragen. Gesund wäre es aber, wenn wir realisieren, dass in jeder Gemeinschaft ganz verschiedene Bedürfnisse und Möglichkeiten bestehen. Freiheit wird bei einigen immer Angst auslösen. Das muss aber nicht dazu führen, dass anderen der Freiheit verwehrt bleibt. Diese Unterschiedlichkeit zu verstehen und trotzdem Menschen gezielt freizusetzen und in eine echte Freiheit einzuführen ist die Aufgabe jeder gesunden Gemeinschaft.

Freiheit kann falsch verstanden werden. Freiheit kann auch missbraucht werden (vgl. Röm 3,8). Das soll aber keinen Rückzug von der Freiheit auslösen. Im Gegenteil – es wäre ein guter Indikator dafür, dass es dringend weitergehen sollte. Es geht hier um das Prinzip. Es ist gesund, wenn Kinder auch erwachsen werden. Es ist gesund, wenn Eltern vorangehen, den Weg zeigen, ihre Kinder in die Freiheit und Unabhängigkeit hineinführen. Ein solches Bild vor Augen zu haben ist das Vorrecht lebendiger Gemeinschaft. Stattdessen habe ich immer wieder erlebt, dass Gemeinschaften sich dagegen wehren. Stabilität, so meint man, erreicht man durch das erstellen von «Leitplanken». Diese Leitplanken in Form von Gesetzen, Richtlinien oder Wertebildung wollen eine äussere Stabilität der Gemeinschaft herstellen, sie lenken aber von einer echten Freiheit in und durch Christus ab. Worauf Paulus hinweist, ist eine innere Stabilität, indem der Mensch in Christus gegründet wird. Der Weg ist ein völlig anderer. Das Resultat wird auch ein anderes sein.

Verhinderungsstrategien für ein gesundes Wachstum im Glauben:

  • Betonung auf das Verhalten, statt auf die innere Glaubensrichtung
  • Betonung auf Gesetze, Regeln, Werte, statt auf die Gnade Gottes in Christus Jesus
  • Vermeiden von biblischer Lehre (Vermeidung einer Lernkultur, dadurch Verhinderung gesunder Differenzierung)
  • Dogmatisch geprägte Lehrmeinungen, die nicht hinterfragt werden dürfen
  • Einseitige Ausprägung (nur Lehre, nur Evangelisation, nur Seelsorge, usw.)
  • Totschweigen oder Verketzerung anderer Sichtweisen
  • Zentralisierung der Lehraussagen (Abhängigkeit von Lehre und Lehrern)
  • Ideologische Prägung
  • Schwarzweiss-Denken (Ausgrenzung, Abgrenzung)[/notification]

Dies sind Merkmale gesunder Ausprägung:

  • Alles ist aus Gott, alles ist durch Christus (christozentrisches Denken, vgl. 1Kor 8,6)
  • Gnade zentral
  • Gottes Wort zentral
  • Förderung einer Lernkultur (nicht: dogmatische Lehrkultur)
  • Förderung diffenzierter Sichtweisen (damit: Wachstum im Glauben)
  • Förderung einer vielseitigen Gemeinschaft (durch: vielseitige Ausprägung mit allen Gaben aus Eph 4,11-12)
  • Förderung eines Wachstums hin zu Christus (vgl. Eph 4,15-16)
  • Offenheit für Dienst, Menschen aller Herkunft
  • Die Einheit in Christus wird erkannt und bewahrt (Eph 4,3-7)[/notification]

Ausblick der Freiheit

Es geht noch einen Schritt weiter. Was heute an Freiheit gewonnen wird, an wirklicher Freiheit, ist auch ein Abbild für Gottes Handeln in und mit der Schöpfung. Paulus schreibt im Römerbrief:

«Denn ich rechne damit, dass die Leiden der jetzigen Frist nicht wert sind der Herrlichkeit, ie im Begriff steht, in uns enthüllt zu werden.
Denn die Vorahnung der Schöpfung wartet auf die Enthüllung der Söhne Gottes. Denn die Schöpfung wurde der Eitelkeit untergeordnet (nicht freiwillig, sondern um des Unterordners willen) in der Erwartung, dass auch die Schöpfung selbst befreit werden wird von der Sklaverei der Vergänglichkeit zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis nun mit uns ächzt und Wehen leidet.
Aber nicht sie allein, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst ächzen in uns, den Sohnesstand erwartend, die Freilösung unseres Körpers. Denn auf diese Erwartung hin wurden wir gerettet.»
Röm 8,18-24

Die Schöpfung hat eine Vorahnung und wartet auf die Bekanntwerdung der Söhne Gottes. Es gibt eine Erwartung, schreibt Paulus, dass auch die Schöpfung selbst befreit werden wird zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Das hat mit Gottes Ziel zu tun, welches Er in der Schöpfung anstrebt. Die Schöpfung selbst soll frei werden, wie es die Kinder Gottes sind. Das ist ein Ausblick der Freiheit, über die nur selten gesprochen wird. Das dies kaum ein Thema in der Verkündigung ist verwundert allerdings nicht, wenn die Kinder Gottes selbst nicht in die Freiheit eingeführt werden. Lernen wir aber die Freiheit in Christus kennen – so wie wir auf Gottes Gnade vertrauen lernen, öffnet das auch unser Verständnis für Gottes Wege in einem viel grösseren Rahmen. Wer sich seine eigene Freiheit in Christus nicht bewusst ist, kann sich auch keine Freiheit für die Schöpfung vorstellen. Diese Dinge hängen zusammen. Erst die Verkündigung der Gnade Gottes und der Freiheit in Christus Jesus, wie Paulus beharrlich und mit Nachdruck immer wieder darüber spricht, bahnt den Weg zu einem befreiten Blick auf Gottes Wirken.