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Der Mangel an Erkenntnis

Der Prophet Hosea schrieb einst über Israel: «Mein Volk kommt um aus Mangel an Erkenntnis» (Hos 4,6). Er beschreibt einen Zustand. Die Folgen waren verheerend:

«Hört das Wort des HERRN, ihr Söhne Israel! Denn der HERR hat einen Rechtsstreit mit den Bewohnern des Landes; denn keine Treue und keine Gnade und keine Erkenntnis Gottes ist im Land. Verfluchen und Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen haben sich ausgebreitet, und Bluttat reiht sich an Bluttat. Darum vertrocknet das Land und welkt jeder, der darin wohnt, samt den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels; selbst die Fische des Meeres werden dahingerafft. Jedoch niemand soll rechten oder jemanden zurechtweisen! Sondern mit dir führe ich den Rechtsstreit, Priester, so dass du stürzt am hellen Tag. Ja, auch der Prophet stürzt mit dir bei Nacht. Und ich lasse deine Mutter umkommen. Mein Volk kommt um aus Mangel an Erkenntnis. Weil du die Erkenntnis verworfen hast, so verwerfe ich dich, dass du mir nicht mehr als Priester dienst. Du hast das Gesetz deines Gottes vergessen, so vergesse auch ich deine Kinder.»
Hos 4,1-6

Wer diesen Abschnitt liest merkt schnell, dass die Erkenntnis keine Wissenanhäufung, sondern ein ganzheitliches Erkennen bedeutet, das sich im Leben auswirkt. Der Mangel an Erkenntnis führte zu «Verfluchen und Lügen, Morden, Stehlen und Ehebrechen», und «Bluttate» wurden verübt. Mit der richtigen Erkenntnis würden diese Dingen eben nicht geschehen, oder zumindest klar beurteilt werden. Das geschieht jedoch nicht. Es fehlt die Erkenntnis und deshalb fehlte auch das Handeln danach. Das ganze Land «vertrocknet» und es «welkt jeder, der darin wohnt». Das ganze Land geht ein – mitsamt den Einwohnern.

Hosea richtet sich konkret an die Priester und Propheten, die als geistliche Führer des Volkes selbst zuerst die Erkenntnis verworfen hatten. Bei ihnen fängt das Übel an. Die Priester hatten Ihre Funktion nicht wahrgenommen. Deshalb leidet das ganze Volk. Zu den Priestern sagt Hosea «Weil du die Erkenntnis verworfen hast, so verwerfe ich dich, dass du mir nicht mehr als Priester dienst. Du hast das Gesetz deines Gottes vergessen, so vergesse auch ich deine Kinder». Die Erkenntnis, welche die Priester hätten weitergeben sollen, haben sie vergessen. Es ging um das Gesetz, bzw. um das Wort Gottes, welches nicht mehr zur Geltung kam. Sie hatten den Kern verlassen.

Die Aushöhlung des geistlichen Lebens

Mir kommt es vor, dass es vielen Kirchen und Gemeinden heute ähnlich geht. Die Verkündigung und dem Aufbau mangelt es an Tiefe, der Gemeinde mangelt es an Erkenntnis und die Folgen sind verheerend. Erkenntnis entsteht durch das Wort Gottes. Eine Verwässerung der Verkündigung führt zu einem Mangel an Erkenntnis. Das geistliche Leben zerbricht an der Komplexität unserer Welt und die Gemeinde driftet als blosse Begegnungsstätte in eine soziale Sackgasse ab. Subkulturen sind das Resultat und eine Institutionalisierung schreitet auf Kosten einer geistigen Lebendigkeit voran.

Wo die geistliche Tiefe auf die Strecke bleibt, wird der Mangel selbstverständlich gespürt. Das äussert sich in Ersatzangeboten, als Alternative zu echter Geistlichkeit. Es gibt verschiedene Fehlentwicklungen, die sich gegenseitig verstärken können:

  • Eine Flucht in äussere Formen, Abläufe usw.
  • Eine Flucht in dogmatische, starre Vorgaben
  • Eine Flucht in Aktivitäten und Events
  • Einführung von Ritualen anstelle echter Begegnung
  • Fehlender Durchblick wird charismatisch überspielt: «wir müssen dem Heiligen Geist mehr raum lassen»
  • Fehlender Durchblick wird ideologisch überspielt: Das gefährliche Spiel mit «Erfolgsrezepten»
  • Gefühl (Seele) wird mit Geist verwechselt
  • Fehlende Auseinandersetzung über diese Entwicklung in der gesamten Gemeinde
  • Dogmatische und nicht-reflektierte Konterung von wichtigen Anliegen
  • Fehlende Auseinandersetzung mit Gottes Wort
  • Eine Flucht in die «eigene Glaubenswelt», sei es dogmatisch oder in der Beziehungsvielfalt
  • Geistliche Vertiefung wird ausserhalb der Gemeinde gesucht und gelebt

Diese Entwicklungen lassen sich zwar in keiner Gemeinschaft verhindern, aber sie lassen sich immer wieder verwandeln. Es sind sehr menschliche Probleme. Dass diese Dinge geschehen ist weder ein Versehen noch ein Vergehen. Die Frage ist vielmehr, wie mit diesen Entwicklungen umgegangen wird. Gerade da liegt die Aufgabe der von Christus eingestellten Gaben in der Gemeinde: Apostel und Propheten legen das Fundament, während Hirten, Lehrer und Evangelisten darauf weiterbauen. Vergleiche Eph 2,20 und Eph 4,11.

Heilung und Umdenken

Nicht nur Hosea hat über den Mangel an Erkenntnis geklagt. Mehrere Propheten haben es auf verschiedene Arten erwähnt. Diese Geschichten sind lehrreich. Jesaia schreibt von einer ähnlichen Situation:

«Aber auf das Tun des HERRN schauen sie nicht, und das Werk seiner Hände sehen sie nicht. Darum wird mein Volk gefangen wegziehen aus Mangel an Erkenntnis.»
Jes 5,13

Wenn vieles einen Platz hat, aber «das Tun des Herrn» und «das Werk Seiner Hände» nicht gesehen wird, ist das ein Zeichen für den Zerfall und für den Mangel an Erkenntnis. Was hier benötigt wird ist eine Umkehr, eine Erneuerung des Denksinns. Hosea spricht über diesen Umkehr wie folgt:

«Kommt und lasst uns zum HERRN umkehren! Denn er hat zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat geschlagen, er wird uns auch verbinden.»
Hos 6,1

Weil Er heilt, kann ich umkehren. Auf die Verwandlung kann ich mich einlassen (Röm 12,1-2). Sie wird aber das Wort Gottes einschliessen müssen, damit Vertiefung stattfinden kann, damit Erkenntnis wieder wachsen kann. Paulus bittet die Gemeinde in Kolosse, dafür zu beten, dass «Gott eine Tür für das Wort auftue, um über das Geheimnis Christi zu sprechen» (Kol 4,2-4). Das ist – bei einer ganz allgemeinen Anwendung dieses Wortes – die Voraussetzung dazu, dass Erkenntnis in der Gemeinschaft wieder wachsen kann und Heilung von innen her geschieht. Erkenntnis ist keine äussere Angelegenheit. Erkenntnis kommt nicht ohne klare Ausrichtung aus. Deswegen betet Paulus konkret, dass die Glaubenden Gott erkennen mögen (Eph 1,17). Die Erkenntnis Gottes ist gerade in der Gemeinde zu fördern.

Das ist aber noch nicht alles. In der Gesundung müssen falsche Schlussfolgerungen oder unfruchtbare Wege entlarvt werden. Was einem gesunden Glauben widerspricht und was sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, muss weichen. Umkehr hat mit unserem Denken zu tun. Es sind Überlegungen, die zu ungesunden «Bollwerken gegen die Erkenntnis Gottes» geführt haben. Es sind geistliche Korrekturen, die gemacht werden müssen. Deswegen geht es Paulus in Röm 12,1-2 um die Erneuerung des Denksinns. Jede Gemeinschaft darf immer wieder durch diese Verwandlung und durch diesen Umkehr neu auf Christus ausgerichtet werden.

Der Gemeinde in Korinth schreibt Paulus in diesem Sinne:

«Denn wiewohl wir im Fleisch wandeln, führen wir nicht Krieg dem Fleische nach. Sind doch die Waffen unseres Krieges nicht fleischlich, sondern mächtig für Gott: Zum Einreissen von Bollwerken, wenn wir Vernunftschlüsse einreissen und jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt.»
2Kor 10,3-5

Wer das verpasst, wird rigide oder entgleist. Deswegen lohnt es sich, für eine Erneuerung der Gemeinschaft einzustehen.

Die Erneuerung der Gemeinschaft

Positive Entwicklungen haben unter anderem folgende Merkmale:

  • Die Bibel zentral (statt Ideologie, Tradition oder Methoden)
  • Christozentrische Verkündigung
  • Gnade zentral
  • In der Verkündigung werden Bibelverse nicht als Legitimation für den Predigtgedanken verwendet, sondern die Bibel selbst wird als Grundlage für die Verkündigung genutzt
  • Eine aktive Lernkultur (keine Lehrkultur)
  • Es wird in der Gemeinschaft offen und konstruktiv über Fehlentwicklungen gesprochen
  • Es gibt eine offene Gesprächskultur zugunsten der Gemeinschaft
  • Es werden alle Gaben von Epheser 4 ausgeübt
  • Es gibt keine Trennung von Geistlichkeit und Laien (man bleibt auf gleicher Augenhöhe)
  • Pluralität wird gelebt und gefördert
  • Es gibt immer weniger Tabu-Themen
  • Menschen sind wichtiger als Strukturen
  • Geistliches Leben ist wichtiger als Aktivismus
  • Es wird geklärt, was denn geistliches Leben eigentlich ist
  • usw.

Es gibt keine Patentrezepte für eine Erneuerung. Die genannten Wahrnehmungen sind mit Sicherheit unvollständig und treffen so nicht auf eine bestimmte Gemeinschaft zu. Wenn jedoch etwas angeklungen ist, wenn Symptome erkannt wurden, dann lässt sich anhand der Symptome nach den Ursachen fragen. Wenn als Ursache ein Mangel an Erkenntnis erkannt wird, dann lässt sich dort die Erneuerung ansetzen. Apostel, Propheten, Hirten, Lehrer und Evangelisten wurden gegeben «zur Anpassung der Heiligen an das Werk des Dienstes, zur Auferbaung der Körperschaft Christi, bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum Mass des Vollwuchses der Vervollständigung des Christus» (im Kontext: Eph 4,11-16).

Auf dem Weg zu einer Erneuerung darf es nicht um eine Symptom-Bekämpfung gehen, auch wenn man vielleicht Symptome erkennt. Es geht um die Ursache der Symptome, die ausgehebelt werden muss. Fehlendes Verständnis der Bibel, ein Mangel an Erkenntnis von Gott selbst, von Seinem Wirken, ist ein handfestes Problem. Die Förderung geistlichen Lebens darf und soll deshalb die Bibel als Zentrum haben, ohne sich dabei dogmatisch zu verfangen. Der unverkrampfte und belebende Umgang mit Gottes Wort darf zelebriert werden, weil wir damit Ihn kennenlernen, weil wir so in Erkenntnis wachsen können, weil daraus Beziehung entsteht, weil für unser Leben und für unseren Dienst, für das Miteinander und für die Beantwortung wichtiger Fragen Hilfe und Anregung geboten wird. Mit rigider Bibelauffassung hat das nichts zu tun, wohl aber mit Aufgeschlossenheit, mit Neugierde und Entdeckungsfreude.

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