Wer sich ganz sicher ist in seinen Vorstellungen, der zweifelt vielleicht nicht genug. Das ist eine kühne Behauptung für Menschen, die Glauben mit Sicherheit gleichstellen. Gerade das passiert in vielen Gemeinschaften.
Sind Glaube und Sicherheit dasselbe? Ist Glaube etwa nur «wahr», wenn er eine unerschütterliche Sicherheit versprüht? Das ist keine nebensächliche Frage, denn, obwohl man in seinen Glaubensvorstellungen sicher sein kann, sind Glaube und Sicherheit zwei ganz verschiedene Dinge.
Wer vertraut, der glaubt
Was wir glauben, ist ein Entwurf, eine Idee. Eine solche Idee kann man für sich selbst annehmen oder ablehnen. Jeder färbt diese Einschätzung ein und nutzt dabei die Farbpalette, die er zur Verfügung hat. Was wir also im Detail glauben, ist vermutlich für jeden Menschen etwas anderes. Vielleicht stimmen wir in Grundzügen mit anderen unserer Glaubensgemeinschaft überein, aber das heisst noch lange nicht, dass alle dasselbe glauben, fühlen, oder verstehen.
Glaube ist kein Wissen, keine Sicherheit, sondern wesentlich ein Vertrauen. Glaube steht nicht für Dinge, die «wahr» sind, so wenig wie Unglaube mit «unwahr» verknüpft werden kann. Könnte dies stellenweise überlappen, ist damit noch keine Wesensgleichheit begründet.
Vertrauen und Glauben sind keine Vorstellungen, sondern Lebenshaltungen. Es geht mehr um eine Tätigkeit des Vertrauens und Glaubens, als um eine Liste mit Vorstellungen, die man bejahen müsste. Wer vertraut, der richtet sein Herz aus. Das ist das Wesen von Vertrauen. In den Sprachen der Bibel gibt es keine unterschiedlichen Wörter für «vertrauen» und «glauben». Sie sind ein und dasselbe. Wer sich etwa zurückhält mit der Idee, «an Gott zu glauben», dagegen mühelos sagen kann, «ein Gottvertrauen zu haben», der erkennt das Wesentliche.
Eine Zurückhaltung bei einer Aussage, etwas zu «glauben», ist dann möglicherweise auf eine bestimmte Ausprägung von Glaubensvorstellungen gerichtet. Vielleicht hat man die irgendwo gesehen oder erlebt, in einer Art, die man nicht für sich in Anspruch nehmen kann. Die Ablehnung oder Vorsicht gilt dann einer Kultur oder Vorstellung, nicht dem Glauben an sich.
Glaube ist nicht dasselbe wie Sicherheit
In Gemeinschaften und persönlichen Gesprächen habe ich immer wieder gehört, wie man im Glauben «Sicherheit» empfindet. Dabei verweist man gar auf eine Bibelstelle:
«Der Glaube ist (die zuversichtliche) Annahme (dessen, was man) erwartet, (ein) Überführtsein (von) Tatsachen, die (man) nicht erblickt.»
Hebräer 11,1
Glaube ist eine Annahme. Das stimmt natürlich. Etwas annehmen zu können, ist eine menschliche Fähigkeit. Entscheidend ist aber, was anschliessend folgt. Es ist eine Annahme von dem, was man erwartet, ein Überführtsein von Tatsachen, die man nicht sieht. Glaube hat demnach mit Erwartung, Zuspruch und Ermutigung zu tun, und das spricht von zukünftigen Dingen. Diese Erwartung baut Glaube nicht auf sichtbare Dinge auf, sondern auf Sachen, die man nicht sieht. Solches tun wir täglich, mit oder ohne Glaubensvorstellungen. Hier jedoch geht es um Annahmen, die im Zeugnis der Bibel erwähnt werden. Erwartung, Zuspruch und Ermutigung sind menschliche Reaktionen und zeigen, wozu lebendiger Glaube führen kann. Glaube «verleiht Flügel».
Sucht man eine Beschreibung davon, wie Glaube im Leben wirkt? Dann vielleicht dies: Glaube ist die zuversichtliche Annahme von dem, was man erwartet, eine innere Sicherheit dieser Erwartung, die man nicht von sichtbaren Dingen, sondern von Zuspruch ableitet. Glaube ist menschlich, aber er kann sich etwa von einer frohen Botschaft (Evangelium) berühren und ausrichten lassen. Menschen glauben auf viele Arten, erleben und praktizieren das an alltäglichen Dingen, aber dieselbe Fähigkeit kann auch zu Gottvertrauen führen.
Glaube ist demnach keine Sicherheit, auch wenn viele Menschen Glauben damit verwirren. Glaube ist eine Annahme. Es ist etwas, das man als Ausgangslage für das Denken und den Alltag nimmt. Glauben ist, wenn man es weiter aus dem Vers ableiten kann, ein Überführtsein von unsichtbaren Dingen. Denkt man etwa an Begriffe wie «Zuversicht» oder «geistlicher Horizont», dann entstehen die als Glaubensvorstellungen durch das, was man hört, nicht durch das, was man sieht.
Glaube ist kraftvoll, weil er Zuversicht schenkt. Mit der Zuversicht entsteht eine Ausrichtung des Denkens. Diese Ausrichtung ist getragen von Zuversicht, die sich auch fühlen lässt. Der Atem wird ruhiger, der Geist beruhigt sich, weil man zuversichtlich nach vorn schaut. Glaube hat diese Kraft, nicht weil es um sichtbare Dinge geht, sondern weil es sich von unsichtbaren Dingen ermutigen lässt.
Man denke etwa an die Worte Jesu:
«Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Rost zerstören und wo Diebe durchgraben und stehlen; sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost zerstören und wo Diebe nicht durchgraben noch stehlen; denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.»
Mt 6,19-21
Glaube ist die Ausrichtung des Herzens, die ermutigte Entwicklung des Vertrauens.
Glaube spricht von Entwicklung
Wörter können uns berühren. Glaube entsteht durch Verkündigung, hat Paulus den Römern geschrieben (Röm 10,17). Das ist genau der Punkt: Worte berühren uns und inspirieren zum Vertrauen. Das Wort «inspirieren» ist hier eine bewusste Wahl, denn im gleichen Römerbrief schreibt der Apostel, dass «Gottes Geist mit unserem Geist bezeugt» (Röm 8,16).
Paulus bezeugt an anderer Stelle, dass «alle Schrift gottgehaucht» (2Tim 3,16), nämlich von Gottes Geist getragen ist. Es wird nicht weiter erklärt, ausser in der Auswirkung. Worte der Bibel haben diese Qualität, die von vielen Christen bezeugt wird. Oft wird gedacht, dass Paulus hier an die heute bekannte Bibel referiert. Das tat er natürlich nicht, weil es diese Bibel noch gar nicht gab. Wenn Paulus von «alle Schrift» sprach, bezog er sich auf die ihm bekannten Schriften und nicht etwa auf seine eigenen Briefe (!).
Hier ist der Zusammenhang der Erfahrung, die man von verschiedenen Seiten betrachten kann:
- Die Bibel bewirkt Glauben, dadurch Zuspruch, Ausblick und Vertrauen (Hurra!)
- Gottes Geist wirkt in dieser Schrift, die eine entsprechende Auswirkung auf Menschen haben kann (Eindrücklich!).
Verschiedene Blickwinkel lösen verschiedene Reaktionen aus. Entscheidend ist, dass hierdurch etwas in der Ausrichtung unseres Lebens bewirkt wird. Es geht nicht darum, «an die Bibel zu glauben» oder andere seltsame Ansichten zu pflegen. In jedem Zusammenhang geht es um Zuspruch, Ausrichtung und Vertrauen und darum, was wir damit im Alltag machen. Oder, in den Worten von Paulus: «damit der Mensch Gottes zubereitet sei, ausgerüstet zu jedem guten Werk» (2Tim 3,16-17).
Glaube ist demnach nicht statisch oder rigide in den Vorstellungen, sondern lebendige Entwicklung von Menschen, die Gottvertrauen pflegen, getragen vom Zuspruch der Schriften:
«Denn all das, was vorher geschrieben wurde, ist gerade uns zur Belehrung geschrieben worden, damit wir durch Ausharren und durch den Zuspruch der Schriften Zuversicht haben mögen.»
Röm 15,4
Glauben und Zweifel
Kein Mensch ist perfekt. Kein Mensch ist gerechtfertigt durch die eigene «Glaubensanstrengung», wie sie vielerorts verstanden wird. Vielmehr ist es so, dass wir einiges nicht verstehen. Glaube ist kein Wissen, keine Sicherheit, sondern schlicht eine Position auf einem Schieberegler. So könnte man sich das vorstellen: ein Schieberegler zwischen den zwei Extremen «Glaube» und «Zweifel».
Hier ist nun die Aufgabe: Stelle den Schieberegler irgendwo auf dieser Skala ein, dort, wo du dich wohlfühlst. Der eine zweifelt mehr, der andere vertraut mehr. Kaum jemand wird sich bei den Extremen «100% Glauben» oder «100% Zweifel» aufhalten. Wenn man dies etwa in einer Gruppe tut, kann man sehen, wie verschieden Menschen sich selbst einschätzen.
Zweifel ist nicht dasselbe wie Unglaube, ebenso wie Glaube und Sicherheit nicht dasselbe sind. Erst in Ansichten mancher Christen werden Unsicherheit und Zweifel gleichgeschaltet und einer Glaubensvorstellung gegenübergestellt, die aus lauter Sicherheit zu funktionieren scheint. Problematisch ist das vor allem, weil Zweifel von einer Gemeinschaft oder einzelnen Menschen als «gefährlich» eingeschätzt wird. Man darf in solchen Gemeinschaften nicht zweifeln, keine Fragen stellen, die die angebliche Sicherheit gefährden.
Glauben und Zweifel gehören zueinander. Glaube kann sich nur entwickeln, wenn nicht alles 100% sicher ist. Zweifel lässt Fragen stellen, die zu einer authentischen Auseinandersetzung führen können. Zweifel ist sozusagen der Motor für eine gesunde Entwicklung. Wenn niemand in einer Gemeinschaft mehr zweifelt, verliert die Gemeinschaft die Lebendigkeit des Glaubens. Wenn alles «Sicherheit und Gewissheit» ausstrahlt, gibt es keinen Anreiz mehr, sich mit der Realität dieser Welt auseinanderzusetzen.
Ist man einmal an einem solchen rigiden Punkt angelangt, gibt es zwei Möglichkeiten, wie es weitergeht: Man verfestigt die eigenen Vorstellungen zu einer Ideologie, oder die Gemeinschaft stirbt, weil das Leben verschwunden ist.
Dies ist, was Zweifler für die Gemeinschaft bedeuten: eine Rettungsleine zum Erhalt der Lebendigkeit. Gewissheit im Glauben ist überbewertet.

