Was passiert, wenn man in der eigenen Glaubensgemeinschaft nicht verstanden wird? Das fällt meist nicht auf, bis man hinterfragt, was in der Gemeinschaft stillschweigend vorausgesetzt wird. Dann kann es zu Spannungen kommen. Was andere als selbstverständlich voraussetzen, gehört zur (gemeinsamen) Identität. Wer das hinterfragt, erscheint schnell als bedrohlich und suspekt. Was geht hier vor sich?
Wiederholt habe ich mit Menschen gesprochen, die innerhalb ihrer Umgebung keine Gesprächspartner fanden. Sie standen allein und wünschten sich mehr Kontakt. Ein solcher Wunsch kommt meist in diesen Varianten:
- Man wünscht Kontakt mit anderen Gläubigen, die ihre Fragen ernstnehmen.
- Man wünscht Kontakt mit Gleichgesinnten.
Beides erscheint sinnvoll. Die Situation ist anspruchsvoll. Tauchen wir etwas in die Herausforderungen ein, denn dadurch gewinnt man auch Einblick in Anforderungen für eine bessere Glaubensgemeinschaft. Besser als was? Besser als die Erfahrungen, die diese Menschen beschreiben.
Die Ausgangslage
Wer glaubt, steht häufig in einer Glaubensgemeinschaft. Das kann eine Kirche sein, eine freie Gemeinde, eine Hausgemeinde, oder eine Bibelgruppe, oder Ähnliches. Gemeinschaft ist wichtig. Jede Gemeinschaft kommt jedoch mit einer eigenen Prägung. Diese entscheidet darüber, ob und wie Menschen mit Fragen einen Platz haben.
In der Regel ist es so, dass sich Glaubensgemeinschaften durch ihre Vorstellungen und ihre Kultur von anderen Gruppen unterscheiden. Man erwartet, zumindest im Bekenntnis (!), von jedem in der Gemeinschaft eine ähnliche Grundlage (!). Eine solche Gleichschaltung ist sowohl verständlich als auch verstörend.
Konkrete Beispiele:
- Wer Pastor oder Pfarrer einer bestimmten Denomination werden möchte, sollte die Glaubensbekenntnisse dieser Gruppe unterschreiben.
- Statuten für eine mir bekannte Baptistengemeinde hielten fest, dass Mitglieder getauft sein müssten. Damit meinte man dann „Taufen durch Untertauchen und als Erwachsener“.
- Wenn ein Paar zusammenwohnt, ohne verheiratet zu sein, ist das in vielen Gemeinschaften direkt verpönt, weil es nach ihrer Ansicht «nicht biblisch ist». Ich habe gesehen, wie solche Situationen dazu führen, dass Menschen zu Christen zweiter Klasse degradiert werden und keine öffentliche Rolle in der Gemeinschaft mehr erfüllen dürfen.
- Wer die Lehre in der Gemeinschaft hinterfragt, etwa die Hölle in der Bibel nicht zurückfindet, dem wird nicht nur widersprochen, sondern vielleicht wird ihm sogar der Glaube abgesprochen oder er wird gar von dämonischen Einflüssen bezichtigt. Hilflose Antworten, die lediglich dazu dienen, von der eigenen Inkompetenz abzulenken.
Leider habe ich all diese Reaktionen schon mal erlebt oder sie aus nächster Nähe bei anderen betrachtet. Man steht also in einer Gruppe mit bestimmten Ideen, und dann kommen eines Tages ehrliche Fragen auf, oder eine Herausforderung im Alltag, worauf die Gemeinschaft nicht vorbereitet zu sein scheint. Man stellt Fragen, die nicht ins Konzept passen. Die Gemeinschaft reagiert häufig nicht verständnisvoll, sondern direkt ablehnend. Diese Reaktion ist umso stärker, als die Ideen der Gemeinschaft als absolute Wahrheit vertreten werden.
- Selbstverständlich verstehe ich, dass es heikle oder schwierige, gar unbekannte Situationen geben kann, die die Gemeinschaft herausfordert.
- Sich abzugrenzen kann durchaus nötig sein. Die Fragen sind jedoch: Wann und wieso?
- Erlaubt oder verhindert die Gemeinschaft Wachstum? Wie unterstützt man Fragende?
- Nicht jede Frage ist ehrlich. Manche versuchen nur, andere für sich zu gewinnen oder anderweitig die Ordnung zu verstören. Für Selbstgerechte und Narzissten sollte man keine Bühne bieten. Abgrenzung ist dort sinnvoll. Nicht jede Frage gehört jedoch in diese Kategorie.
Die Bedrohung
Weshalb sind Menschen mit Fragen bedrohlich? Dafür gibt es verschiedene Gründe. Man muss jedoch auch danach fragen, für wen und weshalb etwas bedrohlich ist.
In rigiden Gemeinschaftsformen benötigt es unglaublich viel Mut, sich selbstständig auseinandersetzen zu wollen. Viele spüren aus Erfahrung, dass ihre Fragen wohl kaum gut aufgenommen werden. Trotzdem waren viele, mit denen ich im Gespräch war, von der Heftigkeit der Ablehnung überrascht. Freunde und gar Familie wandten sich von ihnen ab. Die Ablehnung der Gemeindeleitung war ihnen sicher. Sie hatten es gewagt, anders zu denken. Welche Unverfrorenheit!
Menschen werden ungern beim Denken gestört.
- Eine Gemeindeleitung kann sich bedroht fühlen
- Gemeindemitglieder können jede Änderung ablehnen, wenn die Art der Gemeinschaft als Sicherheit und deren Ansichten als absolute Wahrheit verkauft werden
- Freunde und Familie fühlen sich vielleicht eher der Gemeinschaft verpflichtet.
Alle diese Punkte drehen sich um Angst. Es sind angstgetriebene Glaubensvorstellungen. Angst ist jedoch ein schlechter Ratgeber, wenn man Gemeinschaft bilden oder ein Erwachsenwerden fördern möchte.
Du kannst nirgendwo hin
Wer solche Erfahrungen macht, wie ich sie hier oben gerade beschrieben habe, steht an einer schwierigen Position. Man hat nur zwei Möglichkeiten: Entweder sich selbst und den eigenen Fragen verleugnen, oder sich der Gemeinschaft unterzuordnen.
Was immer der Fragende wählt, hat schwerwiegende Konsequenzen. Es gibt keine einfache Wahl, und das liegt nicht an den Fragen (was immer die sein mögen), sondern an der Reaktion der Gemeinschaft. Wenn die Gemeinschaft nur sich selbst nach aussen schützen möchte, sich gegen Änderungen und ernsthafte Fragen wehrt, stellt sie dem Fragenden zwei schlechte Wahlmöglichkeiten: Ausscheiden oder Einordnen.
Neuausrichtung
Plötzlich kann man allein dastehen. Zuerst kamen die eigenen Fragen, dann folgte die Ablehnung durch die Gemeinschaft. Die krasseste Ablehnung ist die Verketzerung. Das ist die ultimative und überhebliche Art, mitzuteilen, dass man sich nicht auseinandersetzen will. Man passt nicht in das verinnerlichte Konzept der anderen und wird ausgeschlossen, gemieden, verketzert.
Die Fragen haben sich vielleicht noch nicht gelöst, aber die Umgebung hat bereits reagiert und ist auf Distanz gegangen. Dann hat man plötzlich zwei Bürden, statt nur eine: Man hat einerseits die eigenen Fragen und andererseits die Abweisung durch die Gemeinschaft. So stehen viele Menschen allein, obwohl sie das nicht gewählt haben.
Ein Beispiel dazu: Als Luther mit Zweifeln und vielen Fragen in der Kirche stand, war sein erstes Anliegen, diese Kirche von innen her zu erneuern. Mit seinen Thesen wollte er ein Streitgespräch innerhalb der Kirche anregen, um den wahrgenommenen Missbrauch zu stoppen und Missverständnisse unter den Menschen zu korrigieren. Das wurde nicht geschätzt. Die dann folgende Reformation war einerseits unausweichlich, aber sie war auch eine Reaktion auf die Ablehnung seiner angestammten Kirche. Nicht nur der Ablasshandel, sondern auch Papstkritik war ein Problem. Es dauerte ein paar Jahre, aber Luther wurde schlussendlich verketzert, d. h. als Häretiker bestimmt und 1521 von der Kirche ausgeschlossen.
Ähnliches passiert mit Menschen, die heute Fragen stellen. Es besteht selbstverständlich keine Brisanz wie bei Luther, aber die Mechanismen sind ähnlich. Dabei geht es erneut um Fragen zur Bibel, aber auch um eine christliche Kultur, die sich nach innen kehrt und sich gegen Änderung und für den Erhalt von Machtstrukturen schützen möchte. Wer Zweifel oder Kritik äussert, verliert in den religiösen Systemen.
Eine Neuausrichtung ist möglich, vielleicht sogar unausweichlich, aber sie kommt zu einem Preis. Wenn dieser Preis bewusst wird, muss man eine Wahl machen. Es kann ein Abwägen von Vor- und Nachteilen sein.
- Man kann etwa für die eigene Integrität wählen und aussteigen. So habe ich das gemacht. Man nimmt die Ablehnung in Kauf.
- Andere dagegen gliedern sich wieder ein und stellen ihre persönlichen Fragen zurück. Man möchte die Kontakte mit Freunden und Familie nicht verlieren und schätzt diese Beziehungen als wichtiger ein. Die eigenen Fragen werden zurückgestellt.
Beide Reaktionen sind legitim. Die Haltung der Gemeinschaft bleibt jedoch unverändert. Dort liegt das eigentliche Problem. Eine Beobachtung dabei ist, dass viele christliche Gemeinschaften, die sich von anderen Ideen abgrenzen, dies überwiegend durch ihre Theologie begründet sehen. Dabei kann man meist nicht unterscheiden, was tatsächlich wo, wie und weshalb in der Bibel steht und was aus einer bestimmten Tradition stammt.
Es liegt deshalb vor der Hand, dass eine Neuausrichtung im Denken diese Theologie hinterfragen muss. Das ist nicht einfach, weil die Ideen, die vermeintlich in der Bibel stehen, fest mit einer bestimmten christlichen Subkultur verbunden sind. Es betrifft demnach keine einzelnen Fragen, sondern es betrifft ein Gesamtverständnis, das durch unzählige Verknüpfungen zu einer Festung wurde. Paulus hatte bereits mit solchen gedanklichen Festungen zu tun (2Kor 10,4).
Deine persönliche Geschichte
Niemand kann für Dich glauben, weder der Pastor, noch Dein Lebensgeselle noch die Gemeinschaft. Jeder steht mit seinem Glauben allein vor Gott (Röm 14,22). Die Eigenverantwortung zu übernehmen ist gesund und nötig. Das heisst manchmal auch, dass man sich abgrenzen lernt. Religiöser Missbrauch ist ein Ding. In den USA ist das bereits länger ein Thema. Das sogenannte Religious Trauma Syndrom (RTS) wird als eine posttraumatische Stressreaktion (PTSD) gewertet. In verschiedenen europäischen Ländern folgt zögerlich eine ähnliche Beurteilung.
Viele Menschen sind bereits mit einer Form des Missbrauchs bekannt. Das ist der sexuelle Missbrauch. Das ist jedoch nicht das einzige Problem. Missbrauch kennt viele Formen. Religiöser Missbrauch ist keine bestimmte Form. Der Ausdruck beschreibt jedoch Missbrauch, der in einem religiösen Kontext entsteht. Das kann in jeder Gemeinschaftsform und deshalb in jeder Religion passieren. Manche Gemeinschaftsformen sind dafür empfindlicher als andere. Es kann in emotionalem Missbrauch münden, oder in sektiererischen Strukturen ihren Ausdruck finden. Menschen werden dann in ihren Entscheidungen manipuliert.
Deutscher Text:
Deine persönliche Geschichte verdient es, gehört zu werden. Religiöse Gemeinschaften sollen dabei helfen, dass Du Dich sowohl als Mensch als auch in Deinen Glaubensvorstellungen entwickelst. Fragen sind dabei essenziell. Wenn Fragen nicht erwünscht sind, Einordnung und Unterordnung verlangt werden, dann stimmt etwas nicht. Das ist nicht normal und nicht gesund. Rigide Glaubensgemeinschaften dagegen stufen solche Manipulation als normal ein.

