Es ist verführerisch, die eigene Religiosität als überlegen zu definieren und zu meinen, es gäbe Moral nur durch Religion. Nicht wenige Menschen betrachten Religion als unerlässlich, um eine Moralität zu begründen.

Bei der Moralität geht es häufig um Fragen der Ethik und wie diese Ethik gelebt wird. Von dort kommt man zu Annahmen über «richtiges Verhalten» und «falsches Verhalten». Moralität hat es deshalb oft mit Sitten, Gesetzen und religiösen Vorstellungen zu tun. Ethik ist breiter aufgestellt, wenn sie reflektierend nach den Gründen und Anliegen der Moral fragt und moralische Einschätzungen vergleichend und fragend nebeneinander stellt. Moralität ist das, was in der Gemeinschaft gelebt wird, während Ethik die distanziertere Betrachtung dieser Dinge ist. Man könnte sagen, dass Ethik die Technik und Entwicklung eines Kompasses sind und Moralität die Richtung, die wir konkret einschlagen.

Moralität definiert, was gut ist und was nicht, während die Ethik feststellen kann, dass diese Einschätzungen weltweit verschieden interpretiert werden und es trotzdem Überlappungen gibt. Gemeinschaften pflegen deshalb in der Regel eine bestimmte Moralität, die beispielsweise von religiösen Vorstellungen geprägt ist. Man tut vielleicht gut daran, das eigene Verständnis von Moralität als wertvoll, nicht aber als absolut einzuschätzen. Darüber nachzudenken ruft ethische Fragen auf, die ganz allgemein mit den Begründungen der Moralität zu tun haben. Man reflektiert sein Verhalten, seine Vorstellungen, seinen Umgang mit anderen Menschen.

Erstaunlich deshalb, was Paulus im Römerbrief beschreibt:

«Denn wenn die Nationen, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was das Gesetz fordert, so sind diese (die das Gesetz nicht haben) sich selbst Gesetz, die das in ihre Herzen geschriebene Werk des Gesetzes zur Schau stellen, wobei ihnen ihr Gewissen mit bezeugt und ihre Erwägungen sie untereinander verklagen oder auch verteidigen – an dem Tag, wenn Gott das Verborgene der Menschen richten wird, gemäss meinem Evangelium, durch Jesus Christus.»
Römer 2,14-16

Paulus hat etwas beobachtet. Er hat gesehen, dass Menschen aus den Nationen, aus den nichtjüdischen Völkern, von Natur aus das tun, was das Gesetz fordert. Er scheint hier zu den Menschen aus den Nationen zu sprechen, die ausserhalb der Gemeinde stehen. Er macht den Vergleich mit dem mosaischen Gesetz, das nur Israel gegeben war. Nur Israel wurde dieses Gesetz gegeben und Gott liess die übrigen Völker ihre eigenen Wege gehen (Apg 14,16).

Obwohl die Nationen also kein Gesetz als Richtlinie hatten, hat der Apostel erkannt, dass manche «von Natur aus das tun, was das Gesetz fordert». Mit anderen Worten: Paulus erkannte, dass Menschen, die das Gesetz von Mose nicht hatten, es von Natur aus erfüllten. Menschen scheinen also nicht von Geburt an verdorben und sündig zu sein, wie es die spätere Lehre der Erbsünde darstellt.

Erfüllen manche Menschen aus den Nationen das ganze Gesetz? Das scheint eine ganze Menge an Regeln zu betreffen. Opferdienst und Ritualen kommen mir hier in den Sinn. Vermutlich jedoch meinte der Apostel anderes, denn er landet nicht bei Regeln und Ritualen. Diese Dinge sind zwar im Gesetz des Mose erhalten, aber man kann diese auch als Übungsgrundlage für ein bestimmtes Verhalten sehen, also für eine Ausrichtung des Herzens und des Handelns. Dahinter die Idee, dass Regeln und Ritualen zwar hier und dort für bestimmte Gruppen genannt sind, aber diese Dinge kein Ziel an sich darstellen. Es geht nicht um das Gesetz, sondern um das, was das Gesetz bewirken soll.

Man fragte Jesus einmal Folgendes:

«Lehrer, welches ist das grosse Gebot in dem Gesetz? Er aber sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstande“. Dieses ist das grosse und erste Gebot. Das Zweite aber, ihm gleiche, ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.»
Mt 22,36-40

Die Komplexität des Gesetzes sowie alle Anforderungen können auf wenige Zeilen verkürzt werden. Wer diese Dinge erfüllt, erfüllt sozusagen den Kern des Gesetzes. Jesus spricht hier zu Pharisäern (Mt 22,34).

Die Liebe als Summe des Gesetzes

Im Römerbrief schreibt Paulus ferner:

«Denn das: „Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, lass dich nicht gelüsten“, und wenn es ein anderes Gebot gibt, ist in diesem Worte zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe die Summe des Gesetzes.»
Röm 13,9-10

Paulus, der speziell als Apostel der Nationen berufen war (Röm 11,13), spricht zur Gemeinde in Rom und beschreibt die Liebe als die Summe des Gesetzes. Wer also liebt, erfüllt das Gesetz. Einfacher kann man es nicht zusammenfassen.

Man kann sich jetzt überlegen, dass die Gemeinde in Rom nicht dieselbe Zuhörerschaft ist, wie Jesus die im Gespräch vorhin vor sich hat. Jesus sprach nur zu Juden und konkret nur an Pharisäern. In der Gemeinde in Rom sind jedoch nicht nur Juden gegenwärtig, sondern auch Nichtjuden, die das Gesetz nicht kannten. Es ist wenig hilfreich, zu Nichtjuden über bestimmte Gesetzesregeln als «der Kern des Gesetzes» zu sprechen, wie es Jesus den Pharisäern gegenüber tat. Paulus verkürzt das noch einmal und landet bei bloss einem Begriff: die Liebe. Die ist für jeden verständlich. Denn, die Liebe erfüllt das Gesetz, spricht also zu Juden wie Nichtjuden in der Gemeinde.

Obwohl Paulus es hier nicht explizit erwähnt, kann man fast annehmen, dass diese Menschen, die das Gesetz nicht kannten, ebenfalls religiös geprägt waren. Das war in jener Zeit üblich. Bemerkenswert ist deshalb, dass Paulus nicht an eine andere Religion oder an lokale Sitten referiert. Er schreibt über das, was diese Menschen «von Natur» aus tun. Ebenfalls referiert er an ihr Gewissen als eine solche natürliche Quelle.

Moralität ist demnach nicht von Religion abhängig. Im Vergleich erfüllt Liebe alle Forderungen, auch wenn Gesetze nicht gehalten werden. Das erscheint mir erstaunlich.

Von Natur aus das Gesetz befolgen
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