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Haderst du noch oder liebst du schon? (2)

Das christliche Umfeld erkennen

Wer mit der Kirche hadert, tut das womöglich aus den Erfahrungen, die er gemacht hat. In den Freikirchen habe ich selbst viel Unfreiheit erlebt. In den Landeskirchen dagegen empfand ich immer wieder eine Ratlosigkeit gegenüber den Aussagen der Bibel. Beides erscheint mir für einen gesunden Stand im Leben nicht sehr hilfreich. Wenn ich mit Kirchen hadere, dann hat das auch etwas mit mir zu tun. Weshalb stehe ich in der Kirche oder weshalb bleibe ich dort, wenn es mir nicht mehr passt? Werde ich in meiner Gemeinschaft dazu ermutigt zu wachsen, erwachsen zu werden? Wird die Entwicklung meines Menschseins ebenso unterstützt wie das meines Christseins? Oder habe ich die (Frei-)Kirche verlassen, aber es schmerzt immer noch?

Leider gibt es in Gemeinden nicht immer Verständnis für Wachstum. Besonders problematisch wird es, wenn Glaubensvorstellungen aus dem Dramadreieck genährt werden. Das äusserst sich in Erwartungen an die Mitglieder und in Einschätzungen dieser Welt. Wenn die Welt zum Verfolger wird und die Gemeinde zum Retter, der sich an dich als Opfer wendet, dann wird hier das Dramadreieck zelebriert. Will ich jedoch kein Opfer sein, dann passe ich vermutlich gar nicht in das Gemeindekonzept, bzw. in das Glaubensverständnis dieser oder jener Kirche.

Die frommen Verpackungen des Dramadreiecks

In diesem zweiten Teil des Beitrages geht es um die frommen Verpackungen vom Dramadreieck. Menschen können ihre eigene Beklemmung im Leben auf die eigenen Glaubensvorstellungen übertragen und dann diese Beklemmung unter dem Vorwand des Göttlichen für andere verbindlich erklären. Man kann jedoch nicht von der eigenen Beklemmung auf ein «allgemein gültiges Glaubenskonzept» bzw. auf die Gemeinschaft schliessen. Tut man das, wird die Gemeinschaft erneut andere in die Beklemmung einfangen. Es entstehen Opfer, Täter und Helfer, und das Gemeinschaftserlebnis wird ein Spiel im Dramadreieck. Ich habe den Eindruck, dass in vielen – vor allem freikirchlichen – Gemeinschaften das Dramadreieck Teil der Identität ist.

Wer den Eindruck hat, dass Gott ihn nicht mag, wer meint, er müsse sich auf eine bestimmte Art verhalten, damit Gott oder die Gemeinschaft mit ihm ins Reine kommt oder bleibt, der lebt in Abhängigkeit. In einem solchen Umfeld entstehen Religionsgeschädigte.

Die Unterdrückung der Mündigkeit

Im Dramadreieck gibt es nur Unfreie. Das gilt auch für Gemeinschaften, wo das Dramadreieck gelebt wird. Je frommer und repressiver die Gemeinschaft, desto schwerwiegender scheinen die Verletzungen bei Aussteigern – man wagt sich die Verletzungen bei denen, die bleiben, gar nicht vorzustellen!

Der gesunde Lebensdrang wird der Gemeinschaft unterstellt. Auch in guten Gemeinschaften wird es Leute geben, die sich diese Ecke der Erfahrung aussuchen, um darin zu verharren. Sollte eine Gemeinschaft gesund bleiben wollen, dann braucht es den Mut, die Mitglieder zur Mündigkeit anzuleiten. Wo das ausbleibt, entsteht die Gefahr, dass sich das Spiel vom Dramadreieck in der Gemeinschaft ausbreitet.

Die vier Schritte der Verwandlung

Wo immer man das Dramadreieck antrifft, ob in persönlichen Beziehungen oder in Glaubensgemeinschaften, es ist überall problematisch. Das Dramadreieck kann man nicht verwandeln. Man kann nur aussteigen. Nur wer aussteigt, kann in eine Verwandlung einsteigen. Diesen Schritt kann man nur selbst machen. Wer von der Gemeinschaft geschädigt ist, der kann aussteigen, sich zurückziehen und den Prozess der Gesundung und Verwandlung selbst durchlaufen. Das ist die einzig reale Version des Wandels. Es braucht Mut, sich quer auf den Konsens der Gemeinschaft zu stellen – vielleicht zum ersten Mal vorbehaltlos, liebevoll und entschieden für sich selbst einzustehen. Es braucht Mut zum Hinterfragen, Mut für neue Antworten, Mut das Schweigen zu brechen, Mut zum Hinschauen, Mut zum Fühlen, Mut zur Reflektion. Wer sich durch den eigenen Schmerz und durch die Ungewissheit hindurch wagt, der findet zu besseren Antworten.

Es gibt 4 Schritte der Verwandlung:

  1. Erkennen, dass Deine religiöse Welt mit dem Leben im Konflikt steht (traue Dich, hinzusehen)
  2. Ausstieg aus dem Dramadreieck. Rückbesinnung auf Dich Selbst, Dein Menschsein, Deine ureigenen Fragen (gebe dem Raum)
  3. Mensch werden, unabhängig werden, zuständig werden. Sei dankbar für den, der Du bist. (liebe Dich selbst)
  4. Befreiung von dogmatischen und ideologischen Vorgaben. Eine neue Auseinandersetzung mit der Bibel. (frei werden im Glauben)

Immer dort, wo sich jemand aus Gebundenheiten löst, entsteht Angst. Angst in der Gemeinschaft und Angst im persönlichen Loslassen vertrauter Dinge. Der Apostel Johannes schreibt in Bezug auf Angst, wie man dem begegnen kann:

«Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht hinaus, weil die Furcht es mit Strafe zu tun hat. Wer sich aber fürchtet, ist in der Liebe noch nicht vollkommen geworden.»
1Joh 4,18

Erwachsen werden hat mit Liebe zu tun

Geliebt, also angstfrei. So hat es Johannes angedeutet. Wer sich auf den Weg macht, frei zu werden, der darf sich an Gottes Liebe orientieren. Gott ist Liebe. Das ist Sein Wesen. Diese Liebe darf und soll durchdringen – in unser Leben, in unsere Betrachtung der Welt, in unserem Verständnis. Es gibt keinen Grund, in rigiden Lebenshaltungen oder in alten Schmerzen hängen zu bleiben. Liebe treibt die Angst aus. Liebe ist der Start zu etwas Neuem.

Paulus stellt sich die Auferbauung der Gemeinde so vor, dass die Gemeinde «zum gereiften Mann» wird und wir «nicht mehr Unmündige» sind (Eph 4,12-14). Reife und Mündigkeit sind das Ziel, also eine verantwortungsvolle Eigenständigkeit, sowohl in Lebens- wie auch in Glaubensfragen. Gereift sein, mündig sein, unabhängig stehen können, wie ein Fels in der Brandung. Der Apostel sieht dies als erklärtes Ziel für die Gemeinde. Wie aber soll das erreicht werden?

Wahrhaftigkeit

«Wenn wir aber wahr sind, sollten wir in Liebe alles zum Wachsen bringen, hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der gesamte Körper (…) das Wachstums des Körpers vollzieht zu seiner eigenen Auferbauung in Liebe.»
Eph 4,15-16

Das ist ein spannender Zusammenhang. «Wahr sein» und «in Liebe zum Wachsen bringen» gehören zusammen. Wahr sein hat mit uns selbst etwas zu tun. Alles zum Wachsen zu bringen hat etwas mit der Gemeinde zu tun. Das sind zwei Aspekte, die zusammengehören. Die Verbindung zwischen beiden ist Liebe. Liebe ist, wie sich unser Glauben manifestiert. Denn nur in Liebe können wir offenbar Dinge zum Wachsen bringen. Diejenigen, die wahr sind, werden aufgefordert in Liebe alles zum Wachsen zu bringen. Ausschliesslich wer «wahr» ist, kann diesen Beitrag liefern. Wer in der Rechtgläubigkeit verharrt, wer im Hadern mit Gott und der Welt verharrt, wer den Schmerz nicht fühlen will, sondern in Vermeidungsstrategien lebt, der kann nicht wahrhaftig werden. Der kann auch nicht frei werden. Es braucht Mut für eine Änderung. Es braucht Mut, sich selbst zu lieben. Es braucht Mut, loszulassen.

Es ist erstaunlich, wie stark dieses «Erwachsenwerden» nach der Bibel von Liebe begleitet ist. Liebe ist das Bleibende (1Kor 13,13). Liebe ist das «Band der Vollkommenheit» schreibt Paulus (Kol 3,14). Glaube wird erst durch Liebe wirksam (Gal 5,6). Man wird zu einem Liebenden in gleichem Mass, wie man erwachsen wird. Paulus fasst eine gesunde und erwachsene Lebenshaltung wie folgt zusammen:

«Als geliebte Kinder werdet nun Nachahmer Gottes und wandelt in Liebe, so wie auch Christus euch liebt…»
Eph 5,1-2

In der biblischen Narrative ist Liebe etwas, das ohne Vorbehalte von Gott her kommt. Das ist die Quelle. Es gibt keine Erwartungen und keine Auflagen, damit diese Liebe fliesst. Gott ist Liebe. Er hebt uns gegenüber Seine Liebe dadurch hervor, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren (Röm 5,8). Es wäre deshalb fehl am Platz, wenn wir im «sich-nicht-geliebt-fühlen» hängen bleiben. Das hat gar keinen Sinn.

Wenn ich hadere, dann mache ich andere für mein Glück verantwortlich. Wenn ich jedoch erwachsen werde, dann übernehme ich Verantwortung für meine Gefühle, für meine Geschichte, für meine Gedanken. Dann kann ich zum Liebenden werden.

Das wünsche ich auch Dir.