Je länger man lebt, desto mehr muss man loslassen. Das ist eine wertvolle Lektion.

Zwischen Festhalten und Loslassen liegen Welten. Verständlich, wenn man das Gute im Leben festhalten will, das Leben selbst umarmen will. Wer möchte schon das Gute loslassen (Mt 17,4)? Das ist die eine Seite. Die Realität ist jedoch leicht anders: Wir können nichts festhalten. Festhalten können wäre eine feine Sache, aber in der Realität gelingt das nicht.

Wir können die Kindheit nicht festhalten, weil wir älter werden. Wir können das Leben nicht festhalten, weil wir einmal sterben. Die meisten Menschen erleben schwierige Dinge. Wir möchten zwar das Gute festhalten, aber können es in der Praxis nicht. Das ist weder dramatisch noch vermeidbar. Es geht um unvermeidbare Dinge und trotzdem geht es nicht um Fatalismus.

Wie wir Dinge loslassen und mit welcher Absicht, das kann unser Leben und damit unser Wohlbefinden prägen. Nicht alles sicher in Händen zu haben ist vielleicht beängstigend, aber loslassen zu können, aus den richtigen Gründen, kann auch eine Bereicherung sein. Vielleicht geht ein solches Loslassen nicht ohne Trauern, nicht ohne Tränen, nicht ohne ein Gefühl von Verlust. Die Kunst des Loslassens ist jedoch eine Kunst, die man lernen kann. Sehen wir einmal die unvermeidlichen Konsequenzen von Dingen, die in unserem Leben passieren, kann man sich der Veränderung bewusst stellen.

Sicherheit

Menschen haben ein unterschiedliches Sicherheitsbedürfnis. Manche benötigen viel Sicherheit, wie einen sicheren Job, ein sicheres Einkommen, einen sicheren Status in der Gesellschaft, eine vorteilhafte Position in der Kirche, einen makellosen Leumund, eine niet-und-nagelfeste-Theologie und einen Glauben, der «richtig» ist.

Andere Menschen benötigen keine solche Sicherheit. Man hat vielleicht gelernt, genügsam zu sein, wie Paulus (Phil 4,11). Das Sicherheitsbedürfnis hat sich der Realität angepasst oder war nie sehr ausgeprägt. Unterschiedliche Wahrnehmungen dieser Welt sind real. Und nicht zuletzt gilt zur Entspannung auch, dass niemand damit gedient ist, eine Scheinheiligkeit aufrechtzuerhalten. Wer sich selbst falsch einschätzt, dem ist mit einer Korrektur gedient. Das befreit und setzt Energie für eine bessere Zukunft frei. (Vergleichbar mit dem Spruch: «Ist der Ruf erst einmal ruiniert, lebt es sich nachher ungeniert.»)

Es gibt einen Unterschied zwischen krampfhafter Anstrengung, Dinge festzuhalten, und einem Sicherheitsbedürfnis, das diese Sicherheit nicht in der eigenen Anstrengung sieht. Über das Letzte reden wir hier.

Rechtgläubigkeit als falsche Sicherheit

Religiöses Verhalten brüstet sich in vermeintlichem Wissen über das, was richtig ist. Fast abgöttisch definiert man «schwarz gegenüber weiss», erkennt «richtige Lehre gegenüber falscher Lehre» und scheut sich nicht, Menschen zu erzählen, was annehmbar ist und was nicht. Solche moralisierenden Vorstellungen sind weit verbreitet. Es ist das, was Religion hervorbringt. Gesetzliche Vorstellungen sind massentauglich und begründen nicht selten Machtstrukturen. Rigide Glaubens- und Lebensvorstellungen sind das Resultat.

Dieses Denken gedeiht in Gemeinschaften, die auf Gleichschaltung der Lehre pochen anstatt auf einer lebendigen Auseinandersetzung mit Leben und Glauben. Rechtgläubigkeit in Gemeinschaften führt zu sektiererischem Denken und dazu, Leute auszuschliessen, die sich trauen, ernsthafte Fragen zu stellen.

Die Absicht hinter diesem Verhalten kann natürlich von Machterhalt geprägt sein. Es kann aber auch eine falsch verstandene Sicherheit meinen. Dann wäre es die Annahme, dass nur der Erhalt der vermeintlich richtigen Lehre in die Zukunft führt und eine kritische und selbstkritische Auseinandersetzung bloss davon ablenkt.

Das Problem mit dieser Art von Denken ist nicht nur die selbstgerechte und oft überhebliche Art anderen gegenüber, sondern auch die grundsätzliche Annahme, dass alles vom Menschen abhängt. Diese Art von Denken ist anthropozentrisch.

Frohe Botschaft

Evangelium, oder «Wohlbotschaft», oft auch mit «frohe Botschaft» übersetzt, spricht anders. In der frohen Botschaft der Gnade Gottes geht es nicht um mich oder dich, sondern um Gott selbst. Froh an der Botschaft ist, dass Gott etwas gemacht hat und machen wird. Das ist froh machend, weil es gerade nicht von mir selbst abhängig ist.

Wer also Sicherheit aus eigener Anstrengung sucht, ist mit dem Evangelium schlecht bedient. Gnade ist das Ende aller Selbstgerechtigkeit und Rechtgläubigkeit, zugunsten eines Vertrauens auf Gott selbst. Eine frohe Botschaft will für dich und mich gut sein, aber legt keine Lasten auf. Die frohe Botschaft der Gnade Gottes befreit dich geradezu von Anforderungen.

Hier ist die wirkliche Gegenüberstellung von Frohbotschaft und Drohbotschaft: Hölle-Predigten sind eine Drohbotschaft, die von der Bibel nicht unterstützt wird. Das wurde auf dieser Website bis ins Detail bereits untersucht. Gnade dagegen ist eine Frohbotschaft, die von selbstgerechter Anstrengung befreit und auf Gottes Wirken zur Rettung vertraut. Bei einer Hölle-Botschaft muss der Mensch durch seinen Glauben sich selbst retten, während Paulus erklärt, dass Gott ein Retter aller Menschen ist, allermeist – aber nicht ausschliesslich – der Gläubigen (1Tim 4,9-11). «Befehl und lehre dies» fügt der Apostel hinzu.

Eine frohe Botschaft ist, wenn nicht mehr alles von mir abhängig ist. Das befreit. Menschen danken Gott und es entsteht Glaube und Vertrauen auf diesen Gott. Wer jedoch alles vom Menschen abhängig macht, wie es viele Lehren tun, wird zwangsläufig vom unvollkommenen Menschen enttäuscht werden. Daraus entstehen Unglaube und Selbstgerechtigkeit.

Loslassen

Wer aus Gnade lebt, kann loslassen. Der muss nicht recht haben, pocht nicht auf seine Erkenntnis und will andere nicht verketzern, ausschliessen. Wer aus Gnade lebt, der lebt inklusiv, nicht exklusiv.

Wer aus Gnade lebt, der lebt inklusiv, nicht exklusiv.

Es gibt keine menschlichen Vorteile, wenn ich aus Gnade lebe. Deshalb ist Gnade nicht attraktiv für selbstgerechte Lebensentwürfe. Gottes Gnade zu bejahen und anzunehmen ist das Ende menschlicher Selbstgerechtigkeit. Es ist der Abschied von Besserwisserei, von überheblichen Verketzerungen anderer. Wer aus Gnade lebt, weiss um die unverdiente Gunst Gottes und wird diese auch anderen Menschen einräumen.

Wer aus Gnade lebt, kann in Christus ruhen, wie es Paulus etwa schreibt:

«Mich selbst kümmert es nicht im Geringsten, dass ich von euch ausgeforscht werde oder vom Menschentag. Auch erforsche ich mich selbst nicht, weil ich mir keiner (Schuld) bewusst bin; jedoch bin ich dadurch nicht gerechtfertigt. Der mich aber erforscht, ist der Herr!»
1Kor 4,3-4

Paulus muss sich selbst nicht mehr rechtfertigen. Er predigt Gnade. Daraus lebt er. Weil er aus Gnade lebt, vertraut er Gottes Leistung mehr als seine eigene Leistung. Er muss niemandem etwas vormachen und Beschuldigungen an seine Adresse treffen ihn nicht. Er hat seinen Glauben vor Gott (Röm 14,22). Er muss nichts beweisen. Er bezeugt Gnade und lebt Gnade aus.

Paulus hat gelernt, loszulassen, indem Er auf seinen Gott vertraut. Rechtgläubigkeit dagegen vertraut nicht auf Gott, sondern ist anderen und manchmal auch sich selbst gegenüber gnadenlos. Selbstgerechte bedürfen keiner Gnade.

Die Kunst des Loslassens wird dort praktiziert, wo man alles Gott überlässt. Lebe ich aus Gnade, kann ich alles Ihm überlassen. Das befreit mein Leben von einer gewaltigen Last. Dabei kann man der eigenen Angst stattgeben, aber einem weitaus grösseren Gott trotzdem vertrauen. Ausdruck eines solchen Vertrauens höre ich etwa in der Aussage: «Man kann nie tiefer als in Gottes Hände fallen». Auch kann man der eigenen Unsicherheit durch eine bewusste Ausrichtung auf Gottes Gnade begegnen. Bekannt ist der Spruch: «Danken schützt vor Wanken». Darin ist Lebens- und Glaubensweisheit enthalten. Nicht «mein Denken» schützt, sondern «mein Danken». Dankbarkeit gegenüber der Gnade Gottes im Hier und Jetzt.

Kunst des Loslassens

Loslassen ist eine Kunst. Sie kommt nicht natürlich zum Zug, sondern will geübt sein. Die Kunst des Loslassens entsteht, wenn man das Loslassen zulässt. Man kann loslassen, indem man Gott vertraut. Mehr Gottvertrauen gestattet, mehr loszulassen.

Die Kunst des Loslassens kann das Leben und den Glauben prägen. Wer loslässt, erlaubt nämlich einen grösseren Lebensraum. Wer aus Angst geprägter religiösen Vorstellungen lebt, besteht oft darauf, bestimmte Meinungen, Lehren, Dinge festzuhalten. Das ist der Gegensatz von Loslassen. Weil wir jedoch wenig gleichzeitig festhalten können, ist der Lebens- und Glaubensraum begrenzt.

Lernen wir dagegen, auf Gott zu vertrauen, aus Gnade zu leben, wird Rigidität durch Lebensfreude ersetzt. Das kann zuerst beängstigend sein, weil die Welt viel grösser erscheint als zunächst angenommen. Loslassen macht jedoch die Welt grösser und es ist sicherer, sich in dieser grösseren Welt zu bewegen. Es ist sicherer, weil ich in dieser grösseren Welt meinem Gott vertraue.

Gnade ebnet deswegen den Weg in ein befreites Leben und in eine Wertschätzung dieser Welt als Gottes Welt. Loslassen, ob bei Beziehungen, Arbeit, Gesundheit, alte Annahmen, führt hinüber in ein gelebtes Vertrauen auf Gottes Wirken.

Als Christ lebe ich in dieser Welt, nicht weil ich alles besser weiss, sondern weil ich im Gottvertrauen lebe. Dieses Gottvertrauen wird durch die Bibel ernährt und gefestigt. Die Gnade, welche ich daraus lerne, führt mich in die Freiheit hinaus. Die Zuversicht auf einen guten Ausgang dieser Weltgeschichte ermutigt mich, alles bewusst in Gottes Händen zu lassen. Er macht es wohl. Christus ist dazu der Schlüssel. Er ist der Sohn von Gottes Liebe, durch den Gott alles mit sich selbst aussöhnt (Kol 1,13-20). Darin sind auch wir aufgehoben und können von eigener Leistung getrost Abschied nehmen.

Warum Jesus?
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