Wer Neues zu denken wagt, steht in einem anspruchsvollen Prozess. Man beginnt einmal und weiss häufig nicht, wo man enden wird. Für einige ist das bedrohlich, weil es die vermeintliche bisherige Sicherheit hinterfragt. Für andere ist es ein abenteuerliches Neuland, welches es zu entdecken gilt.
Was man glaubt und vertraut, kann sich ändern. Es können Lebenssituationen sein, die ein Umdenken fordern. Vielleicht erkennt man einschneidende Situationen bei sich selbst, vielleicht auch bei Familie und Freunden. Das aktuelle Lebensverständnis kann dadurch auf den Kopf gestellt werden. Alles wird anders und das ist häufig nicht angenehm. Was dann?
Wer sein bisheriges Lebensverständnis hinterfragt sieht, wird oft zu einem Umdenken gezwungen. Man kann nach hinten schauen und sich als Opfer sehen, oder man kann vorwärts schauen und fragen, wie man zu einem besseren Lebensverständnis durchdringen kann. Wer sich als Opfer versteht, der stagniert im Leben. Wer sich dagegen als herausgefordert betrachtet, kann neue Wege finden. Das benötigt Mut, nicht selten Ausharren, bis eine neue Sicherheit gefunden wird. Manchmal gelingt das besser, manchmal weniger gut. Das alles aber gehört zu den Erfahrungen, die wir als Mensch machen können.
Solches trifft auch für Glaubensfragen zu. Wenn geliebte Menschen unheilbar krank werden, wenn Freunde sterben, wenn Familie durch hohe Not hindurch geht, wenn man selbst in existenzieller Not gerät, dann sind das extreme Situationen. Sie hinterfragen vielleicht auch bisherige Glaubensvorstellungen. Was dann? Hat Deine Glaubensgemeinschaft, hat Dein Glaubensverständnis eine Hilfe oder Ausblick für Menschen in Deiner Situation? Hier kann es zu einem Bruch mit einer bisherigen Glaubensgemeinschaft kommen. Das passiert dann, wenn die aktuelle Lebenssituation keinen Platz in den Vorstellungen der Gemeinschaft hat. Wenn die Gemeinschaft keinen Zweifel erlaubt, keinen Austritt erlaubt, keine Scheidung erlaubt, keine unheilbare Krankheit erlaubt, nur ganz enge Vorstellungen darüber, wie man «richtig» lebt, erlaubt, der wird aus dieser Gemeinschaft hinausgedrängt.
Wer umkehrt, radikal Neues denkt, wer Verantwortung für das eigene Leben übernimmt und sich mutig auf den Weg zu einer besseren Zukunft machen will, der benötigt Unterstützung, Verständnis, keine Verurteilung oder hilfloses Nichtstun. Diese Kontraste habe ich immer wieder wahrgenommen, und sie sind für alle Menschen, die darin stehen, eine Herausforderung.
Was aber, wenn man das Leben umarmt und einfach weitergeht? Was, wenn man entdeckt, dass Zweifel zum Glauben gehört? Was, wenn vielleicht diese oder jene Gedanken auch anders gedacht werden können? Was, wenn bisheriges Verständnis an Grenzen kommt, aber jemand eine Tür für Dich öffnet? Traust Du Dich, hindurchzugehen? Was, wenn man hindurchgeht, aber niemand folgt? Dann findet man sich in einer neuen Situation zurück, worin einiges der Vergangenheit nicht mehr zugänglich ist. Das kann schmerzhaft sein, Bestürzung auslösen. Von der Desorientierung kann man jedoch zu einer neuen Orientierung gelangen.
Es geht hier nicht um die richtige oder um die falsche Lehre, um bestimmte Vorstellungen, die abgelehnt oder angenommen werden müssen. Es geht um Menschlichkeit, die von geistlich denkenden Menschen getragen werden will. So wie der Apostel Paulus dies etwa für die Gemeinde beschrieben hat:
«Daher ziehet an als Auserwählte Gottes, Heilige und Geliebte: innigstes Mitleid, Güte, Demut, Sanftmut, Geduld; einander ertragend, und euch gegenseitig Gnade erweisend, wenn jemand gegen jemand anders einen Tadel hat. Wie der Herr euch Gnade erweist, so tut auch ihr es. Über dies alles aber zieht die Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist. Un der Friede Christi sei der Schiedsrichter in euren Herzen, wozu ihr ja in einem Körper berufen wurdet, und seid dankbar dafür!»
Kol 3,12-15
Sei gnädig mit dir selbst
Wer Neues zu denken wagt, dem wünsche ich, dass man gnädig sein kann mit sich selbst. Es benötigt Zeit, Neues zu denken, umzudenken, sich neu auszurichten. Wer jahrzehntelang in einer bestimmten Denkrichtung daheim war, vielleicht in einer bestimmten Glaubensgemeinschaft mit einer bestimmten Prägung stand, der steht meist nicht an neutraler Stelle. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist ebenso wichtig wie die Neuausrichtung. Das ist doppelte Arbeit. Das benötigt Zeit. Sei gnädig mit dir selbst, denn Gnade ist auch für dich da. Paulus endet den Titusbrief damit, dass er schreibt: «Die Gnade sei mit euch allen!» (Tit 3,15).

