Unter dem Titel «Anleitung zur Unzufriedenheit» lassen sich viele Dinge unterbringen. In diesem Beitrag möchte ich lediglich einen Weg aufzeigen, wie man als Christ möglichst schnell unzufrieden wird. Dazu ein paar Gedanken, was man dagegen tun kann, sollte man das nicht als optimal empfinden.
Nichts ist erlaubt
Der schnellste Weg zur Unzufriedenheit liegt in Unfreiheit. In einem früheren Beitrag habe ich darauf hingewiesen, dass der Apostel Paulus mehrfach wiederholt, dass ihm alles erlaubt ist. Das wäre der Gegensatz zur Unfreiheit und damit zur Unzufriedenheit. Achten wir auf den Zusammenhang: Er schreibt das als klare Anweisung an eine Gemeinde, die man als chaotisch bezeichnen kann. Er schreibt das an die Gemeinde in Korinth, wo es handfeste Probleme gab. Logisch erscheint das auf den ersten Blick nicht. Wäre es nicht angebracht, in dieser chaotischen Gemeinde zuerst einmal einige Regeln aufzustellen, damit wieder Ruhe und Ordnung einkehren?
Wer eingrenzt, versucht durch Drohung etwas zu bewirken. «Herrscht Chaos? Dann gibt es am besten Regeln mit klaren Konsequenzen!» Nicht wenige Menschen denken so. In der Gemeinde verhält sich Paulus jedoch ganz anders. Das ist bemerkenswert.
Unzufriedenheit und Unfreiheit hängen zusammen. Nimmt man Menschen die Freiheit weg, etwa durch stark einengende Vorstellungen über das, was richtig und falsch ist, steuert man unausweichlich auf eine Unzufriedenheit zu. Schenkt man dagegen Freiheit, findet dadurch eine Entwicklung zu mehr Verantwortung statt. Paulus führt das bei der Gemeinde in Korinth vor. Seine Briefe reden davon.
Wie kann man mit Hinweisen auf Freiheit eine chaotische Gemeinde wieder zurechtbringen? Nun, Paulus hat die Gemeinde eine durch Gnade wirksame Freiheit vor Augen geführt. Das betrifft jedoch nicht die Missstände, welche er ebenso deutlich erkannte. Paulus findet klare Worte für Menschen, die ein liederliches Leben führen. Er scheut sich nicht, solche Situationen direkt anzusprechen (1Kor 5,1ff). Nichts weist aber darauf hin, dass er durch Regeln und Drohungen probiert, die Gemeinde zu steuern. Paulus lebt und lehrt Gnade, keine Gesetzlichkeit. In Bezug auf eine Inzest-Situation in der Gemeinde handelt der Apostel resolut (1Kor 5,3-5). Paulus ist nicht einfach «lieb», sowenig wie er vom «lieben Gott» spricht. Er äussert sich konkret, aber spricht Menschen entsprechend ihrer Rolle und Aktivitäten an.
In seinem Brief richtet er sich nicht an die Problemfälle, sondern an die restliche Gemeinde. Wie sollen sie mit diesen Situationen umgehen? Paulus setzt sich dafür ein, die Gemeinde wieder zu festigen. Er probiert, das Chaos zu beseitigen und die Ausrichtung nicht durch Regeln, sondern durch Verantwortung und ein eigenes Vorbild zu klären (1Kor 5,6-8).
Paulus kontert Gesetzlosigkeit nicht mit Regeln, sondern mit der Gnade Gottes. Gnade erscheint etwas «schwammig», weil sie eben nicht regelbasiert ist. Die Wirkung der Gnade ist jedoch anders, stärker und zukunftsträchtiger. Gnade wirkt von innen heraus, während Regeln und Gesetze von aussen die Symptome bekämpfen.
Paulus an die Korinther
Paulus beginnt seinen ersten Brief an die Gemeinde in Korinth mit einem Hinweis auf Gnade und Friede für die Korinther.
«Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!»
1Kor 1,3
Auch dankt er für die Gnade, die Gott für die Gemeinde gegeben hat:
«Ich danke meinem Gott allezeit eurethalben für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christo Jesu.»
1Kor 1,4
Ebenso beschreibt er die Gnade, welche er selbst erhalten hat, um damit etwas Gutes zu bewirken:
«Nach der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf; ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.»
1Kor 3,10
Dann zeigt er anhand seines eigenen Beispiels, dass Gottes Gnade an ihn nicht vergeblich war:
«Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war.»
1Kor 15,10
Am Schluss des Briefes befiehlt er die gesamte Gemeinde der Gnade Gottes an:
«Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit euch!»
1Kor 16,23
Gnade steht zentral. Diese Hinweise möchten als Hintergrund dafür dienen, dass Paulus im gleichen Brief mehrfach darauf hinweist, dass alles erlaubt sei (1Kor 6,12; 1Kor 10,23). Dieser Hinweis steht im Kontext seines Briefes und darf nicht als isolierte Aussage zitiert werden.
Die Aussage steht inmitten eines Versuchs von Paulus, durch seinen Brief etwas von dem Chaos in der Gemeinde aufzulösen und die Menschen in die Freiheit von Christus hinauszuführen. Die Person, welche er wegen seinem Lebenswandel «dem Satan überliefert», wird im nächsten Brief nach einem Umkehr wieder in Gnade willkommen geheissen (2Kor 2,5-11). Der Apostel führt durch eigenes Beispiel und eine Betonung der Gnade, wonach der Mensch selbst darauf achten sollte, wie er damit umgeht – persönlich wie in der Gemeinde.
Reglementierter Glaube
Ich denke aufgrund meiner Erfahrung, dass viele Menschen klare Regeln bevorzugen. Die Freiheit, welche Paulus den Korinthern vorhält, ist suspekt. Freiheit ist nicht einfach. Wenn man alles tun darf, öffnet das nicht Tür und Tor für Ungerechtigkeit und Sünde? Absolute Freiheit scheint eine Einladung zur Anarchie zu sein. Dass dies nicht die Absicht von Paulus war, habe ich bereits im vorhin genannten Beitrag erläutert. Er hat den Satz «Alles ist mir erlaubt» um einen wichtigen Zusatz ergänzt (1Kor 6,12; 1Kor 10,23). Freiheit ist nicht die Abwesenheit von Verantwortung, sondern die Bejahung einer Verantwortung im Hinblick auf ein positives Ziel.
Abgesehen von diesem Zusatz löst die absolute Freiheit oft Angst aus. Angst vor zu viel Freiheit vielleicht, oder Angst vor Verantwortung. Es scheint viel einfacher, wenn man gesagt bekommt, was man zu tun und was zu lassen hat, damit alles in Ordnung ist. Bloss nicht selbst nachdenken müssen! Es soll Leitplanken für die Gesellschaft, Leitplanken für die Gemeinschaft und Leitplanken für das eigene Leben geben.
Selbstredend geht es bei Leitplanken nicht um schlechte Ideen oder Gedanken. Sie sind lediglich «gesetzlich», indem sie den Glauben auf «richtig oder falsch» reduzieren und der Mensch nur etwas tun oder lassen sollte, damit er von der als unsicher eingestuften Gegenwart Gottes befreit ist. Gesetzlichkeit in diesem Sinne ist der Versuch, möglichst schnell wieder ohne Gott im Leben zu stehen. Sonntag in die Kirche gehen, um den Rest der Woche «frei» zu haben. Glauben «müssen», um nicht Glauben zu «dürfen». Das Letzte wäre zu viel Unsicherheit und Anstrengung.
Gesetzlichkeit schenkt eine Schein-Ruhe von den Anforderungen eines unbekannten Gottes, verursacht aber dadurch höchste Unzufriedenheit. Willst Du eine Anleitung zur Unzufriedenheit? Dann lebe nach gesetzlichen Forderungen Deiner Gemeinschaft oder Theologie.
Gesetzlichkeit ist oft nur Angst vor einem unberechenbaren Gott. Man lernt, auf einige religiöse Knöpfe zu drücken, damit dieser unberechenbare Gott angeblich zufrieden sei mit Dir. Normatives Verhalten in der Gemeinschaft und Gleichschaltung mit der eigenen Glaubensgemeinschaft als Befreiung von der Eigenverantwortung. Ich denke, dies ist ein hoher Grad der Gebundenheit.
Anleitung zur Unzufriedenheit
Es geht auch anders. Was, wenn man von der Unfreiheit und der Unzufriedenheit zur Freiheit und Zufriedenheit kommen kann? Ob das gelingt, hängt davon ab, ob Du in Gnade leben kannst, ob die Zusage der Liebe und Gnade Gottes angenommen werden kann. Gnade nämlich erzieht, schreibt Paulus an Titus (Tit 2,11-12).
Durch Gnade steht man nicht nur an einem anderen Ort, lebt nicht nur aus einem anderen Betrachtungswinkel, sondern lernt auch eine neue Ausrichtung zu wählen. Wer aus Gnade lebt, lernt, auf Gott zu vertrauen, mehr als auf die eigenen Handlungen. Gottvertrauen zu haben bedeutet gerade nicht, dass es nur um richtig oder falsch geht. Dies lässt Raum für Vertrauen, auch dann, wenn einmal etwas nicht richtig läuft. Gnade ist die Hinwendung Gottes in Liebe zu uns. Gottvertrauen ist unsere Hinwendung zu ihm. Mit Regeln hat das direkt nichts zu tun.
Man wird am schnellsten unzufrieden, wenn man Gottes Gnade ausweicht und auf eigene Leistung vertraut. Das wird nicht nur langweilig, sondern garantiert Unzufriedenheit, allenfalls eine falsche Zufriedenheit, wenn man den Standard auf die eigene Leistung begrenzt. Paulus hat das einmal anders beschrieben, als er vermerkte, dass alle Menschen an einem Mangel leiden, nämlich ein Mangel an der Herrlichkeit Gottes (Röm 3,23). Wer sich dessen bewusst ist, spürt diesen Unterschied schmerzhaft und dürfte bald seine Unzufriedenheit kundtun. Die Botschaft der Bibel entwickelt sich gegen den Hintergrund solcher Erfahrungen. Die Bibel ist deshalb nicht super-fromm, sondern super-real.
Jetzt kann man das umkehren: Versucht man immer alles «richtig» zu machen, liegt die Versuchung nahe, auf eigene Kraft zu Gott zu gelangen und alles «richtig» zu machen. Wie wäre es, einmal dieses Vertrauen auf eigene Kraft durch Gottvertrauen zu ersetzen? Wie wäre es, wenn Du Dich einmal auf «Unzufriedenheit über eigene Leistung» einlässt? Vollkommen unvollkommen kann man lernen, auf Gott zu vertrauen. Man bewegt sich hinweg von gesetzlichem Denken und Eigenleistung, hin zu einem Vertrauen auf Gottes Wirken. Ob ich in diesem Prozess alles richtig mache, ist in Seiner Gnade aufgehoben. Das löst Stress auf.
Auf Bern-Deutsch gibt es diesen prächtigen Spruch vom Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti:
«wo chiemte mer hi
wenn alli seite
wo chiemte mer hi
und niemer giengti
für einisch z’luege
wohi dass me chiem
we me gieng»
Frei übersetzt:
«Wo kämen wir hin
wenn alle sagen würden
wo kämen wir hin
und niemand ginge
einmal hin, um zu schauen
wohin man käme
wenn man ginge.»
Ich wünsche Dir in diesem Sinne etwas mehr Unzufriedenheit und die Neugierde, einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man sich auf den Weg macht.

