Was Glaube ist oder wozu es dienen soll, darüber gibt es verschiedene Ansichten. Viele Glaubensgemeinschaften definieren sich selbst darüber, was sie glauben. Man erhält auf Anfrage etwa eine Liste von Dingen, woran man glaubt. Möchte man jedoch verstehen, was man glaubt und wozu es dienen sollte, kann man auch an andere Fragen denken. Wie wir glauben, ist nicht dasselbe, als, was wir glauben.

Sobald man danach fragt, wie man glaubt, geht es nicht mehr direkt um Glaubensinhalte, sondern vielmehr darum, was wir damit machen. Wie man glaubt, skizziert eine Richtung und Glaubenshaltung. Das ist etwas anderes.

Auf vielen Websites von Glaubensgemeinschaften findet man Hinweise darauf, was man in dieser Gemeinschaft glaubt. Nicht selten ist es eine Liste mit Stellungnahmen, wofür man einsteht. Zweifellos hat eine solche Auflistung einen Wert. Vielleicht gibt es an einer solchen Auflistung positive, vielleicht jedoch auch negative Merkmale. Eine Bewertung möchte ich hier auslassen. Festhalten will ich jedoch, dass sich viele Gemeinschaften durch eine Auflistung von Dingen, woran sie glauben, eingrenzen und abgrenzen. Alle institutionalisierten Gemeinschaften entstanden so. Dies hat die Kirche der Vergangenheit geprägt.

Mit einer Aussage darüber, was man in einer Gemeinschaft glaubt, gibt man sich selbst so etwas wie eine Telefonnummer, worüber man zu erreichen ist und in welcher Stadt man daheim ist. Man beschreibt, was man über bestimmte Themen denkt. Einige werden sich selbst darin erkennen und die Liste bejahen, andere dagegen werden eine solche Liste vielleicht eher ablehnen. Was man glaubt, das verbindet und trennt. Es ist aber nicht der einzige Parameter, womit man eine Gemeinschaft beschreiben kann. Die Kirche der Zukunft wird sich womöglich nicht über diesen einen Parameter («Was») definieren. Es ist eine einseitige Prägung.

Wie es sich in dieser Gemeinschaft etwa lebt, wird durch das «Was» nicht beantwortet.

Zweikomponenten-Leim für eine stabile Identität

Dagegen ist die Frage danach, «wie man glaubt» weniger von Glaubensinhalten als von einer Glaubenshaltung geprägt. Da geht es eher um die Ausrichtung des Herzens und das Miteinander. Keinesfalls sollten hier Glaubensinhalten gegen eine Glaubenshaltung ausgespielt werden. Beide Dinge sind wichtig. Mir fällt lediglich auf, wie in vielen Gemeinschaften den Glaubensinhalten viel mehr Bedeutung beigemessen wird als die Art, wie man damit und miteinander umgeht. Gemeinschaften geben mir dann den Anschein, dass sie vom Leben losgelöst funktionieren.

Die Betonung von den Glaubensinhalten, sowie Gegenüberstellungen von Richtig und Falsch führten in der Vergangenheit zu Abspaltungen, Abgrenzungen und viel Besserwisserei. Ich erkenne das als ein Problem der christlichen Vergangenheit. Mit aller Achtung vor Tradition und Entwicklung frage ich mich jedoch, ob eine Betonung nur von Glaubensinhalten genug ist? Andererseits kenne ich Glaubensgemeinschaften, die vorgeben, vorwiegend auf die Glaubenshaltung Wert zu legen. Das geschieht jedoch nicht selten ohne Grundlage und Unterbau aus der Schrift. Das scheint christlich, kann aber ebenso gut ohne Christentum gelebt werden oder spricht nur von einer bestimmten Subkultur. Da gibt es zwar ein gutes Gespür für Gemeinschaft, aber es fehlt die Identität.

Schaut man im Neuen Testament nach, wie Paulus seine Briefe gestaltet, dann gibt es häufig zwei Komponenten:

  1. Was man glaubt (Lehre). Etwa Römer 1–11 oder Epheser 1–3.
  2. Wie man glaubt (Lebenswandel). Etwa Römer 12–16 oder Epheser 4–6.

Seine Briefe haben häufig beide Komponenten. Das ist nun so etwas wie ein Zweikomponenten-Leim. Man benötigt beide Dinge, um zu einem gesunden Zusammenhalt in einer Gemeinschaft zu kommen. Eine einseitige Ausrichtung hat keine Klebkraft. Es kann sich keine Identität bilden oder erhalten. Mit beiden Komponenten kann man sich vorstellen, wie es besser gelingt:

Was man glaubt, begründet die Identität.
Wie man glaubt, prägt die Identität.

Wer seine Identität finden, prägen und erfüllen möchte, benötigt beide Komponenten. Wer sich nur über das «was» definiert, kann selbstverständlich keine Gemeinschaft mit Andersdenkenden pflegen. So kommt es zu Verketzerungen, Abspaltungen und dergleichen mehr. Wer sich nur über das «wie» definiert, hat dagegen keine Grundlage für eine Gemeinschaft. Die Erfüllung der Identität findet im Wachstum statt. Sie ergötzt sich weder an die eigene Erkenntnis noch an das eigene Tun. Für ein gesundes Wachstum benötigt es beide Dinge. Es benötigt Input («Was») für eine differenzierte Grundlage und es benötigt eine Auseinandersetzung im alltäglichen Leben («Wie») für die Aushärtung der Ideen.

Einseitigkeit ist problematisch

Die Ausgewogenheit zwischen den beiden Fragen «was wir glauben» und «wie wir glauben» ist nicht selbstverständlich. In vielen Gemeinschaften und Kirchen fehlt das eine wie das andere. Man lebt vorwiegend aus Traditionen. Andere Gemeinschaften betonen das Miteinander, sind familienfreundlich und lieb zueinander. Sie pflegen den Satz: «wie wir glauben». Wieder andere Gruppen und Gruppierungen stellen die Bibel in allem voran und werden vorwiegend von Bibelwissen geprägt. Hier geht es primär darum, was man glaubt. Alle diese Varianten sind einseitig geprägt. Das ist problematisch.

Es ist verständlich, dass man sich mit Menschen austauschen will, die ebenso ticken und funktionieren, wie man selbst denkt. Wer etwa ganz bestimmte persönliche Fragen hat, sucht vielleicht nach Antworten und wird womöglich von Gemeinschaften angezogen, denen es vor allem um Bibelwissen geht. Der Fragensteller kommt zum Antwortgeber. Man sucht Gleichgesinnte. Das entspringt wohl einem menschlichen Bedürfnis. Daran ist nichts falsch, aber deshalb ist es noch lange nicht ausgewogen. Eine gesunde Haltung ist vielleicht die, dass man das eigene Verständnis als unvollständig erkennt und sich bewusst ist, dass wir uns erst in Gemeinschaft entwickeln. Auch Glaubenssätze bewähren sich erst im Alltag.

Paulus verbindet das Was mit dem Wie, die Lehre mit der Lebenspraxis. Sein Ansatz war ausgewogen. Heute prägen sich Kirchen und Gemeinschaften häufig nur einseitig. Sie grenzen sich von anderen ab, wenn die Lehre zentral steht. Oder sie verlieren sich in sozialen Aktivitäten, wenn die Lebenspraxis als Glaubenserfüllung betrachtet wird, oder gar als Alternative zu einer Glaubenserfüllung gesehen wird.

Wachstum in der Gemeinde

Hier ist etwas, das Paulus den Gläubigen über den Aufbau der Gemeinde sagt:

«Derselbe (Christus) gibt die einen als Apostel, die andere als Propheten, andere als Evangelisten oder als Hirten und Lehrer
– zur Anpassung der Heiligen an das Werk des Dienstes,
zur Auferbauung der Körperschaft Christi,
bis wir alle zur Einheit des Glaubens
und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen,
zum gereiften Mann,
zum Mass des Vollwuchses der Vervollständigung des Christus.»

Eph 4,11-13

Aus dieser Auflistung zeigt sich, dass Evangelisten, Hirten und Lehrer heute alle ihren Platz haben (Apostel und Propheten bildeten das Fundament, Eph 2,20). Einseitigkeit entsteht, wenn es nur evangelistischen, nur diakonischen oder nur lehrmässigen Fokus hat. Je kleiner der Kreis, worin man sich bewegt, desto schneller passiert eine Entgleisung. Dort entstehen etwa übersteigerte Ideen der eigenen Erkenntnis. Sich dessen bewusst zu sein kann dabei helfen, sich grösseren Gemeinschaftsformen bewusst zu erschliessen oder etwa in der Nachbarschaft aktiv zu werden.

Evangelisten, Hirten und Lehrer wurden zur Aufbau der Gemeinde gegeben. Sie tragen alle etwas Wichtiges bei. Es darf nie ausschliesslich um eine dieser Aufgaben gehen. Jeder, der eine Aufgabe hat, sollte m. E. darauf hinweisen, dass es um mehr geht, dass es um Gemeinschaft und um gemeinsame Erkenntnisse in der grösseren Gemeinde geht. Wer nur zu sich, zu seiner Aufgabe und einer speziellen Erkenntnis drängt, sollte man kritisch hinterfragen.

Der Aufbau des Körpers Christi bedingt zwar, das man gemeinsam Dinge erkennt, jedoch ist es mehr als das. Die Erkenntnis steht nie zentral, sondern eher, dass man zu Christus hinwächst, damit alle zur Vervollständigung des Christus gelangen. Paulus hatte stets die ganze Gemeinschaft vor Augen. Deshalb hatte er kurz zuvor erwähnt:

«Damit Christus durch den Glauben völlig in euren Herzen wohne
und ihr, in Liebe gewurzelt und gegründet, erstarken möget,
um mit allen Heiligen zu erfassen,
was die Breite und Länge und Tiefe und Höhe ist
(um auch die alle Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus zu erkennen),
damit ihr zur gesamten Vervollständigung Gottes vervollständigt werdet.»

Eph 3,17-19

Es geht nicht allein. Eine kleine Gruppe mit einem einzigen Fokus ist ebenfalls nicht vollständig. Im Epheserbrief wird erwähnt, dass die Gemeinde zur Vervollständigung Gottes und ebenfalls zur Vervollständigung des Christus gelangen sollte. Vervollständigung deutet auf die Ergänzung bis zur Fülle hin. Zusammen mit allen anderen Heiligen kann man «zur gesamten Vervollständigung Gottes vervollständigt» werden. In den Worten von Paulus, die für die heutige Zeit etwas fremd tönen, klingt jedoch ein Verständnis an, wonach es nur zusammen geht. Nicht umsonst wurden alle Gläubige in einen einzigen Körper berufen (diese Bildsprache von der Kirche Christi), um darin verschiedene Funktionen zu erfüllen. Als Teil vom ganzen Körper sehen und hören wir besser, wird unser Glaube reicher und das Wachstum nüchtern und vielseitig bis zur Mündigkeit gefordert (Eph 4,13).

Wie wir glauben

Der Apostel Paulus spricht also nicht nur von Lehre, sondern auch davon, was sie bewirkt und wohin sie führt. Es geht nicht um die Erkenntnis, die in Dir und mir erkannt wird, sondern um den Impuls zu weiterem Wachstum, der daraus hervorgeht. Es geht auch nicht um einzelne Personen als Ziel. Paulus sieht die Erfüllung in der Gemeinschaft. Damit ist vermutlich nicht der Besuch einer Bibelstunde allein gemeint. Zu Anfang wird man vielleicht durch diese und jene Lehren verunsichert, schreibt der Apostel in den nächsten Versen. Lehrer können hier und dort einen hilfreichen Einblick schenken, wodurch Befreiung möglich und man nicht mehr von unterschiedlichen Lehren beunruhigt wird (Eph 4,14).

Wie wir glauben, spricht von dieser Ausrichtung des Herzens, des Wachstums. Selbstverständlich benötigt es dazu eine gesunde Basis. Die Grundlagen sind jedoch nie das Ziel. Es geht darum, zu Christus hinzuwachsen. Die Bibel und eine gesunde Lehren können nur dazu ermutigen und befähigen. Biblisches Wissen ist dagegen nie das Ziel. Buchstabentreue, spezielle Lehren, Selbstgerechtigkeit und Verketzerung anderer sind Ausdruck einer Entgleisung. Ein gesundes Wachstum geschieht meist in Gemeinschaft. Zusammen findet man den Reichtum einer gesunden Ausgewogenheit und nur zusammen erhält man auch den Zuspruch, der zur «Vervollständigung Gottes vervollständigt» wird.

Dieses erklärte Ziel vor Augen zu haben, ist auch so etwas wie ein Prüfstein für die eigene Sicht:

«Wenn wir aber wahr sind,
sollten wir in Liebe alles zum Wachsen bringen,
hinein in Ihn, der das Haupt ist, Christus.»
Eph 4,15

Die eigene Identität entwickeln

So entwickelst Du die eigene Identität:

  • Werde Dir bewusst, was Dir wichtig ist.
  • Lerne, worauf es ankommt (Php 1,9-11).
  • Strecke Dich danach aus (Php 3,12-17).
  • Lasse Dein Denken umgestalten und lasse dies Deinen Alltag befruchten (Röm 12,1-2).
  • Bleibe nicht im «Was glaube ich?» hängen, sondern frage Dich «Wie kann ich vertrauen?»
  • Teile Deine Fragen mit anderen.
  • Bleibe neugierig. Stolpere mutig vorwärts.
  • Dein Verständnis gehört Dir. Gleichschaltung mit anderen ist kein Ziel.
  • Beantworte die Frage: «Wie kann ich glauben?»
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