Auf dieser Website gibt es keine Kommentarmöglichkeit. Ähnlich wird es auf dem YouTube-Kanal von Kernbeisser gehandhabt. Nicht jedem passt das. Diese Einstellungen werden gewählt, nicht etwa, weil ich keinen Austausch befürworte, sondern weil es oft nicht möglich ist, einen zivilen Diskurs zu führen. Viele Themen hier sind polarisierend und führen zu polemischen Grabenkämpfen, wenn man dem keinen Riegel vorschiebt. In diesem Beitrag geht es um Grabenkriege und was man damit tut.

Es gibt viele Websites, die Kommentare erlauben. Ebenso viele Websites gibt es jedoch, die Kommentare pauschal abschalten. Dasselbe gilt für YouTube-Kanäle. Heute stolperte ich über eine News-Website, die für einen bestimmten Beitrag die Kommentare abgeschaltet hat. Dazu wurde erklärt, weshalb man Texte zu bestimmten Themen grundsätzlich ohne Kommentarfunktion veröffentlicht.

Problematische Themen

Es gibt Themen, die für polarisierende Standpunkte bekannt sind. Politik gehört dazu und auch Religion. Es gibt jedoch nicht nur polarisierende Themen, als ginge es bloss um bestimmte Kategorien. Polarisierend wird etwas, wenn Menschen polemisch über diese Themen nachdenken, jede andere Meinung als die eigene als persönlichen Angriff werten und dann aggressiv dagegen wittern.

Polarisierend wird etwas, wenn Menschen polemisch über diese Themen nachdenken.

Gestattet man zu solchen Themen Kommentare, entartet das durch polemisch denkende Menschen bald in ein Schlachtfeld der selbstgerechten Darstellungen und Verurteilungen anderer. Das passiert in Foren, auf Websites, auf Social-Media-Plattformen. Evangelikale scheinen überdurchschnittlich oft davon betroffen zu sein. Das verinnerlichte Weltbild, Gottesbild und Menschenbild darf nicht hinterfragt werden und die eigene Sicht muss zwanghaft nach aussen hin vertreten und ständig verteidigt werden.

Problematische Themen sind oft die, welche das eigene Weltbild, Gottesbild und Menschenbild hinterfragen. Dies triggert Emotionen und führt zu starker Abwehr.

Betrachtung aus der Distanz

Kann man diese Darstellung mit etwas Distanz betrachten? Es geht mir keineswegs um bestimmte Menschen und ich komme aus dem gleichen Denken heraus. Auf dieser Website berichte ich in meinen Beitragen von Erfahrungen und Gesprächen aus Jahrzehnten. Hier schreibe ich, weil ich in einer kritischen Selbstanalyse und durch viele Gespräche entdeckte, welche Mechanismen hinter bestimmten Verhaltensweisen ihr Unwesen treiben. Aus etwas Distanz möchte ich hier die Mechanismen reflektieren, die ich mit der Zeit erkannte.

Eine Radikalität des Glaubens muss für Christen nicht extrem sein, sondern kann sogar erstrebenswert sein. Es kann die feste Überzeugung sein, dass man sein Leben vor Gott leben will und auf die frohe Botschaft der Gnade Gottes in Christus Jesus aufbaut. Es ist, als wenn man sagt: «Genau das will ich!». Daran ist nichts falsch.

Diese positive Sicht kann jedoch entgleisen. Wenn Menschen zu typischen «Fundamentalisten» mutieren, geht es nie um diesen positiven Entschluss. Glaubensvorstellungen werden in rigiden Ansichten verfestigt, die anschliessend als Richtlinien für die ganze Welt durchgesetzt werden müssen. So wird persönlicher Glaube durch christliche Ideologien ersetzt. Der Vorgang ist oft schleichend.

Die Guten und die Bösen

Extrem wird etwas, wenn es im Leben extrem gelebt wird, wenn man etwa andere Meinungen nicht mehr ertragen kann, andere Menschen von den eigenen Gedanken überzeugen muss, wenn der Lebensentwurf aus «richtig oder falsch», «gut oder böse» und dergleichen Dingen besteht. Man denke hier jedoch auch an Ideen wie «richtige Lehre» gegenüber «falsche Lehre».

Oft gekennzeichnet durch ein Schwarzweiss-Denken, rechnet man sich selbst zu den «Guten», Andersdenkende jedoch zu den «Bösen». Das ist weitverbreitet in Evangelikalen Kreisen, wenn man etwa aufteilt zwischen «Gläubig» und «Ungläubig». Das wird noch verstärkt, wenn bestimmte Lehren unbedingt geglaubt werden müssen, ansonsten wird man als «ungläubig, verloren und verdammt» betrachtet. In manchen Gemeinden muss man «höllisch aufpassen», kein falsches Wort zu sagen.

Beschreibe ich das mit anderen Worten, dann geht es darum, dass vermeintlich Rechtgläubige sich in die eigene Welt zurückziehen und über andere herziehen. Daraus kommen dann Verketzerungen, Wutausbrüche, Verleumdungen (getarnt als «Warnung») und dergleichen mehr. Das ist keine religiöse Entgleisung. Dies ist nicht auf Religion begrenzt. Es ist ein allgemeines Problem. Vorhin erwähnte ich Zeitungen, die eine Kommentarfunktion regelmässig auch bei Tagesthemen abstellen müssen, weil sie ähnliche Entgleisungen erfahren. Es ist ein rein menschliches Phänomen, eine psychologische Not. Dies trübt viele Bereiche der Gesellschaft, des menschlichen Austausches, inklusiv religiöse Themen.

Die Guten und die Bösen sind dies durch Interpretation. Sie werden so interpretiert wegen der verinnerlichten Vorstellungen. Es können sowohl «Guten» als auch «Bösen» in extremen Darstellungen gefangen sein. Das erkennt man daran, dass diese beiden Gruppen aufeinander losgehen, sobald sie dazu die Gelegenheit bekommen, etwa in Kommentarspalten.

Grabenkämpfe

In diesem Beitrag geht es nicht darum, wer recht hat, wer zu den Guten oder wer zu den Bösen gehört. Es geht hier bloss um die Mechanismen. Ich stelle fest, dass beide manchmal aufeinander losgehen. Das kann sich in etwa so zutragen:

Es wird etwas gesagt, was jemand anders nicht gefällt. Diese andere Person fühlt sich davon betroffen und meint, die Aussage korrigieren oder widersprechen zu müssen. Danach geraten sich die beiden in die Haare und jeder verschanzt sich in den eigenen Vorstellungen. Es ist ein Rückzug in einen Grabenkrieg, in dem Fronten besetzt werden und im Kampf Argumente hin und her fliegen.

Dies ist eine allgemeine Beschreibung. Ich versuche dasselbe mit einem konkreten Beispiel zu beschreiben:

Auf dieser Website erkläre ich regelmässig, dass die Hölle-Lehre nicht in der Bibel steht. Das ruft viele Hölle-Liebhaber auf den Plan, von denen einige sich gerne auf einen Grabenkrieg mit mir einlassen, andere sich dagegen eher auf den bequemen Rückzug fokussieren, indem sie mich verketzern und verleumden. Das ist zwar nicht nobel, aber es ist ebenfalls eine Strategie, mit einem anderen Verständnis umzugehen und die eigenen Emotionen zu regulieren.

Wie reagiere ich darauf? Das ist jetzt die entscheidende Frage. Gehe ich etwa mit Gegenargumente auf die andere Seite los, dann bekenne ich dadurch, dass ich nach wie vor in diesem Schwarzweiss-Denken gefangen bin. Ich hätte dann nur die Seite gewechselt, verhalte mich jedoch gleich. Was ist die Alternative? Ich kann mich auch von Kommentaren enthalten und dem Grabenkrieg keinen Vorschub leisten. Dann steige ich aus und erlaube keine ungeistliche Negativität.

Mitmachen im Grabenkrieg oder aussteigen? In Foren und auf unzähligen weiteren Websites, sowie zu Anfang bei eigenen Publikationen, habe ich ein Gespräch versucht. Ich bin eingestiegen im Gespräch, um mit Argumenten und Gegenfragen einen vernünftigen Austausch zu fördern. In der Regel misslingt das, weil die Verleumder und Verketzer beider Seiten bereits eine Position haben und alles andere ablehnen. Man hat keine Fragen, wodurch eine authentische Begegnung stattfinden könnte. Dadurch scheitern Grabenkämpfe in der Regel.

Weihnachtsfrieden

Der Erste Weltkrieg war über weite Teile ein Grabenkrieg. Der Begriff stammt aus dieser Zeit. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt eine spezielle und oft romantisierte Geschichte. Es soll einmal zu Weihnachten einen temporären Waffenstillstand gegeben haben.

Weihnachtsfrieden

Von einer Lehrkultur zu einer Lernkultur

Weitverbreitet ist das Verständnis von «richtiger Lehre» gegenüber «falscher Lehre». Richtig und falsch sind hier Gegensätze und bilden die Grundlage für ein Schwarzweiss-Denken, das in vielen evangelikalen Gemeinschaften stark ausgeprägt ist. Hier haben sich Ideen zu christlichen Ideologien verfestigt.

Was passiert, wenn man entdeckt, dass die vermeintlich richtige Lehre tatsächlich falsch ist und die vermeintlich falsche Lehre richtig sei? Dann kann man das Lager wechseln. Das habe ich selbst zuerst auch gemacht. Ich kroch vorsichtig aus meinem bisherigen Graben heraus und bewegte mich unter dem Kugelhagel durch, auf die gegenüberliegende Frontlinie zu, bis ich dort in den Graben fiel.

Es war eine richtige Befreiung, endlich einmal Klarheit in gewissen Fragen zu erhalten, und ich wagte den Schritt von der einen zur anderen Lehre. Wer evangelikale Gemeinschaften von innen her kennt, weiss, wieviel Mut ein solcher Schritt benötigt. Ich freue mich über jeden, der Fragen neu zu stellen wagt und dann neue Antworten findet. Ich war aber weiterhin nicht angekommen, denn ich war immer noch in einem Grabenkrieg verwickelt.

Zuerst habe ich nur das Lager gewechselt. Das Schwarzweiss-Denken war immer noch präsent. Ich hatte lediglich die Schilder für «Falsch» und «Richtig» ausgetauscht, weil ich an einem anderen Ort stand. Ich spürte eine grosse Befreiung. Die Wahrheit, so dachte ich, muss ich nach wie vor mit Feuer und dem Schwert verteidigen. Ich hatte zwar das Lager gewechselt, war jedoch immer noch extrem geprägt. Die Befreiung war real, aber so richtig frei war ich trotzdem nicht.

Es hat nochmals Jahre benötigt, bis ich erkannte, dass ich zwar die Lehre, nicht aber die Haltung gewechselt hatte. Ich bin dankbar für jeden, der mich auf diese problematische Haltung hinwies. Allmählich stellte sich die Frage, ob man seinen Glauben nicht offener, freier und gesünder leben könnte? Es dauerte, bis Grabenkriege nicht mehr mein Ding waren. Ich erkannte, dass Argumente nicht immer weiterhelfen.

Es dauerte, bis Grabenkriege nicht mehr mein Ding waren.

Zwar war es mir bei solchen Auseinandersetzungen immer etwas unwohl, aber niemand hat mir vorgelebt, wie eine Auseinandersetzung auch lebenswert und anders gelebt werden konnte. Ich war auf der Suche nach einer gesünderen Alternative. Ich denke, es ergeht vielen so.

Evangelikales Denken wittert bei jeder anderen Meinung, bei jeder Differenzierung und bei jedem Hinterfragen sofort ein «Liberales Denken», welches höchst gefährlich ist und dich sogar in den Abgrund des Unglaubens verschlucken könnte. Es dauerte, bis ich erkannte, dass man eine überzogene Selbstgerechtigkeit pflegte, die mit Kadavergehorsam honoriert werden sollte.

Wie man das Schwarzweiss-Denken hinter sich lassen kann, ist wohl nicht für jeden gleich. Ich bin mir bewusst, dass es ein Prozess ist, weil auch ich Jahre für Änderungen benötigt habe. Natürlich bin ich heute nicht besser als damals. Ich habe jedoch einige extreme Ansichten und Haltungen abgelegt. Dafür habe ich gelernt, wie ich etwas besser differenzieren kann. Meine Betonung auf eine Lehrkultur wechselte zur Betonung einer Lernkultur.

Raus aus dem Grabenkrieg

Auf dieser Website erlaube ich keine Kommentare. Auch auf dem YouTube-Kanal schalte ich sie meist bewusst ab. Oft habe ich es versucht und bin damit jedes Mal gescheitert. Es gab Menschen, die sofort zu Verketzern anfingen, andere, die umgehend versuchten, die Kommentarspalten für sich zu kapern. Die Kommentare entarteten blitzartig in ein Schlachtfeld. Deshalb keine Kommentare. Bewusst wurde das so eingerichtet. Es geht mir ausdrücklich nicht darum, andere Meinungen auszublenden. Das wird mir manchmal vorgeworfen, als würde ich nur versuchen, andere mundtot zu machen. Das ist lächerlich. Ich würde gerade dadurch genau dasselbe machen. Nicht doch!

Der Grund ist einfach: Polarisierungen sind nicht hilfreich. Aus Grabenkriegen steigt man aus und nimmt gar nicht daran teil. Ob man es gut meint, ist irrelevant. Keine Kommentarmöglichkeit anzubieten, verhindert einen Missbrauch und schützt alle gut meinenden Menschen.

Anstelle von Grabenkriegen und Rechthaberei und als Alternative für Selbstgerechtigkeit könnte man sich auf wichtigere Dinge konzentrieren. Man denke etwa an Dinge, die zum Aufbau dienen, an Glauben, der durch Liebe wirksam wird und an Gnade, womit man einander begegnet? Das ist keine Gefühlsduselei, sondern es sind gute Werke, die Gott für uns vorbereitet, damit wir darin wandeln (Eph 2,8-10; 2Tim 3,16-17). Denn niemand hier muss recht haben. Darum geht es nicht und das hilft nicht weiter. Die rhetorische Frage hier: Wäre es nicht viel nützlicher, Grabenkriege wegzulassen und stattdessen die Gesinnung von Christus zu üben?

Wäre es nicht viel nützlicher, Grabenkriege wegzulassen und stattdessen die Gesinnung von Christus zu üben?

Es gibt weitere Texte, die sich mit diesem Problemfeld auseinandersetzen, etwa dieser hier:

Leben mit Widerspruch
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